Archiv der Kategorie: Bildungsforschung

Aufzeichnung von ununi.tv: Graswurzelbewegung trifft Bildungspolitik – Diskussion zu den BMBF-geförderten OER-Projekten

Anja C. Wagner und Markus Deimann luden am 21.5.2015 auf ununi.tv zu einer Diskussion über die BMBF-geförderten OER-Projekte Studie zu einer möglichen OER-Infrastruktur des Deutschen Bildungsservers und „Mapping OER“ der Wikimedia Deutschland ein.
An der Diskussion nahmen teil:

  • Elly Köpf, Wikimedia, Projektverantwortung für das Projekt Mapping-OER – Bildungsmaterialien gemeinsam gestalten
  • Ingo Blees & Axel Kuehnlenz, DIPF, Projektverantwortung für die Machbarkeitsstudie zum Aufbau und Betrieb von OER-Infrastrukturen in der Bildung
  • Saskia Esken, MdB für die SPD Baden-Württemberg, ordentliches Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung und im Ausschuss Digitale Agenda und Berichterstatterin ihrer Fraktion für digitale Bildung.

Wer es verpasst hat, die Aufzeichnung der Diskussion steht im Netz zur Verfügung:


 
 

Welche Infrastrukturen braucht Deutschland für freie Bildungsmedien? BMBF vergibt Auftrag für Machbarkeitsstudie an den am DIPF koordinierten Deutschen Bildungsserver – Das Learning Lab der Universität Duisburg Essen kooperiert dabei mit dem Deutschen Bildungsserver

 

 

 

Die Frage, wie sich die pädagogisch-didaktischen Potenziale von Open Educational Resources (OER) im Bildungssystem nutzen lassen, ist spätestens seit einer ersten Experten-Anhörung, die im Herbst 2012 im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) stattfand, auch in Deutschland Bestandteil der bildungspolitischen Agenda. Zuletzt hat eine gemeinsame Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz (KMK) und des BMBF Anfang 2015 einen Bericht vorgelegt, der „den Aufbau einer neuen bzw. die Unterstützung bereits bestehender Plattformen im Internet“ empfiehlt, „auf denen Verweise zu verschiedenen OER-Quellen und, falls sinnvoll, auch OER-Materialien gebündelt bereitgestellt, gefunden und heruntergeladen werden können.“

Um Bedarf und Voraussetzungen für eine öffentliche Förderung entsprechender OER-Infrastrukturen zu klären, hat das BMBF nun die Geschäftsstelle des von Bund und Ländern getragenen Internetdienstes Deutscher Bildungsserver, der am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) koordiniert wird, mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt. Das Design der Studie, die im Zeitraum April bis Oktober 2015 durchgeführt wird, sieht vor, quantitative und qualitative Erhebungsmethoden zu verbinden. Bei der Umsetzung kooperiert der Deutsche Bildungsserver mit dem Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement der Universität Duisburg-Essen. Ziel der Untersuchung ist es, technische und organisatorische Erfordernisse für den Aufbau und Betrieb von Plattformen für freie Lehr- und Lernmaterialien in den unterschiedlichen Bildungsbereichen zu ermitteln sowie Chancen bereichsübergreifender Kooperationen auszuloten. Die Durchführung der Studie erfolgt im Dialog mit Expertinnen und Experten aus Bildungspraxis, Bildungsadministration und Wissenschaft, mit Akteurinnen und Akteuren der OER-Bewegung sowie mit Medienanbietern und Betreibern einschlägiger Internetportale.

