„Wir brauchen eine Liste von No-Gos, um die schlimmsten Auswüchse pädagogischen Fehlverhaltens bewusst zu machen.“

Demokratie und Bildung (5)

Kinder und Jugendliche zu Selbstachtung und Anerkennung der anderen anleiten.

INTERVIEW mit Prof. Annedore Prengel, die – nach langen Berufsjahren an verschiedenen Universitäten – seit 2013 als Seniorprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt/Main lehrt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Heterogenität in der Bildung, Pädagogische Beziehungen sowie Inklusion in KiTa und Schule. Im Interview erläutert sie, warum der Blick auf pädagogische Interaktionen für die demokratische Sozialisation von Kindern so wichtig ist, wie Regeln des wechselseitigen Respekts und der Selbstachtung vor Diskriminierung und Ausgrenzung schützen und was eine Kita tun kann, um soziale Regeln im Sinne der Demokratie zu vermitteln. Besonders wichtig sind ihr die gemeinsam mit einem Expertenkreis entwickelten und 2017 veröffentlichten „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“. Mit ihnen werden 10 Leitlinien formuliert, die eine menschenwürdige Gestaltung pädagogischer Beziehungen fördern.

Frau Prengel, in vielen Kitas gibt es politikbezogene Partizipationsmodelle wie Kinderparlamente oder gemeinsam verfasste Regeln für den Umgang miteinander. Wie sinnvoll ist das?

Natürlich muss der Kindergarten eigene soziale Regeln als grundlegende Regeln der Demokratie vermitteln, also Regeln des wechselseitigen Respekts. Das heißt, Perspektiven der Selbstachtung die Selbstliebe, die Selbstfürsorge – und zugleich ebenfalls Perspektiven der Anerkennung der anderen.

„Jedem Kind soll es gut gehen, die gleiche Würde kommt allen Kindern zu.“

Aber: Repräsentative Politikformen sind für so kleine Gruppen, die in Kitas zusammenkommen, nicht angemessen. Repräsentieren ist ja für große Gemeinschaften auf der Makroebene gedacht, wo nicht mehr alle miteinander reden können. Bei Abstimmungen gibt es Sieger und Verlierer. In einer Kita sollte man deshalb auch nicht mit Abstimmungen zur Herstellung von Mehrheitsergebnissen arbeiten; sie produzieren Verlierer. Es ist viel wichtiger, sich darum zu bemühen, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen – gerade auch von Kindern, die in der Minderheit sind, gerade auch die Bedürfnisse einzelner Kinder mit ihren jeweiligen Wünschen und Interessen.
Der allererste Schritt zur Partizipation für mich ist, dass alle Kinder, zum Beispiel aus einem Wohngebiet oder auch einem Sozialraum wie er in Betriebskindergärten zu finden ist, überhaupt in eine gemeinsame Kita gehen dürfen, und dass eben nicht nach bestimmten Kriterien Segregation oder Aussonderung betrieben wird. Neben dieser institutionellen Ebene ist auch die interaktive Ebene ganz wesentlich. Also: Wie handeln Erwachsene und Kinder miteinander? Wie geht dieses Handeln, so dass die Interessen der Kinder gewahrt werden – im ganz alltäglichen Sprechen und im alltäglichen Agieren. Dabei genügt es nicht zu sagen: „Wir beachten den Willen und die Entscheidungsfreiheit der Kinder.“ Es gehört wesentlich dazu, dass Erwachsene ihre Verantwortung wahrnehmen und bestimmte Dinge setzen und dass sie diese Setzungen explizit mitteilen. Und natürlich müssen Wille, Wünsche und Entscheidungen jedes einzelnen Kindes in hohem Maße berücksichtigt werden. Das ist unstrittig ein Zeichen von Partizipation.

Dauernder Diskussionspunkt der Partizipationsdebatte: „Welche Regelungen gehen von Erwachsenen aus – und das mit guten Gründen?“

Eine weitere und ganz andere Perspektive auf Partizipation bietet das freie Spiel, das ja eine uralte Tradition im Kindergarten hat. Das Spiel lässt in hohem Maße Kinderfreiheit zu und lässt den Kindern so viel Gestaltungsspielraum wie kein anderes Instrument!

Wie müssen Erzieher*innen handeln, um Kindern eine größtmögliche Teilhabe an der eigenen Bildung und Entwicklung zu ermöglichen?

Ein erster Schritt ist, sich zurückhalten, Eigenständiges entstehen lassen. Für viele von uns Erwachsenen ist das schwer zu lernen. Dabei darf pädagogische Zurückhaltung natürlich nicht ins Laissez-faire abgleiten. Erzieherinnen haben ja bereits Verantwortung, indem sie die Umgebung vorbereiten – sie müssen den Raum gestalten und die Materialien bereitstellen – oder auch entscheiden, an welche externen Orte man mit Kindern gehen kann und an welche nicht. Damit haben Erwachsene schon einen Rieseneinfluss! Dazu gehört, dass die Themen und Interessen der Kinder berücksichtigt werden, also zum Beispiel, wenn ein Kind sich für bestimmte Dinge interessiert, die entsprechenden Materialien zu beschaffen.

