Interview mit Dr. Sofie Henschel vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin (IQB)
Dr. Sofie Henschel, Stellvertretende Wissenschaftliche Leiterin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin, stellt das Institut, die dort entwickelten Beispielaufgaben und didaktischen Kommentierungen zu den landesweiten Vergleichsarbeiten (VERA) sowie den gemeinsamen Abituraufgabenpool der Länder vor. Außerdem erklärt sie, wie Lehrkräfte datenbasierte Ergebnisse aus Vergleichsarbeiten in der Schulpraxis nutzen können.
Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) unterstützt die Arbeiten der Länder in der Bundesrepublik Deutschland bei der kontinuierlichen Weiterentwicklung und Sicherung von Bildungserträgen im Schulsystem.
Zum Interview mit Sofie Henschel
Lesefassung
Guten Tag, Frau Henschel. Ich begrüße Sie ganz herzlich zu Bildung auf die Ohren, dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Mein Name ist Christine Schumann. Das Interview mit Ihnen ist der Start unserer neuen Reihe „Bildungsforschung für die Bildungspraxis“, in der wir unseren Hörerinnen und Hörern Einblick in die Arbeit von bildungswissenschaftlichen Instituten geben wollen. Wir wollen aufzeigen, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse gezielt in Materialien und Angebote für die Bildungspraxis umsetzen. Und wie sie den Bedarf aus der Praxis erkennen.
Aber vielleicht stellen Sie sich erstmal vor, wer sind Sie und wozu wird in Ihrem Institut geforscht?
Sofie Henschel: Ja, vielen Dank erstmal für diese Einladung. Ich freue mich sehr, hier zu sein. Mein Name ist Sofie Henschel. Ich bin stellvertretende wissenschaftliche Leiterin am IQB und von Haus aus Erziehungswissenschaftlerin. Das IQB oder Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen ist ganz allgemein erstmal eine wissenschaftliche Einrichtung der 16 Bundesländer in Deutschland. Und wir sind als ein An-Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin angesiedelt.
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Eine Podcast-Reihe in Kooperation mit dem Leibniz Forschungsnetzwerk Bildungspotenziale, in dem das IQB ist Mitglied ist.
Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen ist eine wissenschaftliche Einrichtung der 16 Bundesländer in Deutschland.
Wir sind kein reines Forschungsinstitut, sondern wir übernehmen als wissenschaftliche Einrichtung aller Länder in Deutschland bestimmte Aufgaben im Rahmen des nationalen Bildungsmonitorings. Und zwar auf Grundlage der von der KMK verabschiedeten Bildungsstandards.
Bildungsstandards definieren, welche Kompetenzen SchülerInnen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Schullaufbahn entwickelt haben sollen.
Zu den Bildungsstandards ganz allgemein kann man vielleicht noch mal sagen, was das eigentlich ist: Die Bildungsstandards definieren, welche Kompetenzen SchülerInnen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Schullaufbahn entwickelt haben sollen. Bildungsstandards gibt es für verschiedene Kernfächer und auch für verschiedene Kompetenzbereiche, also für das Fach Mathematik oder auch für das Fach Deutsch. Und hier dann zum Beispiel für die Bereiche Lesen, Orthographie oder auch für das Zuhören für den Primarbereich. Das ist also das Ende des Primarbereichs, die vierte Klassenstufe.
Und für die Sekundarstufe 1, da kommen dann noch weitere Fächer hinzu, die erste Fremdsprache oder auch die Naturwissenschaften. Und auch für die Sekundarstufe 2 gibt es Bildungsstandards.
Bildungsstandards gibt es seit über 20 Jahren
Zum ersten Mal wurden die schon vor mittlerweile über 20 Jahren verabschiedet. Wir haben die jetzt gerade in einem umfänglichen Prozess überarbeitet oder weiterentwickelt. Für die Primarstufe und die Sek 1 hat das IQB den Prozess koordiniert und die Bildungsstandards aktualisiert. Auch die Progression und Anschlussfähigkeit zwischen den Fächern haben wir etwas verbessert und vor allem aber auch Anforderungen eingearbeitet, die sich aus dem Bereich der digitalen Bildung ergeben. Da gibt es ja auch einen Kompetenzrahmen seitens der KMK, der schon vor einigen Jahren verabschiedet wurde, da geht es ja zum Beispiel um solche Sachen wie digitales Lesen.
