Gastbeitrag: Prof. Dr. Anke Grotlüschen: PIAAC und die Folgen. Eine unautorisierte Einschätzung der Diskussion.

Wir vom BLOG des Deutschen Bildungsservers freuen uns, dass

Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Universität hamburgProf. Dr. Anke Grotlüschen, Professorin für Lebenslanges Lernen
an der Universität Hamburg 
auf unsere Bitte hin, als Gastautorin in diesem Forum eine Betrachtung zu den Ergebnissen, Stellungnahmen und politischen Konstellationen rund um das “Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC) veröffentlicht. Herzlichen Dank an Frau Grotlüschen und hier ihr Beitrag:

1. Ergebnisse
(Quelle: Beatrice Rammstedt (Hg.): Grundlegende Kompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich. Ergebnisse von PIAAC 2012. Online auf den Seiten der GESIS www.gesis.org/piaac).
Deutschland liegt im Mittelfeld, teilweise unter dem Durchschnitt, auf jeden Fall nicht in einem Bereich der Dichter und Denker. Die Selektionsweltmeisterschaft geht zwar an die USA, aber Deutschland belegt den zweiten Platz, wenn man die soziale Herkunft und die Kompetenzen in ein Verhältnis zueinander setzt. Die Selektivität der Weiterbildungsteilnahme ist in Deutschland hingegen extrem hoch, Menschen auf dem Lese-Level 4/5 haben eine dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit, an Weiterbildung teilzunehmen, wie Menschen auf dem Lese-Level 1 (70% vs. 28%). Menschen mit geringen Kompetenzen finden in Deutschland offenbar viel zu wenige Chancen, in Weiterbildung – vor allem auch im Betrieb – einzumünden.
Verdrängt haben wir zudem die Frage, wie das Älterwerden mit Kompetenz zusammenhängt. Die Kohorte ab 45 Jahren ist im Mittel weniger kompetent als die Jüngeren. Dem strukturellen Kompetenznachteil dieser Kohorten kann offenbar durch Weiterbildung entgegengewirkt werden. In einer alternden Gesellschaft ist dies auch von Bedeutung, um dem biologischen Altersabbau entgegenzuwirken.
Wenn man diese Faktoren – geringe Kompetenz und höheres Lebensalter – zusammennimmt, wird auch deutlich, dass eine erhöhte Investition in Schulbildung allein keine Lösung sein kann. Ein Drittel der Bevölkerung ist über 50 Jahre alt, soll noch weitere 15 Jahre arbeiten, wird noch jahrzehntelang wählen, Enkelkinder betreuen und Pflegeaufgaben übernehmen. Weiterbildung scheint den Kompetenzabbau verlangsamen zu können.
Kompetenzen werden gebraucht, so die Datenlage. Mathematisches Alltagswissen geht mit Erwerbstätigkeit und Einkommen sogar noch höher einher als die Lesekompetenz. Allerdings sind auch Kompetenzen in der Bevölkerung vorhanden, die im Erwerbsleben nicht hinreichend genutzt werden. Deutschland ist zugleich ein Land hoher Ermessensspielräume bei der Arbeit. Die Voraussetzungen sind insofern gut, dem Verkümmern ungenutzter Kompetenzen entgegen zu treten.

