Professor Marius Reiser will nicht mehr Hochschullehrer sein!
14.01.2009 Joerg M. Beitrag in der Kategorie Bildungspolitik, Hochschule, Hochschulreform | 11 Kommentare » |
Professor Marius Reiser hat sich aus Protest gegen die im Bologna-Prozess verwirklichte Hochschulreform entschlossen, seine seit 1991 existierende Professur zum Ende des laufenden Wintersemesters niederzulegen.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) wurde heute seine Begründung für diesen Schritt veröffentlicht. Prof. Reiser ist Geburtsjahrgang 1954 und handelt somit laut FAZ aus innerer Überzeugung. Eine Reaktion auf seinen Rücktritt von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur:des Landes Rheinland-Pfalz stehen bisher noch aus.
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14.01.2009 um 22:08
Die Entscheidung von Herrn Reiser verdient großen Respekt. Ihre Begründung in der FAZ ist leider überzeugend. Die von Reiser beklagte Verkümmerung der Universitäten paßt genau zur fabrikmäßigen Umgestaltung von Gymnasien unter den Stichworten von “Standards” und “Output”. Der Geist wird nur noch instrumentalisiert und nicht mehr als Selbstzweck im Sinne eines humanen Lebens erkannt. Es ist sehr traurig, daß ein Theologe auf diesen Materialismus nur noch mit seinem Rückzug reagieren kann.
19.01.2009 um 17:45
Weglaufen gilt nicht – Prof. Reiser Opfer von Bologna oder Opfer des Hochschulkriegs?
Fühlt sich Prof. Reiser nun als Opfer der Bologna-Idee, wie es seine Dartellungen bzgl. “straffe Ordnung einer Lernfabrik” vermuten lassen, oder als Opfer des Hochschulkriegs, wenn er sagt: “In Gesprächen erklären alle Kollegen unisono, man dürfe die neuen Vorschriften nicht so ernst nehmen, man müsse sie hinbiegen, durchlöchern, unterlaufen, Etikettenschwindel betreiben und so das Beste daraus machen.” Reiser betrachtet das als Form des passiven Widerstands und zu Recht ist ihm unwohl angesichts solcher Praktiken. Er vergleicht das mit dem Verhalten von Pharisäern: “Sie reden nur, tun aber selbst nicht, was sie sagen.”
Zu Recht sieht er in solchem Verhalten die Gefahr der “Selbstauflösung” der Universitäten. Wenn man für die Hochschulen nicht nur wie Reiser die “Freiheit” als hohes Gut ansieht, sondern auch die Wahrheit, dann ist mit “Etikettenschwindel” und ähnlichen Tricks wahrhaftig kein Staat zu machen. Aber diese sind ja nicht Bestandteil der Bologna-Idee, sondern unfaire Kampfmittel, eingesetzt wohl von beiden Seiten des Interessenskonfliktes.
Und wer da, ob nun Befürworter oder Gegner von Bologna, wie Reiser ehrlich und mit offenem Visier kämpfen will, bedauert die Unredlichkeit mancher Akteure und den Verfall der Sitten. Und dem kann man sich nur anschließen, ob man nun einerseits den Bolognaprezess missbilligt und sich andererseits auf das Matthäusevangelium bezieht wie Reiser oder ob man die Bologna-Idee befürwortet und mit Instrumenten der Projekt- und Unternehmensorganisation argumentiert. Nur – Weglaufen ist keine Lösung.
Das Übel sind nicht die unterschiedlichen Ziele, sondern die Methoden, mit denen sie mitunter ausgefochten werden.
Gerade den Hochschulen würde es gut zu Gesicht stehen, wenn diese Machtspielchen, die es auf beiden Seiten des Interessenskonfliktes gibt, ersetzt würden durch sachliche und systematische Auseinandersetzung. Die Instrumente dazu gibt es. Sie müssten nur gewollt sein.
(die verwendeten Zitate stammen aus dem Aufsatz “Warum ich meinen Lehrstuhl räume” von Marius Reiser in der FAZ vom 14. Jan. 2009)
Karl Rose
25.01.2009 um 23:46
Danke Prof. Reiser!
Als ein ehemaliger Student von Prof. Reiser bedauere ich sehr, dass meine Nachfolger diesen kompetenten NTler verlieren. Prof. Reiser war immer bekannt für seine klaren, teils radikalen Positionen. So wie ich ihn kennengelernt habe, passt es ins Bild, dass er die Konsequenzen zieht und zu seiner Haltung steht und seinen Lehrstuhl aufgibt.