Mit den IQB-Bildungstrends überprüft das IQB regelmäßig das Erreichen der Bildungsstandards.
Und die Aufgabe des IQBs ist es eben diese Bildungsstandards weiterzuentwickeln bzw. den Prozess hier zu koordinieren, der Weiterentwicklung und vor allem geht es bei unserer Arbeit aber auch darum, dann zu überprüfen, inwieweit die Bildungsstandards in den Bundesländern tatsächlich auch erreicht werden. Dazu setzen wir sogenannte Bildungstrendstudien um, alle fünf bis sechs Jahre.
IQB: Handreichungen, Material und Literatur für die Praxis
- Bildungsstandards allgemein
- Institute zur Qualitätsentwicklung des Bildungssystems – mit IQB
- Lernaufgaben zu den Bildungsstandards
Bildungsstandards
o Unterrichtsmaterialien für die Grundschule
o Unterrichtsmaterialien für den Sekundarbereich - Vergleichsarbeiten in den 3., 6. und 8. Klassen (VERA)
- Sprachförderung Grundschule
o BISS-Transfer – Tools, Handreichungen und Materialien für die Praxis
o Deutsch in der Grundschule (BISS-Sprachbildung) - Unterrichtsentwicklung
o Inhaltscluster Unterrichtsentwicklung Deutsch und Mathematik (SchuMaS)
o Datengestützte Unterrichtsentwicklung mit Vergleichsarbeiten. Akzeptanz und wahrgenommene Nützlichkeit von VERA aus Sicht von Lehrkräften im IQB-Bildungstrend (Publikation) - Abitur – Prüfungs- und Musteraufgaben der Bundesländer mit Aufgabensammlung des IQB
- Sprachförderung und Sachunterricht
o Professionalisierungsmaßnahmen zur bedeutungsfokussierten Sprachförderung im Sachunterricht der Grundschule
o Sprachförderliches Unterrichten im Sachunterricht - Multiprofessionelle Kooperation und Professionalisierung zur fachbezogenen Sprachbildung im schulischen Ganztag (KoPaS)
Das ist so ein bisschen das Pendant zu PISA, wo die Leistungsfähigkeit der OECD-Länder letztendlich miteinander verglichen werden, also Deutschland als gesamtes Land betrachtet wird. Und wir vergleichen hier also die Bundesländer, deswegen hießen diese Studien früher auch mal Ländervergleichsstudien. Mittlerweile kann man auch Veränderungen über die Zeit abbilden, deswegen jetzt eben der andere Name Bildungstrends: Das sind groß angelegte repräsentative Studien mit 30.000 bis 40.000 Schülern, die wir so alle fünf bis sechs Jahre deutschlandweit durchführen, entweder in der vierten Klassenstufe, also am Ende der Primarstufe oder eben in der neunten Klassenstufe, am Ende der SEK 1 und dann gucken, wie hat sich das Erreichen der Bildungsstandards verändert – sind Disparitäten zum Beispiel größer geworden zwischen unterschiedlichen Schülergruppen, beispielsweise mit und ohne Zuwanderungshintergrund, und für die Sekundarstufe 2 gibt es ja wie gesagt auch Bildungsstandards; da werden solche Studien aber eben nicht durchgeführt, sondern hier werden Abituraufgabenpools entwickelt, und wir koordinieren auch diese Entwicklung. Die Länder können dann diese Aufgaben einsetzen und müssen es zum Teil auch im Rahmen der Abiturprüfungen. Das zielt darauf ab, eine hohe Qualität einerseits zu gewährleisten der Abiturprüfung und andererseits aber auch die Anforderungen anzugleichen zwischen einem Abitur, was man in Bayern ablegt oder in Hamburg oder in Schleswig-Holstein beispielsweise.