Jetzt erschienen: Zeitschrift Weiterbildung, Heft 2/2014: Digitale Medien – Lernen ohne Grenzen

  
ZS WB 2/2014

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Weiterbildung mit dem Schwerpunkt „Digitale Medien – Lernen ohne Grenzen´´ entstand in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bildungsserver und ist nun erschienen. U.a. mit einem Interview mit Jochen Robes: „Mehr als Blended Learning!´´.
Ingo Blees und Axel Kühnlenz plädieren in ihrem OER-Beitrag für freien Wissenserwerb auch in der Weiterbildung.
Die Themen E-Learning und MOOCs sind zudem Gegenstand mehrerer Beiträge.
– Editorial von RA Jörg E. Feuchthofen und Doris Hirschmann
– Linkempfehlungen zum Schwerpunkt von Renate Tilgner
– Inhaltsverzeichnis des Hefts
 
 
 
 

Gastbeitrag: Prof. Dr. Beatrice Rammstedt & Daniela Ackermann: PIAAC – Grundkompetenzen Erwachsener: Ergebnisse und Ausblick

Seit der Veröffentlichung der PIAAC-Studie wird die Expertise der Projektleiterin für PIAAC in Deutschland Prof. Dr. Beatrice Rammstedt und ihrer Mitarbeiterin Daniela Ackermann permanent sehr stark nachgefragt. Aber sie haben nun Zeit gefunden, unserer Bitte nachzukommen, und sich zu einem Beitrag über PIAAC bereit erklärt. Wir freuen uns sehr, dass damit die Reihe der Gastbeiträge im bildungsserverBLOG zu PIAAC fortgesetzt werden kann, und wünschen eine interessante Lektüre.
Noch ein Hinweis: beim Deutschen Bildungsserver steht ein Dossier zu PIAAC zur Verfügung mit direkten Verweisen auf die Studie, die Kurzfassung, zur Vorgeschichte und einer Auswahl an Stellungnahmen.

Prof_Dr_Beatrice_Rammstedt

 

Prof. Dr. Beatrice Rammstedt ist Projektleiterin (NPM) für PIAAC in Deutschland und Professorin für Psychologische Diagnostik, Umfragedesign und Methodik an der Universität Mannheim sowie wissenschaftliche Leiterin der Abteilung Survey Design and Methodology bei GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.

 

 

Daniela_Ackermann

 

Daniela Ackermann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im nationalen PIAAC-Team bei GESIS.

 

 

 

PIAAC wurde bereits 2008 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) initiiert. Am 8. Oktober 2013 wurden nun die Ergebnisse der Studie veröffentlicht, welche in mehr als 20 Ländern Grundkompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich untersuchte. Zum ersten Mal liegen mit PIAAC nun international vergleichende Daten von sehr hoher Qualität über die zentralen Grundkompetenzen Erwachsener vor. Dabei standen Lesekompetenzen, alltagsmathematische Kompetenzen sowie Problemlösekompetenzen im Kontext neuer Technologien im Fokus. Sie bilden eine wichtige Grundlage für die Entwicklung zahlreicher weiterer spezifischer Kompetenzen und Fertigkeiten.

Ergebnisse für Deutschland
Im internationalen Vergleich liegen die Grundkompetenzen für Deutschland in allen drei Domänen mehr oder minder im durchschnittlichen Bereich. So zeigen die Ergebnisse, dass Deutschland eine leicht unterdurchschnittliche Lesekompetenz, eine leicht überdurchschnittliche alltagsmathematische Kompetenz und eine durchschnittliche technologiebasierte Problemlösekompetenz aufweist.

Das unterdurchschnittliche Abschneiden Deutschlands im Bereich der Lesekompetenz ist hauptsächlich durch Schwächen im unteren Leistungsbereich begründet. Bei den leistungsschwächsten Viertel der Deutschen verdoppelt sich der Abstand zum OECD-Durchschnitt. Umgekehrt lässt sich das leicht überdurchschnittliche Abschneiden in der Alltagsmathematik auf Stärken im oberen Leistungsbereich zurückführen.

