Europe goes OER. Welchen Weg geht Deutschland?

OER goes Europe IntroPic

Unter diesem Titel wurde letzten Donnerstag (3.4.2014) in Berlin in den gut besuchten Räumen von Wikimedia Deutschland die Neuauflage des OER-Whitepapers für Schulen in Deutschland präsentiert, das in einer ersten Fassung 2012 erschien. Neben der Vorstellung des „neuen“ Whitepapers durch einen der Autoren, Jöran Muuß-Merholz, konnte von den Veranstaltern für den Abend ein weiterer hochkarätiger Redner gewonnen werden: Fred Mulder, Lehrstuhlinhaber des UNESCO Chairs für Open Educational Resources an der Open Universiteit der Niederlande, der seine Ideen zu Open Education im europäischen und weiteren internationalen Kontext vortrug. Die beiden OER-Experten diskutierten anschließend mit dem Publikum eine weitere Stunde zum Thema des Abends.

Das OER-Whitepaper wurde in seiner aktuellen Auflage von Jöran Muuß-Merholz und Felix Schaumburg verfasst; Credits gehen auch an die Mitautorin der ersten Auflage, Miriam Bretschneider, deren Texte in die Neuauflage eingingen. Herausgeber des Whitepaper ist das Internet und Gesellschaft Collaboratory, aus dessen Kreis Kristin Narr wesentlichen Anteil am Entstehen der aktualisierten Version hat, wie Muuß-Merholz betonte.

Was macht eigentlich die Graswurzel?

Muuß-Merholz stellte im ersten Vortrag des Abends ausgewählte Aspekte des Whitepaper vor. In den letzten 2 Jahren habe es in Sachen OER mehr Entwicklungen in Deutschland gegeben als in den 10 Jahren zuvor (in denen das Thema sich international bereits längst etabliert hatte). Die 5 Vortragsteile behandelten 1) Definitorisches zu OER, 2) eine Retrospektive zum Stand der Dinge, 3) die beteiligten Akteure, 4) die Frage, was OER mit guter Schule zu tun hat und 5) eine Gegenüberstellung von Treibern und Hindernissen des Ankommens von OER in Deutschland. Das definitorische Räsonnement kann im OER-Whitepaper nachgelesen werden. Interessant sind die graphischen Aufbereitungen der Punkte 2) und 3) auf der für OER in Deutschland neu eingerichteten Seite http://open-educational-resources.de/about/ .

OER-Timeline

Eine interaktive Timeline zeichnet die Entwicklung des Themas OER seit Anfang der 2000er nach, die Timeline lässt sich zoomen und klicken, Meilensteine werden dann ausführlicher beschrieben. Aus deutscher Sicht verdichten sich die Einträge ab Ende 2011 (Schultrojaner), als das Thema „durch die Decke ging“.

Prezi Akteure

Eine Übersicht über die beteiligten Akteure wird in einem „originellen Format, mit dem man vor Jahren mal Leute beeindrucken konnte“ aufbereitet, einer Prezi. Wie originell und innovativ auch immer, informativ und griffig ist die Übersicht allemal, unterteilt sind die Akteure in 5 Gruppen, aus  denen dann repräsentative Vertreter vorgestellt werden.

In diesen Abschnitt fällt auch die Frage: „Was macht eigentlich die Graswurzel?“ Gibt es echte Community-Projekte, die für die Erstellung und Verbreitung von OER gesorgt haben? Muuß-Merholz kann hierzu nur die ZUM anführen, ansonsten antworte eher ein solches Bild auf seine Frage (im Original seien laut Vortragendem Spuren von Grün zu erkennen):

Graswurzel OER Joeran

Darüber hinaus seien nennenswerte OER-Projekte eher professionellen Gärtnern, also kuratierten Angeboten zu verdanken, deren Fortbestehen auch sehr stark an einzelnen Personen hingen, Beispielen hierfür seien rpi-virtuell, segu Geschichte oder Serlo. Die Antwort auf die Graswurzel-Frage ließe sich daher eher mit einem anderen Bild beantworten 😉