Auch die Testentwicklung für die Vergleichsarbeiten der Bundesländer, auch VERA genannt, wird vom IQB koordiniert.
Darüber hinaus koordinieren wir auch die Testentwicklung für die sogenannten Vergleichsarbeiten oder auch VERA, die heißen in manchen Ländern auch anders, da heißen sie dann Kompetenztests oder Lernstandserhebungen. Das Ziel dieser verpflichtend durchgeführten schriftlichen Arbeiten ist es, dass Lehrkräfte schon ein Jahr bevor die Schülerin eigentlich die Bildungsstandards erreichen sollen, also in der dritten Klassenstufe oder in der achten Klassenstufe, schon eine Rückmeldung darüber bekommen, wo die Schülerin bezogen auf das Erreichen der Bildungsstandards ein Jahr später stehen.
Das hat also ein bisschen auch eine Funktion eines Frühwarnsystems und soll darauf hinweisen, wo es einerseits Stärken gibt, aber andererseits natürlich auch deutlich machen, wo ist besondere Förderung noch in dem restverbleibenden Jahr nötig. Und bezogen auf diese Kernaufgaben, die ich jetzt versucht habe, mal ganz kurz zu skizzieren – ich weiß, das ist jetzt schon so mittelmäßig komplex – findet auch unsere Forschung statt. Das heißt, wir machen Forschungen, die unsere Kernaufgaben inhaltlich und methodisch fundieren.
Das sind also Fragestellungen, mit denen wir uns beschäftigen, zum Beispiel zur Kompetenzstruktur. Also ist das Verstehen von literarischen Texten eine andere Kompetenzfacette im Lesen als das Verstehen von Sachtexten zum Beispiel. Aktuell stellen wir unsere Testverfahren auf computerbasiertes Testen um.
Und da geht es zum Beispiel für uns auch darum, inwieweit sich Testergebnisse nicht nur zwischen Papier und einer digitalen Online-Testung unterscheiden, sondern auch zwischen unterschiedlichen Endgeräten. Und das ist deshalb wichtig für uns, weil die VERA-Tests, die wir ja entwickeln, später mal an die Länder übergeben werden, die diese VERA-Tests in den Schulen umsetzen und dafür die Hardware letztendlich nutzen, die es da gibt. Und das unterscheidet sich natürlich. Also wir sind natürlich froh, wenn es überhaupt Hardware gibt, aber je nachdem, ob das jetzt ein Tablet ist oder ein Computer, sollte das ja nicht dazu führen, dass Schüler benachteiligt werden. Also der Test sollte am Tablet nicht schwieriger sein als am Computer zum Beispiel. Solche Fragestellungen sind das dann.
Das IQB forscht, damit Bildungsstandards besser in der Praxis implementiert werden können.
Dann machen wir Forschung, um die Implementation der Bildungsstandards zu unterstützen. Das geht ganz stark in den Bereich Professionalisierung zur datenbestimmten Unterrichtsentwicklung, also Testergebnisse aus VERA zu nutzen. Und darüber hinaus beschäftigen wir uns mit ganz vielfältigen Fragestellungen, die sich so um den Umgang mit heterogenen Lernvoraussetzungen bewegen oder beschäftigen.
Und auch wie kann man jetzt eigentlich damit umgehen? Also da geht es dann um Schüler aus zugewanderten Familien oder aus sozial benachteiligten Familien. Und ein Schwerpunkt bildet da in den vergangenen Jahren vor allem in unseren Drittmittelprojekten die Entwicklung von Fortbildungsansätzen zum sprachsensiblen oder auch sprachbildenden Unterrichten, würde ich mal sagen.
Das ist in der Tat eine ziemlich komplexe Aufgabenstellung und ein recht breites Spektrum. Sie haben es ja jetzt schon an einigen Stellen erwähnt, dass Sie an Fortbildungen arbeiten zu verschiedenen Themen, also Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer. Gibt es noch mehr Themen, zu denen Ihr Institut oder Projekte Ihres Instituts Materialien für die Bildungspraxis entwickeln?