Ich bin wissenschaftlich sicher nicht immer mit ihm einer Meinung, aber: Er hat mir Spaß am Studium des NT vermittelt und mich als überzeugter Christ beeindruckt.
Er wird dem Fachbereich fehlen…
01.02.2009 um 20:56
14.01.2009, 23:29 bei der FAZ und demnächst noch schneller im Bildungserverblog:
Da spricht ein Religions-Professor Klartext und zieht Konsequenzen, zeigt, dass Bildung vor allem eine weltoffene, wertsensible Haltung mit geschärftem Krisenbewusstsein ist. Mit vorgefertigten Modulhäppchen ist das nicht zu bekommen. …”soll der gesamte Lehrstoff in kleinteilige Lehr- und Prüfungseinheiten zerlegt und streng kontrolliert verabreicht werden. Denn im Europa des Wissens glaubt man zwar nicht an den unabhängigen Geist, wohl aber an den Nürnberger Trichter.” Nur wo bleiben die Bündnispartner, die ach so kritischen Hochschullehrer der Politikwissenschaften, der Erziehungswissenschaften, der Soziologie, des Öffentlichen Rechts …? Sie haben sich in ihre taktischen Schützengräben verlaufen und suchen selbstgeblendet nach dem Stein des weisen Ausgangs. Aber schon nach einer Woche schnappen sie nach jeder Wurst, die man ihnen als Surrogat für Bildung hinhält. In der Lehrerbildung schwappt ein ähnliches Elend mit enormer Wucht in die Schule rein. Der Fortschritt, die Effizienzsteigerung, die Synergieeffekte entpuppen sich als großangelegte Blindgänger. Aus dieser Perspektive ist der einäugige Methodenkoffer-Schnelldidaktiker schon wieder ein “Gebildeter”.
06.03.2009 um 11:18
Es ist schon beschämend, wenn gerade ein Professor der Katholischen Theologie – gestärkt durch sein Weltbild und Glauben – den Kollegen der säkularisierten Fächer eine Lehrstunde in Demokratie und offener Analyse erteilen muß.
Ich kann das nur unterstützen, auch wenn ich aus ganz anderer Denktradition zu vielen ähnlichen Beobachtungen komme. Die laute Kritik an den mit viel Wortgetöse vorgebrachten „Reformen“ ist längst überfällig bzw. schon zu spät. Das Versagen der Intellektuellen (Wissenschaft, Medien) scheint mir offensichtlich. Kritikunfähigkeit, Opportunismus, ideologische Gleichschaltung, Mutlosigkeit? Ich weiß nicht, welche Melange eine so verantwortungslose Duldsamkeit hervorbringt. Der Zerstörungsprozess durch den Umbau der Institution wird achselzuckend oder mit Beifall begleitet. (Zu meiner Studienzeit war ich selbst am Abschneiden von Zöpfen beteiligt. Doch heute geht es um einen Abbau und Umbau „von oben“, d.h. mit Geld und Macht, der m.E. auch unverzeihlicher Zerstörungsprozess und kaum zu reparieren ist. Das passiert nicht nur im Hochschulbereich.In allen(!)anderen Sektoren der Gesellschaft wurde und wird fleißig “reformiert”. Die selbe geistige – betriebswirtschaftliche – Ratio ist dabei überall dominant. Und überall begegnen einem Desinteressierte, Nichtsahner, Uninformierte, Mitläufer, Resignierte, Nachbeter und Gedankenlose, die geschehen lassen oder mitmachen.
Herr Reiser gehört sicher nicht dazu und dafür verdient er unseren Respekt!
07.03.2009 um 17:57
Es gibt auch Befürworter der Bologna-Idee. Ich bin einer davon. Mein Fachgebiet ist die Elektrotechnik. Dort habe ich 25 Jahre lang das Fach “Nachrichtentechnik” vertreten. Die Reglementierungen des alten Systems waren so einschneidend, dass eine zeitgemäße Ausbildung von Studenten unmöglich wurde. Das habe ich in mehreren Publikationen detailliert beschrieben, z.B. in “Nachrichtentech. Z. 7/1999″. Unsinnig gestaltete Prüfungsordnungen verhinderten den internationalen Studentenaustausch und führten zu hohen Abbrecher- und Durchfallquoten. Details dazu kann man in meinem Aufsatz “Akademische Prüfungen” in “Forschung und Lehre 5/1997″ nachlesen (im Internet abrufbar mit Google). Dank Bologna hat sich aus meiner Perspektive hinsichtlich Reglementierung die Situation verbessert. Meine Kritiken am alten System basierten auf umfangreichen Erfahrungen, die ich als Ingenieur und Gastprofessor in Firmen und Universitäten in USA, Brasilien, Indien, Singapore, China, Südafrika und weiteren Ländern sammeln konnte.