Rollrasen OER Joeran

Die Frage, was OER mit guter Schule zu tun hat, musste im Vortrag aus Zeitgründen leider ausgelassen werden, Antworten darauf lassen sich im Whitepaper und weiteren Publikationen von Muuß-Merholz aber leicht nachlesen. Die Darstellung von Treibern bzw. Hindernissen zum Einzug von OER in die deutsche (Schul-)Bildungslandschaft erfolgte anhand von 9 Punkten:

  1. Urheberrecht
  2. Digitalisierung
  3. Verfügbarkeit, Kosten (finanzielle Ausstattung von Bildungseinrichtungen)
  4. Pädagogik, Didaktik
  5. Auffindbarkeit und Qualitätssicherung
  6. Angebote und Verhalten der Verlage
  7. Prüfstelle für bildungsgefährdende Unterrichtsmaterialien [sic]
  8. Förderung / Modellprojekte
  9. Geschäftsmodelle

Der etwas exotisch anmutende Punkt 7) wurde von der GEW ins Spiel gebracht, die Rolle der Verlage wurde im abschließenden Diskussionsteil der Veranstaltung intensiv erörtert. (Die Punkte werden nochmals am 9.4. ab 16:55 Uhr im WebTalk vorgestellt und diskutiert, eine Aufzeichnung wird es natürlich auch geben: http://pb21.de/2014/04/pb21-webtalk-die-zukunft-von-open-educational-resources-deutschland/ )

What about „open“ in education?

Die Beiträge von Fred Mulder, UNESCO Chair für OER an der Open Universiteit der Niederlande, haben im internationalen Diskurs zu OER einiges Gewicht, so ist er u.a. derzeit Mitglied in der High Level Group der Europäischen Kommission zur Modernisierung der Hochschulbildung. Mulder präsentierte seine Überlegungen entlang der Frage „What about „open“ in education?“ Bezugspunkt hierbei ist die aktuelle Initiative der Europäischen Kommission „Opening Up Education“, die zwei Grundgedanken („lines of thought“) folgt: „Innovate teaching and learning through the use of ICT“ und „Reshape and modernize the EU education through OER“.

Danach sei OER zwar zentral, aber aus Mulders Sicht noch nicht alles, was die Öffnung von Bildung ausmache: „OER ist NOT Open Education, more components are required.“ Außer OER seien dies vier weitere Komponenten, die zu einem adäquaten Modell von Open Education gehörten. Diese fünf zentralen Komponenten geben Mulders Modell auch seinen Namen, 5 Components of Open Education, kurz „5COE model“. Unterschieden werden hierbei die Anbieter- und die Nachfrageseite. Auf Anbieterseite gebe es neben den OER noch die OLS und die OTE: Open Learning Services und Open Teaching Efforts. Auf Nachfrageseite gebe es OLN und OEC, dies seien Open to Learners‘ Needs und Open to Employability and Capabilities Development. Hiermit nun ließen sich so genannte “profile prints” von Bildungseinrichtungen und deren Angeboten erstellen, und damit auch Zielvorgaben für deren Steuerung formulieren.

Profile print 5COE

Mulder macht sich zur Konzeptualisierung der Komponenten die begriffliche Offenheit des open-Begriffs zunutze, inwieweit das abstrakte Modell sich operationalisieren und zur Steuerung einsetzen lässt, sei dahingestellt. Aber wie er eingangs schon sagt, wichtig seien an seinem Vortrag nicht die Details, sondern die Botschaft, und die lautet in ihrem Kern: „No regret with OER“. Wie auch immer die Ausprägungen der übrigen vier Komponenten ausfielen, der Maximalwert bei OER sei immer gut.

