„Der Fachinformationsdienst Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung lebt vom Engagement seiner Community“

Über den Service können Wissenschaftler internationale Publikationen bestellen, die sie für ihre Forschung benötigen

INTERVIEW mit Dr. Julia Kreusch, Koordinatorin des Fachinformationsdienstes (FID) Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung beim DIPF, über die neuen Angebote des Fachinformationsdienstes im Fachportal Pädagogik für die Fachcommunity. Für sie sind die Mehrwerte des FID offensichtlich: Der Buchbestelldienst direkt auf den Schreibtisch, die Möglichkeit internationale Zeitschriften zum Erwerb oder zur Lizenzierung vorzuschlagen und, nicht zuletzt, die beträchtlichen Vorteile elektronischer Ressourcen für die Forschungsarbeit.

Dr. Julia Kreusch, Koordinatorin des Fachinformationsdienstes (FID) Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung beim DIPF

Warum hat die DFG das System der Sondersammelgebiete durch die Fachinformationsdienste ersetzt?

Als die DFG das System der Sondersammelgebiete (SSG) 2011 evaluieren ließ, zeigte sich, dass das Prinzip der vorsorgenden Erwerbung von überwiegend gedruckter Fachliteratur vielfach nicht mehr zeitgemäß war. In den SSG-Bibliotheken wurden die ausländischen Publikationen einer Fachdisziplin zwar möglichst vollständig erworben und magaziniert, letztlich wurde aber nur ein kleiner Teil dieser speziellen Fachliteratur genutzt: Das Angebot sollte also stärker an den konkreten Bedarfen der Fachcommunity ausgerichtet und es sollte digitaler werden.

Bedarfsorientierung statt vorsorgende Erwerbung.

Für die Bibliotheken war das Ende des immerhin über 60 Jahre lang bestehenden Systems ein tiefer Einschnitt, denn im neuen Programm der Fachinformationsdienste orientiert man sich am Bedarf des einzelnen Wissenschaftlers. Für die Bibliotheken hat das nicht nur den Verlust der Kontrolle über die Anschaffungen zur Folge, sondern auch organisatorische und finanzielle Konsequenzen.

Bedarfsorientierung – was bedeutet das genau?

Dass Benutzer stärker in die Entscheidung einbezogen werden, welche Fachliteratur angeschafft werden soll! Und sie werden, wenn sie es wünschen, mit digitalen Ausgaben versorgt. Für die Nutzerinnen und Nutzer bietet das einen beträchtlichen Mehrwert, denn elektronische Ressourcen sind überall verfügbar, erleichtern die Recherche und können viel einfacher in die eigene Arbeit eingebunden werden. Es wird auch e-only-Prinzip genannt: Priorität hat die Versorgung mit elektronischen Publikationen. Natürlich sind digitale Ausgaben nicht in jedem Fachgebiet gleich stark vertreten – in der Pädagogik und Erziehungswissenschaft haben wir davon ungleich weniger als beispielsweise in den Naturwissenschaften.

Und was bietet der Fachinformationsdienst Bildungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern?

Im Wesentlichen haben wir drei Angebote: Den Buchbestelldienst, die Möglichkeit Zeitschriften vorzuschlagen und die Digitalisierung bildungshistorischer Werke und historischer Schulbücher. Wenn jemand einen Aufsatz oder eine Zeitschrift benötigt, sie aber nirgendwo in den Katalogen deutscher Bibliotheken nachgewiesen wird oder nicht ausleihfähig ist, kann er sie uns zur Bestellung vorschlagen – ab dem Jahrgang, an dem er sie benötigt. Das geht entweder über ein Print-Abo oder als digitale Zeitschrift über eine Lizenz. Wir schauen dann, ob es eine elektronische Ausgabe gibt, und ob die Lizenz bezahlbar ist. Bei Zeitschriften haben wir als Fachinformationsdienst den Anspruch, Nationallizenzen zu erwerben, damit sie allen Interessierten in Deutschland zur Verfügung stehen. Andere Fachinformationsdienste handhaben das anders, sie bilden beispielsweise über Fachgesellschaften feste Communities und versorgen deren Mitglieder mit Zugängen zu den benötigten Ressourcen.

