„Es geht darum, Fragen aufzugreifen, die sich Lehrkräfte im Alltag sowieso stellen.“

Open Educational Resources (3)

INTERVIEW mit Claudia Kuttner vom Projekt LOERSH – Landesweite OER-Qualifizierung Schleswig-Holstein, das sich vorgenommen hat, Open Educational Resources (OER) auf unterschiedlichen Wegen in die Schule zu bringen. Dazu werden in fünf verschiedenen Teilvorhaben Fortbildungen für Lehrkräfte, Lehramtsstudierende, Schülerinnen und Schüler und auch für in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung Tätige angeboten. LOERSH setzt dabei auf das in Schleswig-Holstein bereits etablierte Netzwerk „MediaMatters!“. Mit Frau Kuttner sprachen wir vor allem über ihre Erfahrungen mit Lehrerfortbildungen und: mit welchen Fragen man Lehrer am besten „kriegt“.

Claudia Kuttner vom LOERSH-Projekt

Frau Kuttner, welche Erfahrungen haben Sie und Ihr Team im Rahmen des LOERSH-Projekts mit Lehrerfortbildungen zu Open Educational Resources gemacht?

Das Interesse ist durchaus da. Bislang haben wir in unserem Projektmodul für Lehrerinnen und Lehrer vier schulinterne Fortbildungen für jeweils ganze Kollegien und sechs schulübergreifende Fortbildungen mit im Schnitt 15 Teilnehmenden durchgeführt. Da es sich anfangs vor allem um Workshops für Einsteiger/innen handelte, war das Thema für die meisten neu – wobei sich im Verlauf der Arbeit manchmal auch herausstellte, dass es doch schon bereits Berührungen mit Creative Commons und OER-lizensierten Online-Materialien gab. Die 2- bis 4-stündigen Veranstaltungen eignen sich, um einen Eindruck von der Thematik zu bekommen. Das Thema im größeren Kontext ‚Medienbildung und Schulkultur‘ zu betrachten, ist zeitlich allerdings nur im Rahmen von schulinternen Fortbildungen möglich.

„Wenn man sich ernsthaft mit Medienbildung auseinandersetzt, stößt man automatisch auch auf OER.“

 Indem wir mit Lehrkräften auch die zunehmenden Digitalisierungsprozesse diskutieren, mit denen sich schulische Lehr-Lern-Kultur konfrontiert sieht, betten wir das Thema OER da bewusst in einen größeren Zusammenhang ein. Das führt dazu, dass es eher als interessante Möglichkeit, denn als zusätzliche Anforderung wahrgenommen wird.

Haben Lehrer überhaupt Lust, sich in dieses zusätzliche, neue Thema OER einzuarbeiten?

Über die Resonanz auf unsere Angebote können wir uns jedenfalls nicht beklagen. Das liegt aber wahrscheinlich auch an der Ansprache: In den Mails und Flyern sprechen wir nicht über die vielen im Schulalltag stattfindenden Verletzungen des Urheberrechts oder darüber, warum man jetzt auch noch mit Lehrkräften anderer Schulen digital kooperieren sollte. Stattdessen versuchen wir, die Potentiale von OER hervorzuheben, wie die Entlastung bei der Unterrichtsvorbereitung und das Ende urheberrechtlicher Unsicherheiten bei der eigenen Materialerstellung. Das trifft offensichtlich einen Nerv. Von der Fortbildung erhoffen sie Antworten, um aus der Grauzone rauszukommen.

Der Flyer des Projekt LOERSH

Gelingt es in den Fortbildungen, die Scheu vor rechtlichen Fragen zu nehmen und mit OER zu arbeiten?

Naja, nach zwei Stunden Reden über urheberrechtliche Fragen und Alltagsituationen stellt sich schon auch immer wieder raus, dass die Lage kompliziert ist. Die Inputs der Referenten und Referentinnen zum Urheberrecht erhöhen aber zumindest die Aufmerksamkeit gegenüber alternativen Lizensierungen. Was das Arbeiten mit OER angeht: Bisher empfehlen und erkunden wir vor allem gemeinsam Plattformen und Sammlungen, die frei verwendbare Materialien oder Bilder bereitstellen, und zeigen Wege der gezielten Recherche auf. OER erstellen und teilen wird erst Schwerpunkt der weiterführenden Fortbildungen sein, die 2018 starten.

Teilen denn Lehrer gern?

Im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „MediaMatters!“ haben wir rund um schulische Medienbildung zahlreiche Interviews mit Lehrkräften geführt. Da gab es einige Aussagen, die darauf verweisen, dass das Teilen von Materialien innerhalb eines Schulkollegiums kaum Mehrwert für den Einzelnen hat: Jeder habe einen eigenen Unterrichtsstil, eine eigene Sprache, eine eigene Zeiteinteilung. Materialien anderer dem eigenen Stil anzupassen, bedeutet da eigentlich mehr Aufwand, als den Unterricht von Anfang an einfach allein zu planen. Es liegt also weniger daran, dass man nichts hergeben mag, sondern daran, dass man mit dem Material anderer oft nur wenig anfangen kann. Zusammengearbeitet und geteilt wird aber schon – das beobachten wir zum Beispiel, wenn Kolleginnen einer Fachschaft in den Prüfungsphasen Klausuren gemeinsam vorbereiten.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus den bisherigen Lehrerfortbildungen?

Dass diese neue Kultur des Teilens bereits im Lehramtsstudium vermittelter und praktizierter Bestandteil werden muss! Nach 20 Jahren Einzelkämpfertum lässt es sich schließlich schwerer davon überzeugen, OER anderer zu nutzen, eigene zu erstellen und dann auch noch in einer anonymen Gruppe – unter Kontrollverlust – zu teilen.

„Es ist nie zu spät, sich mit OER auseinanderzusetzen!“

 Angebote zum Thema Urheberrecht und OER sind aber auch für alle praktizierenden Lehrkräfte wichtig. Spätestens bevor die vielen – ich sag mal – urheberrechtlich bedenklichen Arbeitsblätter auf digitalen Lernplattformen von Schulen landen, sollten die rechtlichen Unsicherheiten geklärt worden sein.

Welche Empfehlungen können Sie für Lehrerfortbildungen zum Thema OER aussprechen?

Fragen aufgreifen, die sich Lehrkräfte im Alltag tatsächlich stellen! Zum Beispiel: Warum ist das Thema OER überhaupt wichtig? Haben Sie sich schon mal gefragt, welche Plattform Sie Ihren Schülern empfehlen könnten, wenn diese Bildmaterial für Ihre Präsentation brauchen? Der Bezug zur Alltagspraxis lässt aufhorchen. Das zeigen vor allem auch die Erfahrungen aus den Einsteiger-Workshops: Am besten liefen die Angebote mit niedrigschwelligem Einstieg. Ein hilfreicher Leitgedanke für Fortbildungen ist zudem: „Ihr stellt euch die Fragen doch sowieso schon! Wir sind jetzt hier, um sie gemeinsam zu diskutieren.“

Herzlichen Dank, für das Gespräch, liebe Frau Kuttner!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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