Werner Rupprecht
11.05.2009 um 20:56
Was für ein arroganter Typ dieser Professor. Dieses elitäre Geschwafel empfinde ich als widerlich. Habt ihr den aktuellen Spiegelbericht schon gelesen? Wenn ja, könnt ihr meinen Kommentar sicherlich nachvollziehen.
Siehe http://www.spiegelonline.de
12.05.2009 um 08:05
Man kann in einem Fach der Ausbildung durchaus stringenter Wissen anbieten. Man kann das auch in einem gewissen Grade austauschbar machen. Dann wäre das vermittelte Wissen vergleichbar und überprüfbar.
So weit die Theorie.
Zweck der Veränderungen an den Hochschulen ist nach meiner Überzeugung nicht dies, sondern ein Paradigmenwandel.
Nicht der Mensch in seiner Gesamtheit steht im Vordergrund sondern das Geld.
Wenn man der Industrie so große Einflussmöglichkeiten in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft einräumt (und das geschieht nicht zufällig, sondern geplant), muss man sich nicht wundern, wenn diese ihre Interessen auch durchsetzt. Der Mensch bleibt dabei auf der Strecke.
Hier muss man sich wehren!
Im Bereich der politischen Parteien gibt es nur eine, die frei von Konzernspenden agiert und deshalb problemlos den Menschen in den Vordergrund stellen kann.
12.05.2009 um 10:40
Gleichgeschaltete empfinden Menschen, die sich dem mainstream entgegenstellen häufig als arrogant.
Hoffentlich gibt es in vielen anderen Bereichen auch Menschen, die noch selber denken und das nicht anderen überlassen. Dann ist es mir auch gleichgültig, wenn sie dabei für manche arrogant erscheinen.
Wir brauchen gerade in einer Zeit der Gleichschaltung Intelligenz, auch wenn sie für manche unbequem ist.
15.05.2009 um 13:53
Sollte das unbekannt sein – der Begriff “Gleichschaltung” ist LTI (Lingua Tertii Imperii)= Nazi-Deutsch. Halte ich für keinen weiterführenden gedanklichen Ansatz, das in diesem Zusammenhang so zu benennen…
11.07.2009 um 19:13
Herr Reiser ist nicht alleine. Auch ich habe meine Stelle als Hochschullehrer aufgegeben. Veranlasst hat mich in erster Linie die Situation an der Hochschule, an der ich im Fachbereich Elektrotechnik lehrte.
Diese wiederum war zweifellos ein Ergebnis der Kommerzialisierung der Bildung auf der einen Seite und der Bologna-Reform auf der anderen. Schon alleine die Tatsache, dass die Hochschule von einem Rektor geführt wurde, der selbst noch keine Stunde unterrichtet hat, dessen Qualifikation rein wirtschaftlicher Natur war, spricht Bände.
Natürlich ist die Kommerzialisierung nicht unmittelbar ein Resultat der Bologna-Reform, sie geht aber mit dieser einher. Zweifellos ist es aber diese Reform, die einen dermaßen stringenten Takt vorgibt, dass keine Möglichkeiten für persönliche Ausrichtung und Entwicklung der Studierenden mehr bleiben. Jede Minute des Studiums, einschließlich dem sogenannten Selbststudium, ist durchgeplant, über den Tellerrand schauen unmöglich, geschweige denn, Vorlesungen zu hören oder Fächer zu belegen, die im Studienplan nicht zwingend vorgeschrieben sind. Auf die gleiche Weise bleibt den Dozenten kein Bewegungsspielraum mehr. Der ganze Hochschulbetrieb hetzt nur noch von Prüfung zu Prüfung, außer Noten nix gewesen. Das mag dann vielleicht gerade noch als Ausbildung durch gehen, wobei auch dafür die Tiefe fehlt, das Ziel der Bildung wird dagegen sicher verfehlt.
Ich bin überzeugt, das was sich nach 10 Jahren ergeben hat, entspricht nicht der durchaus positiven Grundintention, der den Bologna-Verträgen zugrunde lag.