Betrachtet man die verschiedenen Länder im Vergleich zeigt sich, dass die Kompetenzwerte der meisten Länder recht homogen sind. So liegen die Lesekompetenzwerte von mehr als der Hälfte der Länder in einer Spanne von fünf Punkten um den OECD-Mittelwert. Mit Abstand die höchsten Werte in der Lese- und alltagsmathematische Kompetenzen erzielt Japan; die niedrigsten Werte erreichen Spanien und Italien.

Stärker noch als die Länder untereinander unterscheiden sich verschiedene Bevölkerungsgruppen innerhalb der Länder. Nicht überraschend unterscheiden sich besonders deutlich Personen mit einem unterschiedlichen Bildungsabschluss: So haben – über alle Länder hinweg – Personen mit einem niedrigen Abschluss im Mittel geringere Kompetenzen. Besorgniserregend aus deutscher Perspektive ist in diesem Zusammenhang, dass mehr als die Hälfte der Personen mit maximal einem Hauptschulabschluss nur über sehr geringe Lese- und alltagsmathematische Kompetenzen verfügen. Aufgrund der sehr geringen Grundkompetenzen und des niedrigen Bildungsabschlusses ist zu befürchten, dass diese Personengruppe geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat und somit ebenfalls vergleichsweise geringere Möglichkeiten die Grundkompetenzen im beruflichen Kontext weiterzuentwickeln.

Zwar wurden in PIAAC keine berufsspezifischen Kompetenzen erfasst, die Ergebnisse zeigen jedoch, dass höhere Grundkompetenzen mit Arbeitsmarkterfolg einhergehen. So zeigt sich, dass höhere Grundkompetenzen für die Teilhabe am Arbeitsmarkt relevant sind: Erwerbstätige weisen im Mittel höhere Grundkompetenzen auf als Nicht-Erwerbspersonen oder Erwerbslose. Personen mit geringeren Kompetenzen haben demnach ein erhöhtes Risiko erwerbslos zu sein. Daneben zeigt sich, dass Personen mit höheren Kompetenzen im Mittel auch mehr verdienen, als Personen mit geringeren Kompetenzen. Auch der Bildungshintergrund der Eltern spielt im Erwachsenenal¬ter eine Rolle für Kompetenzunterschiede. Besonders in Deutschland, nur noch übertroffen von den Vereinigten Staaten, besitzen Personen deren Eltern einen niedrigeren formalen Bildungsabschluss haben, auch im Erwachsenenalter geringere Kompetenzen, als Personen deren Eltern einen höheren Abschluss haben.

Insgesamt betrachtet zeigen die Ergebnisse von PIAAC deutlich Parallelen zu den PISA-Ergebnissen der letzten Jahre. Wie in PISA 2000 zeigt sich in PIAAC eine im internationalen Vergleich unterdurchschnittliche Lesekompetenz. Diese ist insbesondere auf Schwächen im unteren Leistungsbereich zurückzuführen. Ebenfalls wie in PISA ist in Deutschland der Effekt der sozialen Herkunft besonders stark ausgeprägt.

Ähnlich wie in den aktuellsten Ergebnissen von PISA, welche Anfang Dezember veröffentlicht wurden, ist auch in PIAAC ein positiver Trend in der Lesekompetenz zu erkennen: Betrachtet man die Lesekompetenz der jüngsten Gruppe, nämlich 16- bis 24-Jährigen, im internationalen Vergleich zeigt sich ein positiveres Bild aus deutscher Perspektive: Die Jüngsten erzielen im Mittel deutlich bessere Lesekompetenzen, welche sich nicht mehr vom internationalen Durchschnitt unterscheiden.

Die aktuelle PISA-Studie ist seit heute online

 
Neben der Studie in englischer und deutscher Sprache stellt der Deutsche Bildungsserver in seinem
Dossier zur heute erschienenen aktuellen PISA-Studie
außerdem Hinweise auf erste Reaktionen und auf weiterführende Informationen zur Verfügung.
 
