„Open Educational Practices sind viel mehr als nur der Einsatz von Open Educational Resources“

Wie mehr Offenheit in der Lehre durch didaktische Szenarien und den Einsatz von OER gelingen kann

FRAGEN AN Kerstin Mayrberger, Professorin für Lehren und Lernen an der Hochschule mit dem Schwerpunkt Mediendidaktik an der Universität Hamburg. Mayrberger beschäftigt sich seit 2002 in unterschiedlichen Projekten damit, wie Bildungsprozesse mit neuen, digitalen Medien gestaltet werden können – in Schule wie Hochschule. Mit Open Education Practices (OEP ) befasste sie sich vor allem im Rahmen des Projekts „SynLLOER – Synergien für Lehren und Lernen durch OER“. Hier erklärt sie unter anderem, in welchem Verhältnis Open Educational Resources (OER) zu Open Educational Practices stehen – also wie sich der Einsatz von OER auf die Lernumgebung auswirkt und wie Lernszenarien aussehen müssten, damit es wirklich zu offenen und partizipativen Lehr-Lernformen im Sinne von OEP kommt.

Kerstin Mayrberger, Professorin für Lehren und Lernen an der Hochschule mit dem Schwerpunkt Mediendidaktik an der Universität Hamburg

Frau Mayrberger, was versteht man unter “Open Educational Practices”?

“Offene Bildungspraktiken”, wie es auf Deutsch heißt, bedeutet vereinfacht gesagt die Art und Weise, wie Lehrende und Lernende sich unter didaktischen, technischen, sozialen und rechtlichen Bedingungen der Offenheit begegnen und miteinander agieren. In der Capetown-Open Education-Declaration wird Open Education als Ansatz beschrieben, der den Zugang zu Technologie ermöglicht, kollaboratives Lernen unterstützt und neue Möglichkeiten bietet, erlangtes Wissen zu prüfen, zu testen, und nachzuweisen. Die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre – angefangen mit der Kommunikation über Social Media über gemeinsame Wissens- und Arbeitsplattformen bis hin zu den orts- und zeitungebunden Zugängen – haben dem partizipativen Ansatz in der Bildung neuen Auftrieb gegeben. Ich beschäftige mich mit offenen und partizipativen Lernformen aus der Hochschulperspektive und verknüpfe Open Education Practices eng mit dem Ansatz der partizipativen Mediendidaktik.

In welchem Verhältnis stehen Open Educational Resources zu Open Educational Practice?

In der schon erwähnten Capetown-Declaration werden Open Educational Resources (OER) ganz klar als ein Teil von Open Education gesehen. Dahinter steht aber eine andere, neue Kultur der Didaktik, die das gemeinsame Gestalten von Lehr- und Lernprozessen und das Lehren und Lernen auf Augenhöhe einschließt. Das Nachdenken über solche didaktischen Fragen wird häufig erst über die Produktion von OER angestoßen. Denn um den Mehrwert von OER ausschöpfen zu können, benötigt man offene didaktische Szenarien. In der Praxis zeigt es sich ganz unmittelbar, dass es bei Open Education eben nicht nur mit der richtigen Lizenz für das Lernmaterial getan ist, sondern dass man auch eine Umgebung braucht, in der man teilen und kollaborieren kann.

Sie unterscheiden zwischen einem engen und weiten Begriff von Open Educational Practice?

Ja, weil in der Praxis oft eine Henne-Ei-Diskussion geführt wird: Brauche ich erst eine lernförderliche offene Umgebung um OER zu machen? Oder praktiziere ich schon eine offene Bildungspraxis, wenn ich OER mache? Bedeutet OER gleichzeitig auch OEP? Wir sagen, es gibt ein fließendes Spektrum zwischen einem eher engen und einem eher weiten Begriff von Offener Bildungspraxis.

Im Vordergrund steht immer der offene Ansatz.

Offene Bildungspraxis im engen Sinne besteht beispielweise dann, wenn man in geschlossenen Lernszenarien freie Bildungsmaterialien produziert und zur Verfügung stellt. Aber man muss nicht notwendigerweise mit Open Educational Resources arbeiten, um Open Educational Practices zu ermöglichen. Ein didaktisches Szenario selbst kann so offen gestaltet sein, dass man auch von Open Education Practices sprechen kann, ohne dass zwingend OER eingesetzt sind. OER sind ein wichtiges Element von Open Education, aber sie sind nicht das entscheidende Moment!