Sofie Henschel: Also Materialien entwickeln wir natürlich im Rahmen unserer Kernaufgaben auch ganz viel. Alles, was mit den Bildungsstandards zusammenhängt zum Beispiel. Also bei uns findet man natürlich die Beschreibungen der Bildungsstandards. Die findet man jetzt auch auf der Webseite der KMK. Aber bei uns gibt es dann zusätzlich noch zum Beispiel Lernaufgaben, die sehr plastisch und sehr konkret illustrieren, wie man jetzt bestimmte Kompetenzen im Unterricht aufbauen oder vermitteln kann.
Also wenn es jetzt um zum Beispiel das Erschließen von digitalen Texten geht, ist das ja völlig anders, als wenn man jetzt einen Text auf Papier liest. Das ist lineares Lesen und beim digitalen Lesen hat man plötzlich Hyperlinks, mit denen man interagieren muss. Man hat vielleicht Werbung auf so einer Webseite. Man sieht also nicht, wo fängt der Text an, wo hört er auf. Da braucht man also andere Lesestrategien. Also sowas wird sehr konkret im Rahmen von Lernaufgaben vermittelt.
Der Abituraufgaben-Pool des IQB mit Begleitmaterialien
Dann stellen wir natürlich im Zuge der Testaufgabenentwicklung für VERA und auch für die Abituraufgaben-Pools gibt es eine Aufgabendatenbank, mit der man arbeiten kann. Dazu gibt es auch Begleitmaterialien, wo man also nochmal illustriert bekommt, was sind denn eigentlich die Kompetenzerwartungen, und wie kann ich vor allem auch mit Ergebnissen aus zum Beispiel VERA, das ist dann in sogenannten didaktischen Handreichungen beschrieben, wie kann ich damit auch konkret im Unterricht weiterarbeiten. Also solche Materialien stellen wir auch zur Verfügung.
Wie erfahren Sie denn von den Bedarfen aus der Praxis und wie nehmen Sie sie auf? Sie haben gesagt, aus VERA bekommen Sie relativ viel Informationen und wahrscheinlich auch aus den Fortbildungen – aber wie kann man sich das konkret vorstellen?
Sofie Henschel: Also ich würde sagen, so insgesamt gibt es eigentlich zwei Wege, auf denen wir von Praxisbedarfen erfahren: Ein bisschen impliziter aus den Befunden der IQB-Bildungstrends auch oder auch aus anderer Forschung. Also wenn da wie im Bildungstrend 2021 in der Grundschule rauskommt, dass wir einen zunehmenden Anteil von Schülerinnen haben, die die Mindeststandards verfehlen, ergeben sich daraus zwangsläufig Praxisbedarfe, an denen wir auch arbeiten oder die wir nutzen, um auch natürlich Politik- und Bildungsadministration dahingehend zu beraten, wo man Schwerpunkte setzen sollte. Solche Ergebnisse fließen zum Beispiel auch in die SWK-Gutachten ein.
Das ist auch eine Adressaten-Ebene, die wir haben – die Politikberatung. Und wir haben jetzt zum Beispiel im Nachgang des Bildungstrends 2021 diesen Bedarf gesehen, okay, wir müssen im Bereich Basalkompetenzen stärker fördern. Und dann versuchen wir natürlich auch unsere eigenen Projekte dahingehend auszurichten.
Basiskompetenztests sollen Lehrkräften als Frühwarnsystem dienen.
Zum Beispiel entwickeln wir aktuell Basiskompetenztests, die ab der zweiten Klassenstufe eingesetzt werden können, im Lesen und auch im Fach Mathematik. Und im Prinzip so ein bisschen stärken sollen, dass Lehrkräfte schon frühzeitiger, nämlich am Ende der Schuleingangsphase und der mittleren Grundschulzeit darauf schauen, wo stehen die Kinder bezogen auf basale Fähigkeitsentwicklung, die sie ja brauchen, um überhaupt die Mindeststandards dann zu erreichen, wenn die den Lehrertest machen. Und das soll gleichzeitig natürlich auch den Umgang mit Daten stärken, also dieses datengestützte Arbeiten.
Datengestütztes Arbeiten als Teil der professionellen Kompetenz von Lehrkräften.