Geschlossene Nutzergruppen versus Nationallizenzen

Wir haben uns für die Nationallizenzen und gegen eine geschlossene Nutzergruppe entschieden, weil unsere Community sehr groß und eher divers ist: Sie umfasst nicht nur die Erziehungswissenschaft, sondern auch die transdiszplinär aufgestellte Bildungsforschung und die Fachdidaktiken, die in den einzelnen Fachdisziplinen ihren Ursprung haben.

Über wie viele Nationallizenzen verfügt der Fachinformationsdienst?

Im Rahmen der e-only-Policy haben wir bis jetzt Nationallizenzen für 13 internationale elektronische Zeitschriften erwerben können, auf die man von überall in Deutschland zugreifen kann. Einzige Voraussetzung für die Nutzerinnen und Nutzer ist, dass sie an eine Institution angebunden sein müssen, die sich für die Nutzung dieser Lizenz registriert hat. In der Regel sind das die Universitätsbibliotheken. Neben den 13 Zeitschriftenlizenzen haben wir noch eine Videodatenbank mit Videos aus der US-amerikanischen Unterrichtsforschung („Education in Video“) im Angebot. Das alles wollen wir noch weiter ausbauen – und dabei lebt der Fachinformationsdienst vom Engagement und den Hinweisen seiner Community. Bei uns kann man grundsätzlich alle internationalen Publikationen bestellen, die in Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung benötigt werden und bisher nicht verfügbar sind.

Der FID Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung

Der Fachinformationsdienst Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung ist ein Projekt im Rahmen des Förderprogramms „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft“. Das DFG-Programm löst das vorhergehende DFG-System der Sondersammelgebiete ab, bei dem ein verteiltes System von Universitätsbibliotheken in ganz Deutschland dafür zuständig war, in den verschiedenen Fachdisziplinen die internationale Fachliteratur systematisch zu sammeln. Vier Mitglieder des Projektkonsortiums für den FID Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung waren vor der Umstellung auf den Fachinformationsdienst Sondersammelgebietsbibliotheken zu den Fachgebieten Bildungsforschung, Bildungsgeschichte, Hochschulforschung und Schulbuchforschung.

Das Informationszentrum Bildung (IZB) des DIPF koordiniert den Fachinformationsdienst und integriert dessen Dienste in das Fachportal Pädagogik.

Wie funktioniert der Buchbestelldienst genau?

Sobald eine Wissenschaftlerin eine Zeitschrift oder ein Buch für ihre Forschung benötigt und feststellt, dass sie ihn in den einschlägigen Bibliothekskatalogen nicht findet, oder aber keinen Zugriff darauf hat – weil sie zum Beispiel in Hamburg sitzt, das Buch sich aber in einer dem Fernleihverkehr nicht angeschlossenen Münchner Seminarbibliothek befindet –, kann sie sich an uns wenden. Wir beschaffen dann das Werk und liefern es als Direktausleihe kostenfrei an die gewünschte Lieferadresse. Außer dem Porto für die Rücksendung entstehen der Wissenschaftlerin dadurch keinerlei Kosten.

Und wie lange muss ich nach Bestellung auf den Titel warten?

Das kann bei Bestellungen innerhalb Europas im Idealfall eine Woche dauern – von der Bibliothek direkt auf den Schreibtisch. Aus dem außereuropäischen Ausland kann das – je nachdem, ob es beim Sortiment oder Zwischenbuchhändler vorrätig ist, oder nicht – bis zu einigen Wochen dauern. Verglichen mit den früheren Sondersammelgebieten, bei denen der Titel meist fernleihbereit im Regal stand, hat die bedarfsorientierte Beschaffung hier sicherlich Nachteile. Die Bibliotheken haben das im Vorfeld schon kommen sehen und beurteilten die Abkehr vom Vorsorgeprinzip an der neuen Förderlinie auch sehr kritisch. Und es stimmt schon: Der Fachinformationsdienst Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung lebt vom Engagement seiner Community.