Open Educational Practices

OER Hub – Researching Open Education: Der OER Hub ist ein Team von Wissenschaftlern, das den Einfluss von Open Educational Resources auf Lehr- und Lernpraktiken untersucht. Die Website bietet Informationen über aktuelle Projekte und stellt Forschungsoutput wie Publikationen, Reports, Präsentationen, Inforgrafiken und Datensets zur Verfügung. Auch verlinkt sie zu offenen Online-Kursen. In Form eines ‘Research Packs’ teilt der OER Hub seine Forschungsinstrumente zur Weiter- und Neuverwendung..

OERinfo – Informationsstelle OER: Nationales themenspezifisches Online-Portal, das für die Öffentlichkeit und fachliche Zielgruppen umfassende Informationen zum Thema Open Educational Resources zur Verfügung stellt. Ziel ist die breite Sichtbarmachung von OER und die Ansprache von neuen Zielgruppen. Der aktuelle Kenntnisstand soll für die Praxis aufbereitet, Informationen zu Best-Practice-Beispielen gebündelt und die Vielfalt vorhandener Initiativen abgebildet werden.

Open Practices IN Education (OPINE): Die Tagung am 14./15. November 2019 in Frankfurt/Main richtet sich an Forschende, die sich mit den Themen Open Research Practices, Open Research Resources und Open Educational Resources sowie den sich daraus ergebenden Fragestellungen beschäftigen. Aktuelle und geplante Forschungsprojekte sollen dabei vorgestellt und bisher noch ungenutzte Kollaborations-Potentiale identifiziert werden. Der Fokus der Tagung liegt auf dem Netzwerken und dem wissenschaftlichen Austausch. Der Call for Papers endet am 30. Juni 2019

Die Offenheit der wissenschaftlichen Ausbildung: Potenziale von offenen Lehr-/Lernpraktiken für forschendes Lernen: Der 2018 in der Zeitschrift “MedienPädagogik” erschienene Artikel befasst sich mit zwei Lehr-/Lernansätzen, die aktuell stark diskutiert werden. Forschendes Lernen zeichnet sich dadurch aus, dass es die wissenschaftliche Ausbildung an Hochschulen durch forschende Tätigkeiten der Studierenden umsetzen will. Offene Lehr-/Lernpraktiken (Open Educational Practices) werden in Zusammenhang mit der Öffnung von Lehre diskutiert, beinhalten in der Umsetzung jedoch auch Aspekte, die für eine offene Wissenschaft (Open Science) von Bedeutung sind. Im Beitrag wird der Begriff der Offenheit aus diesen unterschiedlichen Perspektiven diskutiert und der Frage nachgegangen, inwieweit sich Aspekte offener Lehr-/Lernpraktiken in das Konzept des forschenden Lernens integrieren lassen.

Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend für eine wirklich offene Bildungspraxis?

Nach eingehender Auseinandersetzung mit dem Thema im europäischen Forschungskontext sind wir zu dem Schluss gekommen, dass man erst mal eine irgendwie geartete Umgebung und das entsprechende Mindset – also eine Haltung und Einstellung zu einer Kultur des Teilens – benötigt. Denn um OER unter freier Lizenz zu produzieren, die von sich aus schon die Botschaft in sich tragen „Nimm mich, ändere mich, teil mich, verändere mich wieder“, benötigt man eine offene Infrastruktur und eine offene didaktische Umgebung, die organisationale, rechtliche, technische und soziale Fragen mit einschließt. In der Praxis manifestiert sich das natürlich meist in Mischformen. Deshalb gehen wir in unserem Beitrag in der Zeitschrift Medienpädagogik auch von einem fließenden Spektrum zwischen einem eher engen und einem eher weiten Begriff von Offener Bildungspraxis aus, in dem wir exemplarisch vier Ankerpunkte verorten.

Welche Ankerpunkte sehen Sie?