Das folgende Video stammt von der OECD und stellt die PISA Studie ganz allgemein als Chance zur Weiterentwicklung von Bildungssystemen vor:

 
 

Gastbeitrag: Prof. Dr. Anke Grotlüschen: PIAAC und die Folgen. Eine unautorisierte Einschätzung der Diskussion.

Wir vom BLOG des Deutschen Bildungsservers freuen uns, dass

Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Universität hamburg

 

Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Professorin für Lebenslanges Lernen
an der Universität Hamburg

 

 

auf unsere Bitte hin, als Gastautorin in diesem Forum eine Betrachtung zu den Ergebnissen, Stellungnahmen und politischen Konstellationen rund um das „Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC) veröffentlicht. Herzlichen Dank an Frau Grotlüschen und hier ihr Beitrag:

1. Ergebnisse
(Quelle: Beatrice Rammstedt (Hg.): Grundlegende Kompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich. Ergebnisse von PIAAC 2012. Online auf den Seiten der GESIS www.gesis.org/piaac).
Deutschland liegt im Mittelfeld, teilweise unter dem Durchschnitt, auf jeden Fall nicht in einem Bereich der Dichter und Denker. Die Selektionsweltmeisterschaft geht zwar an die USA, aber Deutschland belegt den zweiten Platz, wenn man die soziale Herkunft und die Kompetenzen in ein Verhältnis zueinander setzt. Die Selektivität der Weiterbildungsteilnahme ist in Deutschland hingegen extrem hoch, Menschen auf dem Lese-Level 4/5 haben eine dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit, an Weiterbildung teilzunehmen, wie Menschen auf dem Lese-Level 1 (70% vs. 28%). Menschen mit geringen Kompetenzen finden in Deutschland offenbar viel zu wenige Chancen, in Weiterbildung – vor allem auch im Betrieb – einzumünden.
Verdrängt haben wir zudem die Frage, wie das Älterwerden mit Kompetenz zusammenhängt. Die Kohorte ab 45 Jahren ist im Mittel weniger kompetent als die Jüngeren. Dem strukturellen Kompetenznachteil dieser Kohorten kann offenbar durch Weiterbildung entgegengewirkt werden. In einer alternden Gesellschaft ist dies auch von Bedeutung, um dem biologischen Altersabbau entgegenzuwirken.
Wenn man diese Faktoren – geringe Kompetenz und höheres Lebensalter – zusammennimmt, wird auch deutlich, dass eine erhöhte Investition in Schulbildung allein keine Lösung sein kann. Ein Drittel der Bevölkerung ist über 50 Jahre alt, soll noch weitere 15 Jahre arbeiten, wird noch jahrzehntelang wählen, Enkelkinder betreuen und Pflegeaufgaben übernehmen. Weiterbildung scheint den Kompetenzabbau verlangsamen zu können.
Kompetenzen werden gebraucht, so die Datenlage. Mathematisches Alltagswissen geht mit Erwerbstätigkeit und Einkommen sogar noch höher einher als die Lesekompetenz. Allerdings sind auch Kompetenzen in der Bevölkerung vorhanden, die im Erwerbsleben nicht hinreichend genutzt werden. Deutschland ist zugleich ein Land hoher Ermessensspielräume bei der Arbeit. Die Voraussetzungen sind insofern gut, dem Verkümmern ungenutzter Kompetenzen entgegen zu treten.