Das ist uns, glaube ich, ein relativ großes Anliegen mittlerweile, weil das einfach nicht so als Teil der professionellen Kompetenz von Lehrkräften verankert ist. Und viele häufig dann nicht wissen, wie man Ergebnisse aus VERA oder auch andere Testergebnisse oder schulische Daten eben nutzen kann. Also das ist ein Zugang, wie wir mit Praxisbedarfen umgehen.
Und dann ist es eben so, wie Sie auch schon gesagt haben: Wir sind in unseren Forschungsprojekten natürlich dauerhaft im Gespräch und auch im Austausch mit den Beteiligten. Also wenn wir Unterrichtsmaterialien zum Beispiel entwickeln, machen wir das in der Regel mit Kooperationspartnern zusammen.
Über Kooperationen sind wir in einem dauernden Austausch mit Lehrkräften.
Für den sprachbildenden Fachunterricht, zum Beispiel in Berlin konkret mit dem Zentrum für Sprachbildung, die das auch sich anschauen, wo also Lehrkräfte mit dabei sind und uns eine Rückmeldung dazu geben, ob bestimmte Dinge zu anspruchsvoll sind, ob die zu komplex sind, ob das thematisch passt. Und da entstehen natürlich auch noch darüber hinausgehende Bedarfe, die wir dann versuchen, in diesem Materialien auch aufzugreifen und zu berücksichtigen. Zu den VERA-Angeboten machen wir auch Befragungen. Da gibt es ja sogenannte didaktische Handreichungen. Da befragen wir auch explizit Lehrkräfte oder haben wir vor einiger Zeit mal gemacht, inwieweit sie das überhaupt nutzen oder was sie sich auch wünschen würden, wie das gestaltet sein müsste. Und da war zum Beispiel so eine Rückmeldung, das ist fachdidaktisch super, das Material, aber das ist wahnsinnig komplex und erfordert einfach viel Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, sodass das für uns natürlich auch ein Hinweis dafür ist, wir müssen das zugänglicher machen, wir müssen es vielleicht auch anders aufbereiten, sodass es sozusagen, dass man auch schneller dieses Material für die eigenen Bedarfe nutzen kann.
Das ist eine perfekte Überleitung zu meiner nächsten Frage, nämlich wie diese Erkenntnisse aus Ihrer Forschung und aus Ihren Arbeiten die Menschen in der Praxis konkret unterstützen können. Sie haben ja schon gesagt, dieses datenbasierte besser zu verankern bei den Lehrkräften ist Ihnen ein großes Anliegen und diese Komplexität dieser Materialien, die Sie dann erarbeiten, das kann natürlich, wie soll ich sagen, kann ja nach hinten losgehen und sagen, oh Gott, wir sind erschlagen von den IQB-Materialien, da lassen wir lieber die Finger von. Also wie gehen Sie dann damit um?
Sofie Henschel: Ja, also man kann das natürlich nie komplett ausschließen, dass man auch Bedarfe einiger Akteure nicht trifft. Und es gibt immer Weiterentwicklungspotenziale und wir versuchen, die so gut es geht aufzunehmen und auch dann umzusetzen. Das dauert bei uns tatsächlich manchmal auch eine Weile. Ich glaube, grundsätzlich versuchen wir die Praxis ja erstmal so zu unterstützen, dass wir sowohl mit den Ergebnissen aus den Bildungstrends als auch mit VERA versuchen, eine empirische Grundlage dafür zu schaffen, dass Akteure im Bildungswesen und zwar auf allen Ebenen eigentlich – von der politischen Ebene über die administrative Ebene bis in die Schule, bis zur Schulleitung und der einzelnen Lehrkraft -, dass die dabei unterstützt werden, informierte Entscheidungen letztendlich zu treffen. Und mit diesen Fortbildungsansätzen, die wir einsetzen, geht es uns vor allem darum, dass wir natürlich professionelle Kompetenzen stärken und aufbauen. Zum Beispiel im Umgang mit VERA-Ergebnissen, um Leute nicht zu überfordern, die Ergebnisse zu nutzen und auch zu wissen, wo muss ich denn eigentlich hinschauen, wenn ich so einen Ergebnisbericht bekomme.