Eine sehr weite Umgebung, die institutionelle Rahmenbedingungen, Infrastruktur und Governance berücksichtigt, findet sich in den zurzeit vielfältig erprobten Lab-Varianten wie OERlabs, eduLabs oder anderen infrastrukturell und institutionell gerahmten Open-Labs. Das schließt auch sehr offen und selbstorganisiert gestaltete Studiengänge ein wie zum Beispiel an der Code University. Oder auch akademische Angebote wie Open BA-Studiengänge, die sich zwar in einem formalen Rahmen bewegen, in denen man aber technologieunterstützt in gemeinsamen Projekten arbeitet – also mit sozialen Medien kommuniziert, mit offenen Materialien arbeitet und offene Texte produziert – und partizipativ mit den Lehrenden und den Peers in Kontakt ist.

„Es ist ein ‚Fading‘: An dem einen Ende geben die freien Bildungsmaterialien den Takt vor, am anderen Ende die didaktischen Prozesse und Rahmenbedingungen.“

Ein enger Begriff von OEP liegt vor, wenn man vom anderen Ende her kommt, und zum Beispiel einfach nur OER aus edutags in seine Lehre einbetten möchte. Dabei ist es völlig zweitrangig, ob es sich um ein sehr offen gehaltenes Seminar oder um ein ganz klassisches traditionelles Szenario handelt, zu dem man sich anmelden muss. Im Vordergrund des engen Begriffs von offener Bildungspraxis steht die Verwendung von OER und nicht das Szenario. Von diesen beiden Extremen aus gesehen schieben sich die Szenarien und Praxisbeispiele über- und ineinander. Und je weiter man von den beiden Positionen in die Mitte kommt, desto mehr verändern sie sich.

Warum sollte man sich mit Open Education Practices auseinandersetzen?

Bei offenen und partizipativen Lehr- und Lernformen, und das bedeutet Open Education Practices letztendlich, geht es im Kern um Demokratiebildung. Lernende machen die Erfahrung, dass es nicht die eine richtige Antwort auf eine Frage gibt, sondern dass man sich gemeinsam über eine Lösung verständigen kann. Und dass es Fragen gibt, die zum kritischen Denken anregen und ein kreatives Problemlösen provozieren. Lehrende und Lernende begeben sich in eine Struktur, in der Inhalte und Lösungen gemeinsam erarbeitet werden.

„Der Wert von partizipativen Lernumgebungen? Sie fordern einfach! Sie fordern alles das heraus, was das Team zusammensetzt. Und jeder kann seine Stärken einbringen.“

Außerdem wird man frühzeitig damit konfrontiert, dass es verschiedene Meinungen gibt, dass man seine eigene Meinung mit Argumenten stützen muss – und sie trotzdem nicht die überlegene ist. Man wird also damit konfrontiert, was Demokratie ausmacht: Dass wir uns immer im Austausch und in der Weiterentwicklung befinden!

Das klingt sehr idealistisch! Was sind denn Hindernisse für offene Bildungspraktiken?

Sie machen mehr Arbeit! Weil es unbequem ist, sich mit dem bestehenden Wissen immer wieder kritisch auseinandersetzen, nicht alles nur in schwarz-weiß, sondern auch in Grautönen zu sehen – und dabei einzukalkulieren, dass sich die Welt vielleicht schon wieder verändert hat. Damit umzugehen, wird von vielen als nervig und anstrengend empfunden; deshalb wird es auch nicht kultiviert und vielleicht auch gar nicht gewollt. Aber ein Bildungssystem muss –  im Sinne der Demokratiebildung –  Erfahrungsräume schaffen, in denen man sich als mündiger Bürger ausprobieren kann.

„Gelebte Werte wie Transparenz, Vertrauen und Offenheit haben bei Open Education Practices eine große Bedeutung!“

Und natürlich kommt es auch auf Inhalte, auf Wissensvermittlung an. Aus konstruktivistischer Sicht geht man davon aus, dass bestehendes Wissen immer wieder rekonstruiert und neu entdeckt werden muss,damit jede und jeder das neue Wissen verinnerlichen und mit dem eigenen Vorwissen verknüpfen kann, um es dann vielleicht sogar kritisch zu hinterfragen und wieder zu modifizieren.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Mayrberger!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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