2. Diskurs hier und anderswo
Die nachfolgenden Eindrücke basieren auf Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen im Ausland. Sie sind nicht gegengeprüft, können aber aufzeigen, dass teilweise völlig andere Themen aufgeworfen werden als in Deutschland. England sorgt sich z.B. darum, dass im Kohortenvergleich Ältere und Jüngere dicht beieinander liegen. Dies wird als schlechte Schulpolitik bewertet, tendenziell wird die Vorgängerregierung (Labour) dafür verantwortlich gemacht. Die Weiterbildungsstrategie (Skills for Life) der fraglichen Vorgängerregierung wird offenbar nicht wieder aufgenommen.
In Dänemark werden die Versuche der EU problematisiert, in die nationale Bildungspolitik einzugreifen, auch kritisiert man die zunehmende Individualisierung von Weiterbildung, Bildungsberatung und Karriere.
Frankreich erlebt sich als eines der Schlusslicht-Länder und ist nicht stolz darauf. Man hatte seinerzeit am International Adult Literacy Survey nicht weiter teilgenommen, als sich ähnliche Ergebnisse abzeichneten. Die damals initiierte französische Literalitätserhebung hat ein nach wie vor weitreichendes Echo in Politik, Medien und Praxis. An der PIAAC hat Frankreich nach meiner Einschätzung nur aufgrund einer eigenartigen politischen Konstellation teilgenommen. Frankreich hat erhebliche Vorbehalte gegenüber der monopolistischen Testverwaltung durch das US-amerikanische Institut ETS.
Die USA wiederum melden sich aufgrund des Shutdown zunächst noch gar nicht zu Wort, der nationale PIAAC-Bericht musste insofern auch auf die Veröffentlichung warten. Das Nachbarland Kanada diskutiert hingegen die mangelnde Passung von Kompetenzen und Berufstätigkeit und die Digitale Literalität.

3. Mediales Echo in Deutschland
Die Akteure der PIAAC haben die Medien am Vortag informiert und auf die Einhaltung einer Embargo-Frist vertraut. Die Studie wurde in Deutschland am selben Abend in den Hauptnachrichten gesendet, erreichte den „Spiegel Online“ mit einer Teaser-Meldung am Vortag und einem Hauptartikel sofort nach der Publikation der Daten, landete auf dem Titel der „Zeit“ und befindet sich in jedem überregionalen Printmedium. Anders als bei LEO gab es offenbar keine kurze Presseagentur-Meldung, die sich überallhin fortgesetzt hat – dafür aber erheblich mehr eigens recherchierte und formulierte Langberichte. Die Kommentierung in Tagesschau und Tagesthemen wurde von der OECD, dem DVV und dem DGB vorgenommen, unisono mit einem Fokus auf Weiterbildung. Einzelstimmen weisen darauf hin, dass die Schulpolitik ihre Hausaufgaben erfolgreich gemacht habe. Auch daraus kann man schließen, dass es nun eher um Weiterbildung gehen sollte.

4. Forderungen der OECD
Forderungen gibt es reichlich, allein die Folien des OECD-Repräsentanten Andreas Schleicher enthalten eine Serie an Vorschlägen. Man könne beispielsweise von erfolgreichen Ländern lernen, dass sie flexiblere Arbeitsmärkte haben. Dass sie weniger auf Berufsqualifikation und mehr auf die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen setzen. Dass sie mit individueller Bildungsberatung die Passung verbessern. Problematisch ist daran die Kausalität, die hier vorausgesetzt wird. Für kausale Zusammenhänge helfen keine Daten, sondern Theorien. Und die Theorie, die besagt, Flexibilisierung, Individualisierung und Deinstitutionalisierung sorge für bessere Jobs und besseres Leben, kennt man als Neoliberalismus.
Erkennbar sind aber auch marktwirtschaftliche Interessen der Testhersteller. Neben den bevölkerungsweiten Tests im Quer- und Längsschnitt ist auch die individuelle Testung, etwa zum Zwecke der Anerkennung von Kompetenzen oder zur Studienzulassung, zu einem Markt weltweit handelbarer Bildungsdienstleistungen geworden. Mit dem Titel „Education and Skills online“ liegt ein kostenpflichtiger PIAAC-Individualtest vor, der 2014 ans Netz geht. Deutschland hat sich nicht daran beteiligt, aber in den angloamerikanischen Ländern ist zu erwarten, dass Studienzulassung, Bildungstitel-Vergabe und Einstellung nach und nach von solchen Tests Gebrauch machen werden.
Die OECD versucht m.E., Deutungshoheit über das Bildungs- und Weiterbildungssystem zu gewinnen. Die online übertragene Vorstellung der Ergebnisse durch den OECD Generalsekretär José Angel Gurría machte deutlich: Die OECD bietet der EU eine Kooperation an, bei der sie für jedes EU-Land die Datenauswertung unterstützten werde und eine „road map“ für die bildungspolitischen Veränderungen vorschlagen werde. Da die EU eigentlich kraft Vertragswerk überhaupt keine bildungspolitische Kompetenz hat, ist es dramatisch genug, dass sie sich im Wege des Soft Law von Bologna über Lissabon in die Länderpolitik eingeschlichen hat. Immerhin besteht die EU-Kommission aber noch aus gewählten Vertretungen. Die OECD wird nicht gewählt, sie ist kein bildungspolitisches, sondern ein ökonomisches Institut und sie wird offensichtlich von der EU-Bildungsdirektion mit offenen Armen empfangen. Hier ist es m.E. wichtig, die Unterschiede zwischen den Positionen der OECD und den Positionen des deutschen Konsortiums, v.a. der GESIS, aufmerksam zu beachten.