Ginge es nicht einfacher und schneller direkt bei Wissenschaftlerkollegen nachzufragen?

Unsere Umfragen haben schon gezeigt, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich in ihrer Community austauschen, also sich gegenseitig über ihre Publikationen informieren oder sich über Kolleginnen und Kollegen Publikationen beschaffen. Aber es kann nicht Sinn der Sache sein, dass jeder sich seine eigenen Ressourcen beschafft, sei es durch kollegialen Austausch oder – und das haben auch einige der befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angegeben – durch eigenen Kauf.

„Als Wissenschaftler soll man nicht nur seine Netzwerke bemühen müssen, sondern ganz selbstverständlich die Bibliotheken nutzen können.“

Mit dem Fachinformationsdienst wollen wir zwar den individuellen Bedarf eines Wissenschaftlers abdecken, aber die beschaffte Ressource soll natürlich auch allen anderen zur Verfügung stehen. So ein Programm ist für die Allgemeinheit gedacht – für alle, die nach mir als Wissenschaftlerin kommen. Und zum Glück ist es nach wie vor so, dass die meiste Fachliteratur über die bestehenden Literaturversorgungsysteme, also die Bibliotheken zur Verfügung gestellt wird.

Was hat es mit der Digitalisierung historischer Werke auf sich?

Das ist ein Angebot speziell für die Bildungshistoriker und Schulbuchforscher. Die Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) und das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung (GEI) digitalisieren auf Wunsch historische Schulbücher oder andere historische Werke aus ihren Beständen – vorausgesetzt natürlich, sie sind urheberrechtsfrei. Dies ist allerdings in der Regel erst 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers der Fall.

Und wo finde ich die Services des Fachinformationsdiensts Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung?

Der Fachinformationsdienst wird über das Fachportal Pädagogik angeboten. Das Fachportal versorgt  die Community der Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung schon seit über zehn Jahren online mit Literaturinformation in der FIS-Bildung Literaturdatenbank, mit Fachrepositorien und weiteren für ihre Forschung notwendigen Ressourcen. In anderen Disziplinen kam vieles erst jetzt, durch die Projektförderung der Fachinformationsdienste und das Prinzip des „e-only“, auf die Agenda. Unseren fachlichen Open-Access-Server peDOCS gibt es seit 2008 und das Forschungsdatenzentrum Bildung ist seit 2012 ins Fachportal Pädagogik integriert. Wir versorgen die Fachcommunity also schon gut mit digitalen Ressourcen, konnten das digitale Angebot aber durch die Aktivitäten unserer Projektpartner im Fachinformationsdienst nochmal erheblich ausbauen. Erfreulicherweise konnten wir im Projektkonsortium auch Konsens darüber herstellen, dass ein ins Fachportal Pädagogik integrierter Fachinformationsdienst in aller Sinne ist. Zumal uns die Ergebnisse unserer Nutzerstudie gezeigt haben, dass kein zusätzliches Portal gewünscht wird; auch unser Projektbeirat war übrigens einhellig dieser Auffassung. Die Nutzerinnen und Nutzer wollen sich nicht immer wieder neu orientieren müssen, sondern an zentraler Stelle die Informationen und Leistungen erhalten, die sie brauchen und gegebenenfalls bei ihrer Suche unterstützt werden. Und das können wir ihnen im Fachportal Pädagogik und mit dem Fachinformationsdienst prima bieten.

Vielen Dank für das Gespräch Julia Kreusch!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


Service: FID-Kompakt – Die FID-Services im Powerpoint-Format zum Download (22 Slides) als CC BY 4.0-Lizenz

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