„Erzieherinnen müssen sich zurückhalten, aber auch angemessen intervenieren können.“

Leider gibt es auch im Kindergarten Menschen, die Kindern gegenüber nicht den richtigen Ton finden, sie autoritär beherrschen und negativ adressieren. Erzieherinnen müssen daher lernen, respektvoll ganz konkrete Anleitung zu angemessenem Handeln zu geben und den Kindern zu vermitteln, was sozial angemessenes und anständiges Verhalten ist! Ein pädagogisch angemessenes Verhalten bei einem andere anspuckenden Kind wäre beispielsweise zu sagen: „Mach den Mund zu.“ Also möglichst positiv formulieren. Und wenn das Kind dazu in der Lage ist: „Entschuldige dich.“ Es geht darum, die Handlung zu unterbinden, ohne das Kind schlecht zu machen, sondern es im Gegenteil anzuerkennen. Das ist ein wesentliches Prinzip! Gerade im Fall von Kindern, die „immer stören“, ist man mit der Zuschreibung „verhaltensgestört“ schnell bei der Hand und bewertet das Kind als Person negativ. Unser Repertoire ist da sehr eingeschliffen. Wenn es uns also nicht gelingt, wertschätzend einzugreifen, geben wir der Diskriminierung und auch der Tendenz, andere übergriffig zu behandeln einfach freie Fahrt. Das kann in professioneller Perspektive nicht sein! Aber es gibt leider pädagogische Richtungen, die verantwortliche Anleitung nicht in ihre Konzeptionen integrieren können, weil sie das für zu autoritär halten. Dann wird manchmal auch zum Problem der pädagogischen Autorität geschwiegen.

„Wir sind verantwortlich für jeden. Das heißt, jeder sorgt für sich und jeder sorgt auch für die anderen.“

Was sind klassische oder weit verbreitete Fehler in der pädagogischen Interaktion in Bezug auf eine demokratische Sozialisation?

Dass Kinder diskriminiert und beschimpft werden, dass sie angeschnauzt werden: „Musst du schon wieder Unsinn machen!“. Oder wenn in diesem bösen Tonfall Sätze gesagt werden wie „Das kannst du nicht.“, „Du bist zu dumm dazu.“. Wir haben in unseren Beobachtungsstudien in Praxisfeldern ganz viele solcher Aussagen gesammelt und protokolliert. Das zu beobachten ist sehr traurig.

„Man kann keine einheitliche Aussage über Kindergärten treffen, die Qualitätsunterschiede sind riesig.“

Im Alltag von Kitas ist grundsätzlich sehr vieles widersprüchlich und überhaupt nicht einheitlich: Es gibt sehr freiheitliche, sehr gute, anerkennende Erzieherinnen oder auch Einrichtungen und Träger. Und es gibt andere, bei denen es sehr autoritär bis aggressiv zugeht. Das sind einzelne Erzieherinnen oder auch ganze Einrichtungen, in denen sich ein Team einig darin ist, dass es richtig ist, aggressiv zu handeln  – denn die Kinder müssen ja „erzogen werden“! Für einige Träger könnte das auch als eine Legitimation dafür herangezogen werden, nicht dafür Sorge tragen zu müssen, dass sich ihre Einrichtungen weiter entwickeln und verbessern.

Grafik mit den zehn Leitlinen der Reckahner Reflexionen. Bei Klick auf die GRafik landet man auf der Webseite mit den Leitlinien.

Die Reckahner Reflexionen sind eine freiwillige Selbstverpflichtung bestehend aus zehn Leitlinien, die ethische Orientierungen für den Alltag in schulischen, frühpädagogischen und sozialpädagogischen Feldern formulieren.

Sie sprachen vorher von pädagogischen Richtungen, die Anleitungen zum angemessenen Verhalten als autoritär empfinden. Was meinten Sie damit genau?

Gerade in demokratisch und menschenrechtlich ausgerichteten Kreisen gibt es manchmal wenig Sensorium dafür, wie ich Kindern etwas vermittle. Es existiert eine ganz starke Richtung, die betont, dass Kinder sich selbst entwickeln müssen, sich ihre Regeln selbst geben müssen. Natürlich ist das eine Stärke der demokratischen Erziehungsbewegung, aber das ist doch nicht alles! Man muss auch darüber sprechen, welche Verantwortung Erwachsene in der Erziehung haben. Und man muss es in Worte fassen können. Aber es gibt Fachleute, die für dieses Intervenieren keine Sprache haben oder sich scheuen, das konzeptionell zu fassen, weil es in einer autoritären Pädagogik mit schädlichen Folgen überbetont wurde und wird. Dabei spielt auch die Perspektive der Kinderrechtskonvention eine Rolle. Die Kinderrechtskonvention richtet sich an Erwachsene und an Staaten und formuliert rechtliche Ansprüche der Kinder an Erwachsene. In der Kinderrechtskonvention geht es nicht um die Perspektive, in der danach gefragt wird, was Kinder lernen müssen. Manchen fällt ein Perspektivwechsel hin zu dieser Frage schwer. Wie kann die soziale Erziehung von Kindern aussehen? Welches respektvolle Verhalten sind eigentlich Kinder einander wechselseitig schuldig? Und welches auch Erwachsenen gegenüber? Und wie können Erwachsene Kinder respektvoll anleiten im Sinne einer demokratischen Bildung?