5. Forderungen der Erwachsenenbildungsorganisationen und Sozialpartner
Die Europäische Assoziation für Erwachsenenbildung flankiert die Ergebnispublikation mit acht Empfehlungen (www.eaea.org/piaac). Sie zielen auf öffentliche Investitionen in Erwachsenenbildung, Motivationskampagnen, Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, die „One Step Up“ Initiative, die Rolle von Erwachsenenbildung in Zeiten der Krise, Etablierung kohärenter Systeme lebenslangen Lernens, Anstrengungen zur Erreichung unterrepräsentierter Gruppen sowie die Kooperation aller relevanten Akteure.
Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung hebt besonders die Korrelation von Beteiligung an lebenslangem Lernen einerseits und der Kompetenz, Gesundheit, Erwerbsbeteiligung, Einkommen sowie sozialer Integration hervor. Hier wird – in Übereinstimmung mit den Interpretationen der OECD – Bildung und lebenslanges Lernen für diese Ergebnisse als ursächlich angesehen.
Der Deutsche Volkshochschulverband fordert Investitionen in die Weiterbildung Geringqualifizierter und kritisiert eine „Bildungsspaltung“ entlang aller relevanten Differenzlinien (Erwerb, Alter, Migration, Elternhaus). Die DVV-Präsidentin Süssmuth kritisiert auch den Rückgang der staatlichen Weiterbildungsförderung als „Irrweg“. Gefordert werden nachholende Schul- und Berufsabschlüsse, eine nationale Dekade für Alphabetisierung, ein großes Nachqualifizierungsprogramm der Arbeitsagentur sowie ein Integrationsprogramm für Zuwanderer über den Sprachunterricht hinaus.
Die Arbeitgeberseite kommentiert die Ergebnisse mit dem Seitenhieb: „Mittelfeld reicht nicht“. Auch der DIHK fordert, in eine bessere Schul- und Weiterbildungspolitik zu investieren.
Der DGB kommentiert: „Soziale Auslese ist die Achillesferse des deutschen Bildungssystems“, kritisiert das „Schattendasein“ der Weiterbildung in der Bildungspolitik und fordert BAFöG-ähnliche Zuschüsse für nachholende Berufsabschlüsse sowie ein bundesweites Weiterbildungsgesetz für bessere Transparenz.
Fazit: So viel Aufmerksamkeit hat die Weiterbildungspolitik in Deutschland lange nicht mehr genossen, auch nicht während der LEO-Publikation. Bleibt zu wünschen, dass der gegenwärtige Drall nicht zu weiterer Delegation der Verantwortung an die Individuen führt, denn die EU-Kommissarin Vassiliou sagte zu Recht: „We’re in this together.“

 

Blickpunkt Begabung – Zahlreiche Informationen zum Thema „Begabung“ in einem neuen Online-Dossier des Deutschen Bildungsservers

