„Die Digitalisierung wird am Ende vor keinem Beruf halt machen.“

Was bewegt die Berufliche Bildung (3)?

INTERVIEW mit Alexandra Kurz, Leiterin des Arbeitsbereichs Überbetriebliche Berufsbildungsstätten im BIBB zum Sonderprogramm Digitalisierung in überbetrieblichen Berufsbildungsstätten. Das Programm soll dabei unterstützen, digitale Technologien und Prozesse in der Ausbildung zu verankern. ÜBS sind dafür geeignete Lernorte, denn hier werden über die Ausbildung im Betrieb hinaus Kompetenzen für verschiedene Gewerke erworben, die im betrieblichen Teil der dualen Ausbildung nicht abgebildet werden können. Mit dem Sonderprogramm unterstützt das BIBB die ÜBS dabei, ihre Qualifizierungsangebote an die Digitalisierung der Arbeitswelt anzupassen. Wie das Programm aufgebaut ist und wie es angenommen wird, darüber sprachen wir mit Alexandra Kurz:

Alexandra Kurz, Leiterin des Arbeitsbereichs Überbetriebliche Berufsbildungsstätten im BIBB zum Sonderprogramm Digitalisierung in überbetrieblichen Berufsbildungsstätten.

Frau Kurz, was sind überbetriebliche Berufsbildungsstätten?

Überbetriebliche Berufsbildungsstätten – wir sagen auch ÜBSen – sorgen in ganz Deutschland für die ergänzende Ausbildung und die Qualifizierung von Auszubildenden. Vor allem im Handwerk mit seinen vielen kleinen und mittleren Unternehmen ist die betriebliche Ausbildung oft nicht ausreichend, um alle für ein Gewerk notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben. Damit aber bundesweit eine einheitliche Ausbildung gewährleistet ist, halten sich z.B. die Handwerkskammerbezirke an die schon seit langem in der Überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung (ÜLU) festgehaltenen Standards. Für welche Gewerke dann ÜBSen, also komplette Werkstätten, eingerichtet werden und welche Kurse angeboten werden, wird dann regional entschieden. Vergleichbares wird übrigens auch in anderen Bereichen, etwa in der Industrie oder der Landwirtschaft angeboten. ÜBSen leisten hier aber natürlich noch viel mehr, zum Beispiel im Bereich der Fort- und Weiterbildung oder der Berufsorientierung. Wenn Sie einen zusätzlichen Entwicklungsprozess durchlaufen, können sie auch zu Kompetenzzentren mit einem jeweils eigenen Schwerpunkt werden.

Das Sonderprogramm „Digitalisierung in überbetrieblichen Berufsbildungsstätten“

Um jungen Menschen eine zukunftsfähige Ausbildung zu ermöglichen, unterstützt das BMBF mit dem Sonderprogramm überbetriebliche Bildungsstätten dabei, digitale Geräte, Maschinen und Anlagen sowie Software anzuschaffen. In acht so genannten Kompetenzzentren werden zudem Pilotprojekte und ihre Vernetzung gefördert. Die Projektteams untersuchen die Auswirkungen der Digitalisierung auf die überbetriebliche Ausbildung in verschiedenen Berufen, erarbeiten innovative berufspädagogische Konzepte und tragen sie als Multiplikatoren in die Breite.
Zum Sonderprogramm Digitalisierung in überbetrieblichen Berufsbildungsstätten beim BIBB.

Das Sonderprogramm richtet sich also vor allem an Kompetenzzentren?