Die kommen ja nicht von uns, sondern die kommen dann von den Ländern und den Qualitätsagenturen und Landesinstitutionen. Und das eben nicht zu so einer Überforderung führt, sondern eher zu so einem Aha-Moment und, ach super, VERA ist wieder dran. Das hilft mir, um meine eigene Praxis zu reflektieren und bietet einen Impuls und einen Ansatzpunkt, meinen eigenen Unterricht, gemeinsam mit Kollegen, das soll ja auch nicht alleine passieren, sondern im Team, in der Schule, das ist ja ein gesamtschulisches Vorhaben letztendlich weiterzuentwickeln.
Wie erfährt denn die Praxis von Ihren Angeboten? Haben Sie da Kommunikationswege, die als erfolgreicher einstufen als andere?
Sofie Henschel: Also ich denke mal so, unsere Webseite ist schon der zentrale Anlaufpunkt, um sich selbst zu informieren. Also diese Webseite ist momentan in einem etwas größeren Überarbeitungsprozess und wird einen hoffentlich positiven Relaunch jetzt im Frühjahr erfahren, wo wir versuchen tatsächlich auch diese Nutzungsfreundlichkeit von unterschiedlichen Tools, die wir da anbieten und Datenbanken und Aufgabenbrowsern und so weiter noch ein bisschen zu optimieren. Aber diese Webseite ist schon so ein Informationskanal auf jeden Fall. Wir nutzen natürlich auch Social-Media-Kanäle wie Linkedin, BlueSky und so weiter, Mastodon, wo wir dann informieren über aktuelle Themen, praxisbezogene Publikationen, wenn wir Teilnehmende suchen für Studien, wenn wir Ergebnisse publizieren aus einem neuen Bildungstrend.
Also wir veröffentlichen da zum Beispiel auch Informationen oder Links zu Erklärvideos oder wenn wir uns an bestimmten öffentlichkeitswirksamen Angeboten, Veranstaltungen wie der Maus-Tag oder sowas beteiligen. Und natürlich aber auch, wenn wir jetzt Angebote zur Verfügung stellen, die man sich bei uns downloaden kann, wie eine Handreichung zum Beispiel zur Gestaltung von sprachsensiblen Unterrichtsaktivitäten.
Aber wie kann man zum Beispiel eine Fortbildung bei Ihnen machen? Also wenn ich jetzt eine Grundschullehrerin wäre und denke, ich würde das jetzt gerne mal wissen, wie ich mit den Daten umgehe, kann ich auf der IQB-Seite schauen und gucken, ob es eine Fortbildung für mich gibt?
Sofie Henschel: Ja, das wäre schön, wenn es so direkt funktionieren würde. Das ist auch gut, dass Sie dieses Thema nochmal ansprechen – das ist eben nicht so. Sondern wir entwickeln Forschung im Rahmen von Forschungsprojekten, prototypische Fortbildungsansätze, die wir zum Teil auch in den Ländern implementieren, und überprüfen in dem Rahmen dieses Projekts dann in der Regel die Wirksamkeit eines solchen Ansatzes bezogen auf die professionelle Kompetenzentwicklung von Lehrkräften. Aber wir gucken auch auf den Unterricht. Ändert sich da was? Wird der qualitätsvoller? Wird der kognitiv anregender? Und natürlich auch auf den Lernerfolg, weil daran muss sich letztendlich jede Maßnahme, die man so macht, messen lassen.
Man kann dann, wenn wir das positiv evaluiert haben, aber nicht bei uns buchen. So funktioniert es nicht. Man kann am Forschungsprojekt teilnehmen. Da machen wir dann Aufruf zum Beispiel über Social Media. Man kann dann aber nicht darüber hinaus noch bei uns eine Fortbildung buchen, sondern wir geben das dann an die Länder und die Länder, die ihre eigenen Fortbildungsportale haben.