„In den Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen zeigen wir, wie Kinder und Jugendliche zur Selbstachtung und Anerkennung der anderen angeleitet werden.“

Aus den in den Reckahner Reflexionen entwickelten Leitlinien haben wir deshalb eine Vertiefung entwickelt. Ein Regelbüchlein mit zwölf Regeln für große und kleine Kinder wurde erarbeitet mit Regeln wie zum Beispiel „Ich sorge gut für mich.“, „Ich sorge gut für die anderen.“, „Ich sorge gut für die Dinge und die Umwelt.“.

Tragen die derzeitigen Aus- und Fortbildungskonzepte zu einer gelingenden Partizipation der Kinder bei? Was müsste angepasst werden?

In der Ausbildung für Berufe im Elementarbereich arbeiten die Fachhochschulen und Fachschulen in der Regel mit der Bindungstheorie. Die Bindungstheorie hat sehr starke Bezüge zu partizipationsrelevanten Inhalten und richtet viel Aufmerksamkeit auf dieses Thema. Leider achten einige Träger in ihren Kitas nicht darauf. Mir sind Fallbeispiele bekannt, bei denen sich das ganze Kita-Team in einer anfangs erwähnten harschen und dominierenden Haltung einig ist. Wenn Eltern sich an die Leitung oder an den Träger wenden, weil ihre Kinder unter aversiven Handlungsweisen von pädagogischen Fachkräften leiden, werden sie abgewimmelt. Beschwerden verlaufen im Sande, es gibt keinerlei Aufmerksamkeit für dieses Problem und auch keine Entwicklung. Im Gegenteil: Zusätzlich werden auch die Eltern noch negativ adressiert und schlecht behandelt. Aber es gibt auch positive Entwicklungen im Primarbereich. Die Vertreterin eines Trägers berichtete, dass jetzt Einstellungsverträge dieses Trägers einen neuen Passus enthalten, der gegenseitige Rückmeldungen im Arbeitsalltag verbindlich vereinbart – mit dem Ziel die Interaktions- und Beziehungsqualität zu verbessern. Die Bereitschaft wächst also, Rückmeldungen zum eigenen Verhalten als Teil des normalen Arbeitsprozesses im Team zu sehen und damit zu enttabuisieren.

„In einigen Einrichtungen wird es als hochproblematisch angesehen, sich wechselseitig auf Fehler aufmerksam zu machen.“

Übrigens betrifft das Problem des aversiven Handelns auch die Schule, denn auch da verzeichnen wir negative Tendenzen. In seinen Arbeiten zur Gewalt durch Erwachsene beschreibt Jörg Maywald in seinem neuen Buch sehr genau, wie sich nicht nur sexualisierte und körperliche Gewalt, sondern auch verbale Gewalt  auf Kinder auswirkt und wie sie die Partizipation und die Teilhabe der Kinder in ihren alltäglichen Handlungen und ihrer alltäglichen Auseinandersetzung beeinträchtigt.

Wenn Sie praktische Empfehlungen aussprechen könnten – was würden Sie dem pädagogischen Personal in der frühen Bildung raten? Und was den politischen Entscheidern?

Wir könnten was von der Medizin lernen! Dort gibt es den Begriff „Kunstfehler“, es gibt Forschung zu Kunstfehlern, es gibt eine Kunstfehlerlehre und es gibt Aufmerksamkeit für Kunstfehler, die immer wieder passieren. Das brauchen wir in der Pädagogik auch. Wir brauchen einfach eine Liste von No-Gos, alles, was man nicht tun sollte, um die schlimmsten Auswüchse pädagogischen Fehlverhaltens beim Namen zu nennen und bewusst zu machen. Das Vermeiden von Kunstfehlern sollte auch als normativer Anspruch vermittelt werden – in der Ausbildung, in der Fortbildung und in der alltäglichen Zusammenarbeit. Wir wissen, Fehler passieren überall da, wo Menschen handeln, das wissen auch professionell im Kindergarten tätige Menschen. Es geht nicht um Perfektion, sondern die dauerhafte Aufmerksamkeit für „genügend gutes“, ethisch vertretbares Handeln. Deshalb empfehle ich 14-tägige Besprechungen, in denen über die Interaktionsqualität in der eigenen Einrichtung kontinuierlich nachgedacht und gesprochen wird. Und natürlich muss man dann auch mit Kindern sprechen und zuhören, was sie zu sagen haben: Was findest du schön hier im Kindergarten? Was hat dir wehgetan? Sollen wir etwas ändern? So arbeitet man an einem freieren Klima, in dem Kinder auch gehört werden, wenn sie sagen: „Als die Erzieherin das und das zu mir gesagt hat, war ich ganz traurig.“ Wertschätzende pädagogische Beziehungen bilden eine wesentliche Grundlage demokratischer Bildung.

Vielen Dank für das Gespräch Frau Prengel!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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