Nein, dies gilt nur für die Pilotprojekte. Das Programm hat zwei Förderlinien. Über die Förderlinie 1 wollen wir zur Modernisierung der Ausbildung von Fachkräften beitragen, indem wir die ÜBSen bei der Ausstattung im Bereich der Digitalisierung fördern. Mithilfe einer Ausstattungsliste können sie über das Programm digitale Geräte, Maschinen und Anlagen oder Software beantragen. Hier können übrigens noch Anträge gestellt werden! Die Förderlinie 2 richtete sich an die Kompetenzzentren: Über die Förderung von Pilotprojekten und Vernetzung untereinander sollen sie herausarbeiten, wie Lehr-/Lernprozesse für die Ausbildung gestaltet werden müssen, damit die Auszubildenden den Anforderungen der Lern- und Arbeitswelt – und natürlich den Folgen der Digitalisierung – auch künftig gerecht werden können. Das Netzwerk ist mit den geförderten acht Kompetenzzentren aber nun geschlossen und voll bei der Arbeit.

Wie gut werden die finanziellen Mittel von den Bildungsstätten aus dem Sonderprogramm abgerufen?

Da haben wir keinen Grund zur Klage! Bis jetzt wurden rund 16.000 digitale Geräte im Gesamtwert von rd. 48 Mio. Euro abgerufen. Ein großer Teil davon geht in die Finanzierung von allgemeinem, digitalem Equipment und mobilen Endgeräten wie Notebooks, Tablets, Server, Monitore, Drucker oder Kameras. Einen anderen großen Teil bilden etwa Steuerungs- und Regeltechnik für SmartHome oder auch Diagnosegeräte, die vor allem in der Ausbildung im Bereich der Kraftfahrzeugtechnik oder der Landmaschinentechnik zum Einsatz kommen. Aber auch die CNC-Maschinen mit digitaler Steuerung sind stark nachgefragt.

Kann man sich aus der Liste einfach aussuchen, was man braucht?

Nein, als Wunschliste sollte man sie nicht sehen; sie ist vielmehr als Anregung, als Ideengeber gedacht. Maßgeblich ist, dass eine ÜBS ein bestimmtes Gerät anschaffen will, weil es für die überbetriebliche Ausbildung schon jetzt regelmäßig zum Einsatz kommt oder weil es für einen innovativen Ausbildungsansatz notwendig ist und ein neues Kursangebot damit sinnvoll erweitert wird. Voraussetzung dafür ist natürlich ein stimmiges Einsatzkonzept und der Nachweis, dass die neuen Technologien in der Branche auch angewendet werden. Klassische Infrastrukturmaßnahmen wie Serveranschaffungen oder Verkabelungen zählen allerdings nicht dazu..

Rufen Bildungsstätten aller Branchen gleich viel ab – oder gibt es Unterschiede?

Naturgemäß wird häufig für die Ausbildung in den elektro- und informationstechnischen Berufen Ausstattung beantragt. Bezogen auf die Anzahl sind sie somit in der Mehrheit; zum einen ist Digitalisierung für sie schon lange Arbeitsalltag, zum anderen müssen sie mit den rasanten Entwicklungen in dem Bereich mithalten und brauchen deshalb immer die neuesten Geräte. Aber auch in der Bauwirtschaft macht sich der digitale Wandel bemerkbar: Hier gibt es zum Beispiel Simulationssoftware für das Führen von Baggern – das war früher ja nur Piloten vorbehalten – oder Übungsprogramme zur digitalen Steuerung von Kränen.

„In Überbetrieblichen Bildungsstätten können Auszubildende auch Kräne fernsteuern oder in einem Baggersimulator Platz nehmen.“

Aber die Digitalisierung wird am Ende vor keinem Beruf halt machen. Daher kommen die Anträge auch aus allen Branchen: im Schwerpunkt vom Handwerk, aber auch von der Industrie und Landwirtschaft.

Gibt es Hindernisse, die den Einsatz digitaler Medien zum betrieblichen Lehren und Lernen einschränken?

