Wie funktioniert das mit der Nachnutzung von Forschungsdaten?

Open Data in der Bildungsforschung (2)

May Jehle, Goethe-Universität Frankfurt

May Jehle, Goethe-Universität Frankfurt

 

FRAGEN AN May Jehle, die für ihre Promotion Videobestände des Forschungsdatenzentrums Bildung (FDZ Bildung) nachnutzt.
May Jehle hat Datenbestände nicht nur genutzt, sondern sich gleichzeitig auch als Datenlieferantin betätigt – sie hat dem FDZ Bildung nämlich dabei geholfen, den Bestand an historischen Unterrichtsaufzeichnungen zu erschließen und zu erweitern.

 

 

 

 

Frau Jehle, Sie untersuchen den Schulunterricht in der BRD und der DDR am Beispiel der politischen Bildung. Welchen Datenbestand aus dem FDZ haben Sie dazu genutzt?

Die Studie Audiovisuelle Aufzeichnungen von Schulunterricht in der DDR. Und zwar die Datenbestände, die sich auf den Staatsbürgerkundeunterricht beziehen. Allerdings war mir auch sehr schnell klar, dass ich keine nur DDR-spezifische Fallstudie machen möchte, sondern die Befunde auch mit entsprechendem Material aus der BRD kontrastieren wollte. Dank eines Hinweises von Prof. Dr. Tilman Grammes stießen wir auf Aufzeichnungen aus dem Referat für politische Bildungsarbeit der FU Berlin, die dann auch in die Datenbanken des FDZ eingespeist werden konnten. Damit sind die Audiovisuellen Aufzeichnungen von Schulunterricht in der Bundesrepublik Deutschland die zweite Studie zur politischen Bildung in Schule und Unterricht, die für eine Nachnutzung zur Verfügung steht. Zurzeit wird – übrigens gemeinsam mit dem Forschungsdatenzentrum Bildung – an der Erschließung ähnlicher Bestände aus den Universitäten Hamburg und München gearbeitet. Wenn das gelänge, hätten wir einen ähnlichen Bestand wie den aus der DDR.

Sind die Aufzeichnungen des Schulunterrichts in der DDR eigentlich eine zusammenhängende Studie?

Nicht wirklich. Insgesamt stammen die audiovisuellen Aufzeichnungen aus eher unzusammenhängenden Sammlungen, aus wissenschaftlichen Beständen oder Lehrerbildungsinstitutionen und auch aus Privatarchiven. Es handelt sich im strengen Sinn also nicht um abgeschlossene Studien unter bestimmten Fragestellungen mit dazu gehörigen Materialien und Hintergrundinformationen. Auf der Grundlage von Recherchen ist es uns aber auch gelungen, eine Reihe von Aufzeichnungen bestimmten Forschungszusammenhängen zuzuordnen und zugehörige Materialien oder Publikationen ausfindig zu machen. Als Bildungshistorikerin betrachte ich die Aufzeichnungen zunächst als neue Quellen, die es zu recherchieren und erschließen gilt. Diese Quellenerschließung und die Unterstützung von Zeitzeugen, die damals an den Aufzeichnungen beteiligt waren, führten auch zur Konkretisierung meiner ursprünglichen Fragestellung.

Sie waren in den Prozess der Datenerschließung und -aufbereitung also aktiv involviert?

Nachnutzung und Aufbereitung kann in meinem Fall nicht so deutlich voneinander unterschieden werden. Ich bin tatsächlich eine Mischung aus Datenlieferantin und Datennutzerin und habe zum Beispiel meine Transkriptionen der Aufzeichnungen im Anschluss dem FDZ Bildung zur Verfügung gestellt. Als Wissenschaftlerin ist man ja darauf angewiesen, dass andere ihre Materialien und Erkenntnisse zur Verfügung stellen, um die eigene Forschung voranzubringen. Und je mehr Daten und Material es gibt, desto besser funktioniert das mit dem Nachnutzen!

Haben Sie noch andere Beispiele für diese Doppelrolle?

Bei der Erschließung der einzelnen Aufzeichnungen haben wir immer mehr Materialien – zum Beispiel auch Aufsätze – entdeckt, die auch für weitergehende Forschungsfragen interessant sind. Zudem wurden im Rahmen von Forschungsarbeiten eigene Materialien wie Transkripte oder Sitzpläne erstellt oder auch Materialien von Zeitzeugen zur Verfügung gestellt. Das FDZ-Team hat uns da sehr konstruktiv und flexibel unterstützt, wie solche Materialien für die weitere Nutzung zugänglich gemacht werden können. Ein anderes Beispiel ist die Unterstützung in rechtlichen Fragen: Während schriftliche Dokumente unter Wahrung des Urheberrechts noch relativ unkompliziert zugänglich gemacht werden konnten, gilt es bei personenbezogenen Daten deutlich mehr zu beachten. Die Lösung waren passwortgeschützte Zugänge zu einzelnen Aufzeichnungen, die mit spezifischen Regelungen zum Umgang mit den Daten verbunden sind. Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen vom FDZ hat wirklich sehr gut funktioniert!