2. Diskurs hier und anderswo
Die nachfolgenden Eindrücke basieren auf Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen im Ausland. Sie sind nicht gegengeprüft, können aber aufzeigen, dass teilweise völlig andere Themen aufgeworfen werden als in Deutschland. England sorgt sich z.B. darum, dass im Kohortenvergleich Ältere und Jüngere dicht beieinander liegen. Dies wird als schlechte Schulpolitik bewertet, tendenziell wird die Vorgängerregierung (Labour) dafür verantwortlich gemacht. Die Weiterbildungsstrategie (Skills for Life) der fraglichen Vorgängerregierung wird offenbar nicht wieder aufgenommen.
In Dänemark werden die Versuche der EU problematisiert, in die nationale Bildungspolitik einzugreifen, auch kritisiert man die zunehmende Individualisierung von Weiterbildung, Bildungsberatung und Karriere.
Frankreich erlebt sich als eines der Schlusslicht-Länder und ist nicht stolz darauf. Man hatte seinerzeit am International Adult Literacy Survey nicht weiter teilgenommen, als sich ähnliche Ergebnisse abzeichneten. Die damals initiierte französische Literalitätserhebung hat ein nach wie vor weitreichendes Echo in Politik, Medien und Praxis. An der PIAAC hat Frankreich nach meiner Einschätzung nur aufgrund einer eigenartigen politischen Konstellation teilgenommen. Frankreich hat erhebliche Vorbehalte gegenüber der monopolistischen Testverwaltung durch das US-amerikanische Institut ETS.
Die USA wiederum melden sich aufgrund des Shutdown zunächst noch gar nicht zu Wort, der nationale PIAAC-Bericht musste insofern auch auf die Veröffentlichung warten. Das Nachbarland Kanada diskutiert hingegen die mangelnde Passung von Kompetenzen und Berufstätigkeit und die Digitale Literalität.

3. Mediales Echo in Deutschland
Die Akteure der PIAAC haben die Medien am Vortag informiert und auf die Einhaltung einer Embargo-Frist vertraut. Die Studie wurde in Deutschland am selben Abend in den Hauptnachrichten gesendet, erreichte den „Spiegel Online“ mit einer Teaser-Meldung am Vortag und einem Hauptartikel sofort nach der Publikation der Daten, landete auf dem Titel der „Zeit“ und befindet sich in jedem überregionalen Printmedium. Anders als bei LEO gab es offenbar keine kurze Presseagentur-Meldung, die sich überallhin fortgesetzt hat – dafür aber erheblich mehr eigens recherchierte und formulierte Langberichte. Die Kommentierung in Tagesschau und Tagesthemen wurde von der OECD, dem DVV und dem DGB vorgenommen, unisono mit einem Fokus auf Weiterbildung. Einzelstimmen weisen darauf hin, dass die Schulpolitik ihre Hausaufgaben erfolgreich gemacht habe. Auch daraus kann man schließen, dass es nun eher um Weiterbildung gehen sollte.

4. Forderungen der OECD
Forderungen gibt es reichlich, allein die Folien des OECD-Repräsentanten Andreas Schleicher enthalten eine Serie an Vorschlägen. Man könne beispielsweise von erfolgreichen Ländern lernen, dass sie flexiblere Arbeitsmärkte haben. Dass sie weniger auf Berufsqualifikation und mehr auf die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen setzen. Dass sie mit individueller Bildungsberatung die Passung verbessern. Problematisch ist daran die Kausalität, die hier vorausgesetzt wird. Für kausale Zusammenhänge helfen keine Daten, sondern Theorien. Und die Theorie, die besagt, Flexibilisierung, Individualisierung und Deinstitutionalisierung sorge für bessere Jobs und besseres Leben, kennt man als Neoliberalismus.
Erkennbar sind aber auch marktwirtschaftliche Interessen der Testhersteller. Neben den bevölkerungsweiten Tests im Quer- und Längsschnitt ist auch die individuelle Testung, etwa zum Zwecke der Anerkennung von Kompetenzen oder zur Studienzulassung, zu einem Markt weltweit handelbarer Bildungsdienstleistungen geworden. Mit dem Titel „Education and Skills online“ liegt ein kostenpflichtiger PIAAC-Individualtest vor, der 2014 ans Netz geht. Deutschland hat sich nicht daran beteiligt, aber in den angloamerikanischen Ländern ist zu erwarten, dass Studienzulassung, Bildungstitel-Vergabe und Einstellung nach und nach von solchen Tests Gebrauch machen werden.
Die OECD versucht m.E., Deutungshoheit über das Bildungs- und Weiterbildungssystem zu gewinnen. Die online übertragene Vorstellung der Ergebnisse durch den OECD Generalsekretär José Angel Gurría machte deutlich: Die OECD bietet der EU eine Kooperation an, bei der sie für jedes EU-Land die Datenauswertung unterstützten werde und eine „road map“ für die bildungspolitischen Veränderungen vorschlagen werde. Da die EU eigentlich kraft Vertragswerk überhaupt keine bildungspolitische Kompetenz hat, ist es dramatisch genug, dass sie sich im Wege des Soft Law von Bologna über Lissabon in die Länderpolitik eingeschlichen hat. Immerhin besteht die EU-Kommission aber noch aus gewählten Vertretungen. Die OECD wird nicht gewählt, sie ist kein bildungspolitisches, sondern ein ökonomisches Institut und sie wird offensichtlich von der EU-Bildungsdirektion mit offenen Armen empfangen. Hier ist es m.E. wichtig, die Unterschiede zwischen den Positionen der OECD und den Positionen des deutschen Konsortiums, v.a. der GESIS, aufmerksam zu beachten.