No REGRET with OER Fazit

Diese Botschaft wird dadurch untermauert, dass es durch den Einsatz von OER gelänge, das notorische „Iron Triangle“ von Sir John Daniel aufzubrechen, dem zufolge Steigerungen auf Seiten von Qualität, Effizienz oder Zugänglichkeit von Bildungsinhalten nur auf Kosten der beiden anderen zu erzielen seien. Mit OER ließen sich laut Ihrer Befürworter Steigerungen in allen drei Dimensionen zugleich erreichen.

Mulder Iron Triangle

Proof is left to the reader. Und so konzediert auch Mulder, dass dies alles Plausibilitätsargumente seien, wenn er sie auch sehr überzeugend fände. Evidenzen für diesen Zusammenhang und weitere Mehrwerte von OER werden aber derzeit untersucht, u.a. von der OECD, leider sind eine Darstellung oder Zwischenberichte daraus netzöffentlich schwer zugänglich (http://www.icde.org/filestore/News/2013_July-Dec/SCOP_2013/OECDPresentationDigitalLearningICDESCOP.pdf , p.7 und http://de.slideshare.net/Lankskafferiet/jan-hyln, p.7, der Autor freut sich über weitere Hinweise).

Wer „kann“ Bildungsmedien?

Zu Beginn der Diskussion geht Mulder noch einmal auf die europäische Opening Up Education-Initiative ein. Hier sei ganz deutlich gefordert, dass öffentlich finanzierte Bildungsinhalte auch öffentlich frei zugänglich sein müssten. Und er macht auf die dazu gehörenden Förderlinien der EU aufmerksam: Erasmus+ und Horizon 2020, hier könnten Forscher und Entwickler im Bereich Open Education Unterstützung finden und sich international vernetzen. Die weitere Diskussion kreist um die Rolle der Verlage für die OER-Bewegung. Mulder stellt hier eingangs die provokative These auf, dass Verlage ein großes Hindernis („great barrier“) seien, ihre Funktion als Inhaltsproduzenten („content developers“) sei angesichts der technischen Entwicklung eigentlich obsolet geworden, zukunftsweisender sei hier eher ein Umdenken in Richtung bildungsbegleitender Dienstleistungen („learning services“).

Muuß-Merholz referierte die Gegenargumente (dies geschah auf Bitten der Moderatorin, muss also nicht unbedingt seine Position wiedergeben). Die geballten Kompetenzen und Ressourcen für die Herstellung guter Unterrichtsmaterialien lägen nun einmal in der Hand der Verlage. Ein ehemaliger Verlagsmitarbeiter aus dem Publikum ergänzte dazu pointierend – seine Unabhängigkeit betonend –, die Herstellung von Bildungsmedien sei ein komplexes arbeitsteiliges Unterfangen mit hohen Ansprüchen an die Professionalität der Beteiligten, das nicht mal so eben von ein paar Gutgesinnten in einer Garage nachzubilden sei. Weiterhin sei zu bedenken, so Muuß-Merholz, dass öffentliche Ausschreibungen und anschließende Projekte zu Mängeln bei der Versorgung mit Bildungsmedien führen könnten, die sich nicht so schnell beheben ließen, wenn das Geld erst einmal ausgegeben sei und keine zusätzlichen Mittel für Reparaturmaßnahmen mehr verfügbar seien, in Polen sei durch die Vergabe von Aufträgen zur Schulbuchproduktion an Hochschulen Derartiges passiert. Und das Mantra des Wettbewerbs durfte hier natürlich auch nicht ausgelassen werden, Wettbewerb erbringe und garantiere Qualität der Resultate. (Ob nun die unsichtbare Hand von Markt und Wettbewerb wirklich das Vorliegen intrinsischer Qualitätsmerkmale einer Sache garantiert – wie z.B. beim Fernsehen oder der Musikindustrie – sei dem Kulturkritiker, und inwieweit es sich beim Geschehen der betreffenden Branche um ein marktförmiges handelt, dem Ökonomen überlassen.)