Das bedeutet aber, wenn ich es ganz streng formuliere, es ist so ein bisschen Glückssache, inwieweit dann die Fortbildung, in die ja wissenschaftliches Wissen einfließt, ob und wie die dann in der Praxis auch ankommen.
Sofie Henschel: Das hängt von den Ländern ab, wie die denn damit umgehen. Das ist tatsächlich richtig. Ich würde Ihnen vollkommen zustimmen. Es ist auch mit ziemlich allen Angeboten so, die wir bereitstellen. Das betrifft auch die VERA-Tests. Wir entwickeln VERA-Tests, wir entwickeln Fortbildungsmaterial, wir entwickeln Unterrichtsmaterial, das wir übrigens auch als OER meistens bereitstellen. Und das sind Angebote, die von den Ländern eingesetzt werden können. Ob die den VERA-Test genauso einsetzen, wie wir ihn entwickelt haben, das ist eine Entscheidung der Länder. Wir empfehlen es natürlich so umzusetzen, wie wir es entwickelt haben. Aber die Länder entscheiden darüber, ob sie Dinge implementieren. Also bei VERA sind sie natürlich verpflichtet, aber so ein Fortbildungsansatz, der wird möglicherweise tatsächlich nicht überall angeboten. Das ist schon so.
Bekommen Sie eigentlich Feedback aus der Praxis zu Ihren Angeboten? Und wie oft?
Sofie Henschel: Also dadurch, dass wir natürlich mit Lehrkräften in der Entwicklung von solchen Angeboten immer zusammenarbeiten, bekommen wir da natürlich schon direktes Feedback. Wenn wir jetzt Unterrichtsmaterialien entwickeln oder auch Fortbildungsaktivitäten entwickeln, dann befragen wir die teilnehmenden Lehrkräfte natürlich dazu, inwieweit sie das auch als relevant und machbar für ihre Praxis einschätzen und versuchen das auch aufzugreifen. Es gibt immer Optimierungsphasen auch in solchen Projekten.
Und dann ist es natürlich so, dass wir im Rahmen der Aufgabenentwicklung für die Vergleichsarbeiten, aber auch im Rahmen des Abiturs auch mit Lehrkräften zusammenarbeiten. Und bei VERA ist es zum Beispiel so, dass die Lehrkräfte, die Aufgabenentwickler*innen also, dass die auch diese Aufgaben schon in der Entwicklungsphase mal in ihrem Unterricht einsetzen – die sind ja nur teilabgeordnet zum IQB. Das ist wichtig für uns, weil wir ja im Zuge der Umstellung unserer Testverfahren auf computerbasiertes Testen neue und zum Teil auch sehr innovative und vielleicht auch sehr anspruchsvolle Aufgabenformate entwickeln, von denen wir nicht immer genau wissen, wie gut funktionieren die. Also wir erproben das natürlich in kleinerem Maßstab, in sogenannten Cognitive Labs, wo wir dann auch beobachten, wie die Schüler bei der Bearbeitung eigentlich vorgehen. Und das sind natürlich ganz wichtige Feedback-Schleifen, die wir hier einbauen.
Dauerhafter Austausch mit Landesinstituten, Qualitätsagenturen und Ministerien.
Darüber hinaus sind wir natürlich mit den Landesinstituten, den Qualitätsagenturen, den Ministerien eigentlich dauerhaft im Austausch. Kann man jetzt darüber diskutieren, ist das die unmittelbare Praxis? Für uns ist das immer schon so eine Praxisebene, die ganz viel oder ganz wichtig für uns ist, um uns Rückmeldungen darüber zu geben, ja, wie angemessen, wie passig unsere Angebote sind oder wo es eben auch noch Entwicklungsbedarfe gibt oder etwas mal nicht so gut funktioniert hat.
Ja, das führt mich jetzt auch schon zu der letzten Frage: Was Sie sich für die künftige Zusammenarbeit wünschen zwischen Bildungsforschung und Bildungspraxis? Gibt es da was, was Ihnen so besonders am Herzen liegt oder wo Sie denken, das wäre schön, wenn wir das hinkriegen könnten?