5. Forderungen der Erwachsenenbildungsorganisationen und Sozialpartner
Die Europäische Assoziation für Erwachsenenbildung flankiert die Ergebnispublikation mit acht Empfehlungen (www.eaea.org/piaac). Sie zielen auf öffentliche Investitionen in Erwachsenenbildung, Motivationskampagnen, Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, die „One Step Up“ Initiative, die Rolle von Erwachsenenbildung in Zeiten der Krise, Etablierung kohärenter Systeme lebenslangen Lernens, Anstrengungen zur Erreichung unterrepräsentierter Gruppen sowie die Kooperation aller relevanten Akteure.
Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung hebt besonders die Korrelation von Beteiligung an lebenslangem Lernen einerseits und der Kompetenz, Gesundheit, Erwerbsbeteiligung, Einkommen sowie sozialer Integration hervor. Hier wird – in Übereinstimmung mit den Interpretationen der OECD – Bildung und lebenslanges Lernen für diese Ergebnisse als ursächlich angesehen.
Der Deutsche Volkshochschulverband fordert Investitionen in die Weiterbildung Geringqualifizierter und kritisiert eine „Bildungsspaltung“ entlang aller relevanten Differenzlinien (Erwerb, Alter, Migration, Elternhaus). Die DVV-Präsidentin Süssmuth kritisiert auch den Rückgang der staatlichen Weiterbildungsförderung als „Irrweg“. Gefordert werden nachholende Schul- und Berufsabschlüsse, eine nationale Dekade für Alphabetisierung, ein großes Nachqualifizierungsprogramm der Arbeitsagentur sowie ein Integrationsprogramm für Zuwanderer über den Sprachunterricht hinaus.
Die Arbeitgeberseite kommentiert die Ergebnisse mit dem Seitenhieb: „Mittelfeld reicht nicht“. Auch der DIHK fordert, in eine bessere Schul- und Weiterbildungspolitik zu investieren.
Der DGB kommentiert: „Soziale Auslese ist die Achillesferse des deutschen Bildungssystems“, kritisiert das „Schattendasein“ der Weiterbildung in der Bildungspolitik und fordert BAFöG-ähnliche Zuschüsse für nachholende Berufsabschlüsse sowie ein bundesweites Weiterbildungsgesetz für bessere Transparenz.
Fazit: So viel Aufmerksamkeit hat die Weiterbildungspolitik in Deutschland lange nicht mehr genossen, auch nicht während der LEO-Publikation. Bleibt zu wünschen, dass der gegenwärtige Drall nicht zu weiterer Delegation der Verantwortung an die Individuen führt, denn die EU-Kommissarin Vassiliou sagte zu Recht: „We’re in this together.“

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