Auch bei den Überbetrieblichen Bildungsstätten gibt es unterschiedliche Geschwindigkeiten. Das Sonderprogramm soll natürlich einen Modernisierungsschub in allen ÜBSen bewirken. Aber die materiellen Investitionen allein bringen noch keine sinnvollen Ausbildungskonzepte für die neuen Möglichkeiten des Lehrens und Lernens an und mit digitalen Anlagen. Darum widmet sich die zweite Förderlinie auch den konkreten Lehr-/Lernprozessen. Und da stellen wir fest, dass auch das Ausbildungspersonal weiterqualifiziert werden muss – übrigens keine Frage des Alters: Es gibt Ende 50jährige, die sehr offen und versiert sind, und Anfang 30jährige, die weniger neugierig auf die Möglichkeiten der digitalen Arbeitswelt sind. In den Pilotprojekten erarbeiten die Teams gemeinsam mit Ausbilderinnen und Ausbildern Empfehlungen für die Anpassung der überbetrieblichen Lehrgänge und, sofern es erforderlich ist, auch für die Weiterentwicklung des jeweiligen Ausbildungsberufs. Und dass dabei auch Fragen und Möglichkeiten der Weiterbildung des Ausbildungspersonals in den Blick genommen werden müssen, ist klar.

Wie sieht es mit den Fähigkeiten der Azubis aus?

Ein Smartphone zu bedienen oder einen Instagram-Account einrichten zu können, bedeutet nicht automatisch, auch komplexe Arbeitsprozesse oder Anlagen digital steuern zu können. Sich diese Fertigkeiten anzueignen, ist ja gerade Ziel der Ausbildung! Mir ist aber an der Stelle ganz wichtig, dass allein der Umgang mit solchen Geräten bei weitem nicht alles ist.

„Digitale Geräte und Anwendungen sind Hilfsmittel, die Arbeitsprozesse unterstützen.“

Um beispielsweise einen 3-D-Ausdruck richtig herstellen zu können, muss man weitaus mehr wissen: Aus welchem Material drucke ich? Wie ist seine Beschaffenheit, seine Belastbarkeit? Was macht der Kunde mit dem Produkt? Wo wird es eingesetzt? Es ist also nach wie vor von elementarer Bedeutung sich mit Materialkunde zu beschäftigen und konkrete Schritte der Weiterverarbeitung über den eigenen Betrieb hinaus kennen zu lernen – digitale Geräte und Anwendungen sind also kein Selbstzweck, sondern Hilfsmittel, um die Arbeitsprozesse beispielsweise im Handwerk zu unterstützen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Eines – allerdings aus der Landwirtschaft – finde ich sehr plastisch: In der Viehhaltung werden Sensoren zum Monitoring des Wohlbefindens einer Herde eingesetzt. Meldet ein Sensor nun einen von der Norm abweichenden Wert, weiß der Landwirt sofort, dass er sich das Tier anschauen muss. Das Instrument zeigt aber nur an, dass etwas nicht in Ordnung – und nicht woran es liegt. Um die Ursachen für die Abweichung herauszufinden, braucht es den Landwirt selbst – mit seinem umfangreichen Wissen und seiner Berufserfahrung. Digitale Geräte können das nicht leisten.

Nach den Erfahrungen in den Kompetenzzentren und den Pilotprojekten – wie schätzen Sie Stellenwert und Nutzungsgrad digitaler Anwendungen in den nächsten Jahren ein?

Wie schon gesagt: Die Digitalisierung wird vor keinem Beruf haltmachen. Sowohl Stellenwert als auch Nutzungsgrad der digitalen Anwendungen werden meiner Einschätzung nach daher weiter steigen. Wir wissen jetzt schon aus dem Koalitionsvertrag, dass das Programm nach Abschluss 2019 von der Bundesregierung weitergeführt werden soll. Wie die konkrete Ausrichtung aussehen wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt natürlich noch nicht sagen. Das hängt zum einen von den technischen Entwicklungen ab, zum anderen auch von den Erfahrungen, die wir mit dem aktuellen Programm machen.

Vielen Dank für das Gespräch Frau Kurz!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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