Wo liegen die Besonderheiten der historischen Aufzeichnungen im Vergleich zu anderen z. B. textuellen Beständen im FDZ Bildung?

Zu Beginn des Projektes hatten wir die relativ offene Frage, welche Perspektiven die Videoaufzeichnungen der zeithistorischen Bildungs- und Unterrichtsforschung überhaupt erst eröffnen: Wie ist mit dem visuellen Material umzugehen? Welche Perspektiven ergeben sich? Wo sind möglicherweise auch Grenzen? Bei den Auswertungen von Datenbeständen aus aktuellen empirischen Forschungsprojekten kann man besser und schneller einschätzen und überblicken, mit welcher Art von Daten man es zu tun hat, und wie man die bearbeiten kann. Der Reiz der historischen Videoaufzeichnungen besteht ja vor allem in den Einblicken in die dokumentierte Unterrichtspraxis. Zuvor konnten wir nur mit schriftlichen Dokumenten arbeiten, mit Erfahrungsberichten oder Erinnerungen, die Rückschlüsse zulassen, mit welchen Vorstellungen, Intentionen etwas passieren sollte. Mit den Aufzeichnungen haben wir die Möglichkeit, die dokumentierte Praxis nicht vermittelt, sondern direkt rekonstruktiv zu erforschen.

Fallen Ihnen noch mehr Fragen ein, die sich mit Hilfe des Datenbestands untersuchen ließen?

So viele, dass man sie gar nicht aufzählen kann! Im Sinne einer zeitgeschichtlichen fachdidaktischen Forschung – bei mir ist das das Gebiet der politischen Bildung – kann man auch aktuelle Kontroversen historisch beleuchten und für aktuelle Fragestellungen produktiv machen. Das kann ich mir grundsätzlich auch für andere fachdidaktische Kontroversen vorstellen. Vor allem wenn man berücksichtigt, zu wie vielen Fächern Aufzeichnungsmaterial vorliegt. Aber auch allgemeine didaktische wie schulpädagogische Fragen bis hin zu bildungstheoretischen Fragestellungen können mit den Aufzeichnungen erforscht werden. Denkbar sind auch andere methodische Zugänge.

Könnten aus einem Vergleich – zum Beispiel des Mathematikunterrichts in DDR und BRD – Erkenntnisse für den heutigen Unterricht gewonnen werden?

Es ist eher schwierig, bei der Analyse von einzelnen Aufzeichnungen davon auszugehen, dass diese generell für den Unterricht in der DDR oder der BRD stehen könnten. Aber wir können solche Aufzeichnungen in einen Kontext einordnen, also als „Beispiele von etwas“ verstehen. Wenn wir zum Beispiel wissen, dass eine Unterrichtsstunde als Musterbeispiel für einen guten Mathematikunterricht stehen sollte, kann man sie auch als solches interpretieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

May Jehle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt schulische Politische Bildung an der Goethe-Universität in Frankfurt. Im Rahmen ihrer Promotion bei Prof. Dr. Henning Schluß am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien, erforscht sie den Staatsbürgerkunde- und Politikunterricht in Ost- und West-Berlin. Für ihre kontrastive Fallstudie nutzt sie Videobestände des Forschungsdatenzentrums Bildung (FDZ).


Veröffentlichungen

Die Datenbestände zu den Audiovisuelle Aufzeichnungen von Schulunterricht in der DDR wurden von Bildungshistorikern auch schon für andere wissenschaftliche Studien nachgenutzt – meist für exemplarische Fallstudien. Sie wurden vor drei Jahren auf einer Tagung in Wien vorgestellt und sind in dem Band „Videodokumentationen von Unterricht. Zugänge zu einer neuen Quellengattung der Unterrichtsforschung“ dokumentiert.

  • Jehle, May (2017): Visuelle Codierungen des geteilten Deutschlands in Staatsbürgerkundelehrbüchern der DDR und ihre Behandlung im Unterricht. Eine Analyse historischer Videoaufzeichnungen von Unterricht im Zeitraum 1978-1986. In: Flucke, Franziska/Kuhn, Bärbel/Pfeil, Ulrich (Hg.): Der Kalte Krieg im Schulbuch. St. Ingbert, S. 95-115.
  • Jehle, May (2016) „Lost in Transition?“ Visualisierungen von Unterrichtssituationen in historischen Videoaufzeichnunge Veröffentlichung auf der Website des Projekts „VisualHistory Online-Nachschlagewerk für die historische Bildforschung“ https://www.visual-history.de/2016/12/12/lost-in-transition/

Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver

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