Sofie Henschel: Ich versuche mal halbwegs realistisch zu bleiben, weil ich glaube, dass die größte Herausforderung ja immer noch darin besteht, dass wir einen gewissen Wissenschafts-Praxis-Gap haben und man doch aus unterschiedlichen Welten in gewisser Weise kommt und mitunter auch aneinander vorbeiredet. Und was sich meiner Beobachtung nach schon als sehr günstig erwiesen hat, sind diese dauerhafte Netzwerkstrukturen, die man aufgebaut hat im Rahmen von „Bildung durch Sprache und Schrift“ oder auch „Schule macht stark“. Dass man da dauerhaft einfach im Gespräch ist, dass man auch neue Austauschformate entwickelt, um einerseits Transparenz zu schaffen über Bedarfe, die es gibt und was das eigene Verständnis von Ansätzen ist, die benötigt werden.
Das Entwickeln neuer Austauschformate zwischen Bildungsforschung und Bildungspraxis ist wichtig, um Transparenz über Bedarfe und das jeweilige Verständnis von Ansätzen zu schaffen.
Und das schafft ja auch erstmal einen Rahmen, um überhaupt zusammenzuarbeiten. Also das ist häufig gar nicht gegeben und in dem Zuge sind auch viele Publikations- und Veranstaltungsformate entstanden, die immer Praxis und Wissenschaft einbeziehen. Und ich glaube, davon braucht man mehr. Gleichzeitig wünsche ich mir natürlich aber auch, dass man noch mehr die Praxis involviert von Anfang an in die Entwicklung von neuen Ansätzen. Und es dafür natürlich eine Bereitschaft auch seitens der Praxis gibt, sich einzubringen und auch Ressourcen natürlich dafür bereitgestellt werden. Das ist häufig auch nicht gegeben.
Also nicht nur zu gucken, wenn man jetzt einen Test entwickelt, misst der das, was er messen soll, sondern auch zu schauen, wie geht die Praxis mit den Ergebnissen um. Das ist etwas, was man, glaube ich, bei VERA am Anfang sehr stark vernachlässigt hat und wo man jetzt aber bei neuen Entwicklungen und neuen Projekten, glaube ich, schon stärker auch auf dem Schirm hat, dass man das mitdenken muss: Wie nutzt die Praxis eigentlich diese Ergebnisse, um sie natürlich auch oder Angebote für die Praxis dann auch so zu entwickeln, dass das tatsächlich genutzt wird.
Ganz, ganz herzlichen Dank für das Gespräch und für die Auskünfte. Das war, glaube ich, ein ausgesprochen guter Einblick in die Arbeit eines wissenschaftlichen Instituts zur Bildungsforschung und hat vor allem die Komplexität auch noch mal mehr gezeigt, mit der sich auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herumschlagen müssen und nicht nur die Leute in der Praxis.
Sofie Henschel: Ja, vielen Dank, hat Spaß gemacht.
Hinweise und Links zur Handreichung Material und Literatur des EQB finden Sie übrigens direkt in der Episode auf dem bildungserverBlog.
Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) ist ein wissenschaftliches Institut, das die Länder in der Bundesrepublik Deutschland bei der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im allgemeinbildenden Schulsystem unterstützt. Den Ausgangspunkt und die Grundlage dieser Arbeit bilden Bildungsstandards, die von der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) verabschiedet worden sind. Diese Bildungsstandards definieren, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Schullaufbahn entwickelt haben sollen. Das IQB hat den Auftrag, regelmäßig zu überprüfen, inwieweit diese Ziele in deutschen Schulen erreicht werden (Bildungsmonitoring). Ferner unterstützt das IQB die Länder darin, die Bildungsstandards, die als zentraler Orientierungsrahmen für alle Akteure im Bildungssystem dienen sollen, umzusetzen (Implementierung). Darüber hinaus gehört das IQB zu den wichtigsten Instituten in Deutschland, die im Bereich der empirischen Bildungsforschung aktiv sind (Forschung).
(Transcribed by TurboScribe.ai. Go Unlimited to remove this message. Wir haben das Interview für eine bessere Lesbarkeit geglättet.)
Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver