„Bald werden nur noch die Texte rezipiert, die direkt auf dem Bildschirm landen“

Open Access in der Bildungsforschung (2)

Dr. Ute Paulokat

Dr. Ute Paulokat

 

FRAGEN AN Dr. Ute Paulokat, die den Dokumentenserver pedocs von Anfang an mit aufgebaut hat und ihn seit sechs Jahren koordiniert.
Für sie ist die erhöhte Sichtbarkeit einer Publikation das gewichtigste Argument für eine Open-Access-Veröffentlichung über pedocs.

 

 

 

 

Frau Paulokat, was bringt es einem Wissenschaftler Aufsätze über pedocs zu publizieren?

In erster Linie eine erhöhte Sichtbarkeit, denn pedocs ist direkt mit der FIS Bildung Literaturdatenbank verbunden und auch für die Google-Suche optimiert. Egal, ob bei Google oder Google Scholar, pedocs-Treffer werden in der pedocs-LogoRegel in der Ergebnisliste ganz oben aufgeführt. Hier eingestellte Texte werden mit einer sehr viel höheren Wahrscheinlichkeit gefunden, als wenn sie nur auf Verlagsseiten oder Institutshomepages erreichbar wären. Mit der erhöhten Sichtbarkeit steigt natürlich die Rezeption der Texte und auch die Zitationsrate – ein hohes Gut in der Wissenschaft. Und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass künftig nur noch das wahrgenommen und wissenschaftlich genutzt wird, was man sich ohne Aufwand und Zeitverzug direkt auf den Computer laden kann. Da haben Open-Access-Veröffentlichungen natürlich einen großen Vorteil.

Wie gut wird pedocs genutzt? Haben Sie ein paar Zahlen für uns?

Mit Nutzungsstatistiken ist das so eine Sache! Je nach verwendetem Analyse-Tool oder Anbieter variieren die Zahlen zuweilen ja erheblich, Gesamtzahlen haben deshalb wenig Aussagekraft. Als Vergleichsbasis ziehen wir deshalb das Fachportal Pädagogik heran. Pedocs hat mit seinen 10.000 Einträgen zum Beispiel nur 50% Seitenaufrufe weniger als die sehr viel bekanntere FIS Bildung Literaturdatenbank mit ihren knapp 900.000 Einträgen. Das ist für uns eine sehr gute Note!

Und woher kommen die Nutzer?

50 bis 60 Prozent der Nutzer kommen über Google oder Google Scholar zu uns. Aber wir haben immerhin 20 Prozent Direktzugriffe; das weist darauf hin, dass wir als Open-Access-Portal für die Bildungsforschung gut bekannt sind. Die restlichen 30 Prozent kommen vor allem über unsere anderen Informationsportale wie den Deutschen Bildungsserver und natürlich aus den Discovery-Systemen der Universitäts- und Hochschulbibliotheken, die pedocs mit eingebunden haben.

Wie viele Publikationen gibt es derzeit in pedocs?

Aktuell haben wir etwas mehr als 10.000 Publikationen. Davon gut 1.000 Monographien, 6.600 Zeitschriftenaufsätze und 2.630 Sammelwerksbeiträge. Unsere Zuwachsraten sind in den letzten Jahren sehr konstant. Das liegt daran, dass wir derzeit noch jeden Eintrag händisch bearbeiten; im Durchschnitt können wir etwa 1.300 Datensätze im Jahr prozessieren.

Und aus welchen Zeitschriften stammen die Aufsätze?

Als wir mit pedocs 2008 gestartet sind, haben wir natürlich alle relevanten Zeitschriften in den Erziehungswissenschaften angeschrieben und sehr viele für unser Open-Access-Modell gewinnen können, darunter größere und kleinere Zeitschriftenverlage. Natürlich haben wir uns sehr gefreut, dass wir die „Zeitschrift für Pädagogik“ oder das Journal for Educational Research Online ins Boot holen konnten. Dann sind neu entstandene Onlinezeitschriften dazu gekommen, auch einige mit Peer-Review-Verfahren, die ihre Sichtbarkeit steigern und pedocs als zusätzliche Distributionsschiene nutzen wollen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Verlagen?

Die läuft ziemlich gut. Wir waren von Anfang an einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den Verlagen interessiert und sind sehr darauf bedacht, für alle eine Win-Win-Situation oder zumindest einen guten Kompromiss zu finden. Wir wollen es den Verlagen einfach machen, uns Inhalte zur Verfügung zu stellen, ohne ihr Geschäftsmodell in Gefahr zu bringen. Am beliebtesten ist dabei das Modell, bei dem Zeitschriftenartikel erst nach einer zuvor vereinbarten Frist von ein bis zwei Jahren über pedocs verfügbar gemacht werden (Anm. der Redaktion: Der so genannte Grüne Weg des Open Access). Bei Sammelwerken hat es sich bewährt, von jeder Neuerscheinung einen exemplarischen Beitrag einzustellen und mit diesem das gesamte Werk zu bewerben. So erhalten die Leserinnen und Leser einen Eindruck, ob sich die Anschaffung für sie lohnt. Verlage sind auch häufig froh, dass wir ihnen die Möglichkeit bieten, Werke, für die sich ein Neudruck nicht lohnt, über pedocs wieder einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen.

Und wie sieht die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern aus?

Die Zahl der Wissenschaftler, die selbst ihre Veröffentlichungen in pedocs eintragen, steigt kontinuierlich. Das ist sehr erfreulich! Allerdings machen diese Selbsteinträge nur einen sehr kleinen Anteil unserer Publikationen aus. Flyer pedocsUnd man muss realistisch bleiben: Kaum ein Wissenschaftler hat ausreichend Zeit und Muße, sich nach einer erfolgreichen Publikation auch noch selbst darum zu kümmern sie Open Access zu stellen – wenngleich der Aufwand dafür gar nicht so groß ist. Zum Glück übernehmen das in den wissenschaftlichen Einrichtungen oft die Bibliotheken. Über sie und über die Verlagskooperationen kommt der meiste Content in pedocs.

Das Ganze gilt ja vor allem für Zweitveröffentlichungen von Verlagspublikationen auf pedocs, also den sogenannten Grünen Weg des Open Access. Wie sieht es mit Open Access Gold aus? Welche Möglichkeiten der Finanzierung gibt es für Publikationen, die unmittelbar frei verfügbar erscheinen sollen?

Verschiedene. Als Wissenschaftler/in kann man – analog zu den bisherigen Druckkostenzuschüssen – z.B. entweder bereits in seinem Projektantrag eine gewisse Summe für die Veröffentlichung ausweisen, oder man beantragt bei einem Open Access-Publikationsfond die notwendigen Mittel. Solche Zuschüsse werden aber meist nur für Aufsätze bzw. Zeitschriftenbeiträge gewährt. Das ist in der stark monographisch geprägten Publikationspraxis der gesamten Geistes- und Sozialwissenschaften ein Problem. Im AK Open Access der Leibniz-Gemeinschaft wird deshalb schon seit längerem diskutiert, ob die Mittel aus dem bisherigen Publikationsfond eigentlich gerecht über die Sektionen verteilt sind.

Welche Pläne gibt es für die Zukunft?

In den nächsten Jahren wollen wir unseren Suchraum erweitern. Unser Ziel ist es, möglichst viele fachlich relevante Open Access-Publikationen über pedocs auffindbar zu machen und so eine größere Abdeckung von dem, was es in unserer Disziplin Open Access gibt, zu erreichen. Wir können ja nicht alles selbst hosten! Dazu müssen wir die Universitäten, Bibliotheken, Institute ausfindig machen, die Publikationen Open Access bereitstellen und diese Angebote dann bei uns verlinken. Wichtig dabei ist allerdings, dass die einzubindenden Quellen genauso vertrauenswürdig sind, genauso stabile Adressen haben und genauso gut dokumentarisch aufbereitet sind wie unsere Angebote.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Paulokat!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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