Bildung & Begabung

Ein neues Online-Dossier des Deutschen Bildungsservers rückt das Thema „Begabung“ in den Fokus. Für alle Bildungsbereiche hat das Redaktionsteam dazu Internetquellen zusammengetragen. Anlass für das Dossier ist neben vielen aktuellen Diskussionen und Veröffentlichungen die Fachtagung „Perspektive Begabung: Kompetenzentwicklung und Begabung“. Sie wird organisiert vom Zentrum „Bildung & Begabung“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft gefördert wird. Auf der Veranstaltung am 14. März setzen sich zahlreiche namhafte Expertinnen und Experten mit dem Thema auseinander – darunter Professor Dr. Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF).

Das Dossier gibt Hinweise auf relevante Akteure, Einrichtungen, Förderaktivitäten, Beratungsangebote, Forschungsvorhaben und -ergebnisse sowie Informationen im internationalen Kontext. Dabei zeigt sich, dass Begabungsförderung heute nicht mehr allein mit Eliteförderung assoziiert wird. Stattdessen geht es heute verstärkt darum, die individuellen Begabungen, die in jedem Menschen stecken, zu unterstützen. Hochbegabten- und Breitenförderung schließen sich also nicht gegenseitig aus. Das Dossier wird ergänzt durch Veranstaltungshinweise und Anregungen zur Literaturrecherche.

Die Online-Adresse des Dossiers:

http://www.bildungsserver.de/Dossier-zum-Thema-Begabung–10602.html

Der Deutsche Bildungsserver ist der zentrale Internet-Wegweiser zum Bildungssystem in Deutschland und wird als Gemeinschaftsservice von Bund und Ländern im DIPF koordiniert.

Kontakt
Dossier: Dr. Renate Martini, +49 (0) 69 / 24708-321, martini@dipf.de, www.bildungsserver.de
Pressekontakt: Philip Stirm, +49 (0) 69 / 24708-123, stirm@dipf.de, www.dipf.de

Bildungsthemen in bewegten Bildern – Deutscher Bildungsserver startet eigenen YouTube-Kanal

Der Deutsche Bildungsserver bietet nun unter dem Titel „BildungsserverKanal“ einen eigenen YouTube-Kanal mit Videos und Tutorials zu Bildungsthemen an. Das neue Informationsangebot zeigt zum Auftakt den Vortrag „Schulqualität, Schuleffektivität und Schulentwicklung. Welche Erkenntnisse eröffnen unterschiedliche empirische Designs?“, den Professor Dr. Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) beim diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft gehalten hat.

Der in vier Teilen vorliegende Vortrag von Professor Klieme ist Teil der Playlist „Bildungsforschung“ des BildungsserverKanals. Eine weitere Playlist enthält Video-Anleitungen zu Edutags, dem Social-Bookmarking-Dienst des Deutschen Bildungsservers, der in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement der Universität Duisburg-Essen für die gemeinsame Sammlung von Lernressourcen durch Lehrkräfte entwickelt wurde. Das Angebot des BildungsserverKanals zu den Bereichen Bildungsinformation und Bildungsforschung soll kontinuierlich ausgebaut werden.

Die Online-Adresse des neuen BildungsserverKanals: http://www.youtube.com/user/BildungsserverKanal

Die Playlist des Kanals zur Bildungsforschung: http://www.bildungsserver.de/link/yt_playlist_bildungsforschung

Die Playlist zu den Edutags-Tutorials: http://www.bildungsserver.de/link/yt_playlist_edutags

Weitere Informationen
Deutscher Bildungsserver: Ingo Blees, Tel. +49 (0) 69 / 24708-346, E-Mail: blees@dipf.de, www.bildungsserver.de
Pressekontakt: Philip Stirm, Tel. +49 (0) 69 / 24708-123, E-Mail: stirm@dipf.de, www.dipf.de