Dem konnte Mulder einiges entgegenhalten. So unterliefen doch die USA den Wettbewerb („the most capitalist country in the world“) und folgten eben dem Modell öffentlicher Ausschreibungen („an interesting model to think about“), z.B. in der kalifornischen Initiative zu frei verfügbaren Lehrbüchern. Und es gebe einige Länder, in denen OER hinsichtlich der Qualität mit proprietären Bildungsmaterialien durchaus mithalten könne, ja diese sogar teilweise überträfen. Überhaupt verdanke sich die Qualität von Lehrbüchern wesentlich der professionellen Kompetenz von Autoren  – also vornehmlich Lehrkräften. Über den genuinen Anteil der Verlage an guten Schulbüchern lasse sich diskutieren, Mulder ging sogar so weit zu sagen, „the added value of publishers ist pretty restricted“. Und es gebe auch genügend Personen, die Kompetenzen als Redakteure oder Herausgeber mitbrächten, ohne notwendig einen Verlagshintergrund zu haben.

Die produktive Verschränkung von Kompetenzbereichen, die die Verlage auszeichne, sei zwar komplex, aber auch nicht so arkan, als dass sie nicht von geeigneten Personengruppen nachgebildet werden könnte: alles hänge davon ab, sich organisieren zu können. So sei auch seine Erfahrung aus dem Wikiwijs-Projekt, dass diejenigen Lehrkräften die besten Beiträge zur OER-Plattform leisten konnten, die bereits vor der Beteiligung an Wikiwijs in Fachgruppen gut organisiert waren, wie z.B. die Mathematiklehrer in den Niederlanden. Muuß-Merholz fasste dies in dem „twitterbaren Satz“ zusammen: „Teamwork ist die Nr.1-Technologie“. Und zur Frage aus dem Publikum nach der Motivation für Lehrkräfte, zu OER beizutragen, ergänzte Mulder, dass es schon in deren professionellen Selbstverständnis liege, guten Unterricht mit gutem Material zu gestalten. Wenn hierzu eine Sharing-Mentalität käme, gebe es auch Effizienzgewinne, wenn nicht jeder wieder alles von neuem für sich erstellen müsste. Und zu einem Fundus guten und frei verfügbaren Lehrmaterials beitragen zu können, gebe Lehrkräften zudem die Möglichkeit, Ihrem Kompetenzprofil eine weitere Facette zu geben.

Und welchen Weg geht Deutschland?

Mulder bedauerte eine eher konservative Haltung Deutschlands, die es in Opposition zu OER gebracht habe. Dieser Topos hat sich anscheinend in der internationalen Wahrnehmung zur Situation von OER in Deutschland aus dem OECD-Survey von 2012 festgesetzt. Aber diese Wahrnehmung entspricht nicht mehr der tatsächlichen Entwicklung, die seitdem stattgefunden hat, wie allein aus der Lektüre des aktualisierten Whitepapers deutlich werden sollte. Das Land Berlin hat sich kürzlich auf den Weg gemacht, eine OER-Plattform aufzubauen http://martindelius.de/2014/02/be-berlin-be-oer/ , eine offiziell beauftragte Arbeitsgruppe mit Mitgliedern von KMK und BMBF berät über die zukünftige Rolle von OER in der deutschen Bildungslandschaft (OER-Whitepaper, S.24 ), selbst in den Koalitionsvertrag hat die Bedeutung von OER Eingang gefunden: „die digitale Lehrmittelfreiheit [solle] gemeinsam mit den Ländern gestärkt werden“ und „die Verwendung freier Lizenzen und Formate ausgebaut werden“. Und dass der Aufbau entsprechender Strukturen nicht ganz bei Null beginnen muss, zeigt der Überblick zu „Plattformen und Communities zu OER“ im Whitepaper.

3 Gedanken zu „Europe goes OER. Welchen Weg geht Deutschland?

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