„Die NEPS-Studie ist eine große Investition, die für viele Forschungsfragen interessante Daten bietet.“

Forschungsdatenzentren stellen sich vor (3): Das FDZ des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe

Das Forschungsdatenzentrum des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (FDZ-LIfBi) stellt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Erhebungsdaten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) zur Verfügung, des größten sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekt im Bereich der empirischen Bildungsforschung, das jemals in Deutschland durchgeführt wurde. In der Panelstudie werden die Teilnehmenden über einen längeren Zeitraum hinweg begleitet – so kann untersucht werden, welche Bildungswege Menschen einschlagen, wie sich Kompetenzen entwickeln und welche Rolle unterschiedliche Einflussfaktoren spielen. Die NEPS-Studie startete mit ca. 60.000 Befragungspersonen aus verschiedenen Altersgruppen und weiteren ca. 40.000 Kontextpersonen wie Eltern, Lehrkräften und Schulleitungen.

INTERVIEW mit Dr. Daniel Fuß, Arbeitsbereichsleiter des Forschungsdatenzentrums (FDZ) am LIfBi. Wir sprachen mit ihm über den Datenbestand an sich, über Nutzergruppen und Themen und natürlich über wichtige zukünftige Entwicklungen im FDZ.

Dr. Daniel Fuß, Arbeitsbereichsleiter des FDZ am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe

Herr Fuß, welche Datensätze können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom FDZ des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe erhalten?

Aktuell bieten wir ausschließlich Daten an, die im Rahmen der NEPS-Studie erhoben und aufbereitet wurden – dafür war von Anfang an ein Datenzentrum als eigener Arbeitsbereich vorgesehen. Das unterscheidet uns von den meisten FDZs, deren Aufgabe es primär ist, Daten aus anderen Studien anzunehmen und verfügbar zu machen. Allerdings erheben wir die Daten nicht selbst, das machen Institute in unserem Auftrag: Sie liefern die Rohdaten, wir erzeugen daraus Scientific Use Files.

Können Sie uns den Datenbestand in aller Kürze beschreiben?

Das NEPS besteht aus einer Vielzahl von Teilstudien, die sich als Entwicklungs-, Pilot- und Haupterhebungen auf sechs Startkohorten verteilen. Und dieser Datenbestand wächst beständig, da es pro Kohorte jedes Jahr eine, manchmal auch zwei Haupterhebungen gibt. Und mit jeder neuen Erhebung geben wir einen „angereicherten“ Scientific Use File heraus, der die Daten der aktuellen und aller bisherigen Erhebungswellen enthält.

Wir veröffentlichen jährlich sechs oder mehr aktuelle Scientific Use Files mit NEPS-Daten.

Bei den sechs Kohorten ragen zwei, aufgrund ihrer Größe, besonders heraus: Die Studierenden mit ursprünglich knapp 18.000 Personen und die Neuntklässler mit ursprünglich ca. 16.500 Befragten. Die Größe der Ausgangsstichproben hängt mit der starken Heterogenität der Gruppen zusammen: Um über einzelne Gruppen – verteilt auf Studienfächer oder Wege nach der Schule – auch über Jahre hinweg valide Aussagen treffen zu können, bedarf es einer ausreichend hohen Fallzahl zu Beginn.

Zusätzlich zu den sechs Startkohorten zählen zwei bereits abgeschlossene Zusatzstudien zum NEPS-Datenbestand: Reform der Oberstufe in Thüringen und G8-Reform in Baden-Württemberg.

Wie haben sich die Aufgaben des FDZ im Lauf der letzten Jahre gewandelt?

Anfangs war das Datenzentrum sehr stark mit der Schaffung der organisatorischen und konzeptionellen Grundlagen für die Datenaufbereitung und Datenbereitstellung beschäftigt. Für den Umgang mit der enormen Datenmenge sowohl im internen Gebrauch des NEPS-Netzwerks als auch für die wissenschaftliche Gemeinschaft mussten zunächst technische Infrastrukturen, vertragliche Regelungen, effiziente Arbeitsprozesse und langfristig tragfähige Konventionen etabliert werden. Zu den wesentlichen Meilensteinen gehörten die Implementierung sicherer und flexibler Datenübertragungswege, eines Metadatenschemas und einer modular aufgebauten Datenedition.

Bei Panelstudien mit langen Laufzeiten muss man konzeptionell sehr weit vorausdenken.

Speziell für die Datenprodukte, die wir anbieten – die Scientific Use Files – waren anfangs viele Grundsatzentscheidungen zu treffen: Wie soll die Datenstruktur aussehen? Wie muss die Dokumentation aufgebaut sein? Wie kann der Datenzugang datenschutzrechtlich geregelt werden?

Und was macht die Arbeit heute aus?

Der Fokus geht mehr und mehr in Richtung Nutzerservice. Ein Schwerpunkt übrigens, den wir auch gemeinsam mit anderen FDZs voranbringen; denn die Frage nach nutzerfreundlichen Tools, adäquaten Schulungen oder individuellen Beratungen beschäftigt alle Anbieter von Forschungsdaten. Wir haben zum Beispiel – auch auf Anregung unserer Nutzer und als erstes FDZ überhaupt – Anfang des Jahres ein Online-Diskussionsforum freigeschaltet; in diesem NEPSforum können Interessenten ihre Fragen rund um die NEPS-Daten an uns stellen, mit anderen diskutieren, eigene Ideen vorstellen und die Ideen anderer kommentieren.

Gibt es eigentlich Datenbestände, die besonders gern oder häufig genutzt werden?

Grundkonzeption der NEPS-Studie

Die Startkohorte 6, also die Erwachsenen, sind besonders stark nachgefragt. Das liegt zum einen an der Datenfülle, da für diese Kohorte als erstes Daten vorlagen. Zum anderen ist das Thema des lebenslangen Lernens in jüngerer Zeit verstärkt in den Fokus gerückt. Ebenfalls hohen Zuspruch erfährt die Startkohorte 4 – also die Neuntklässler. Hier sind im Hinblick auf Bildungsübergänge in Arbeitsmarkt, Studium etc. einfach die spannendsten Biografien versammelt. Damit bietet diese Kohorte reichhaltige Daten zur Untersuchung von Bildungsentscheidungen und Bildungsverläufen. Interessant sind aber auch die beiden jüngeren Schulkohorten, da mit ihnen mittlerweile fast der gesamte Schulkontext abgebildet ist: Die Kindergartenkinder der Startkohorte 2, die zwei Jahre vor der Einschulung erstmals befragt wurden, kommen jetzt in die Sekundarstufe; und die Fünftklässler der Startkohorte 3 sind in der Zwischenzeit am Ende der Sekundarstufe angelangt.

Es scheint, als seien eigentlich alle Gruppen interessant?

(Lacht) Ja! Auch die Studierenden der Startkohorte 5 stoßen in letzter Zeit vermehrt auf Interesse. Die ehemaligen Erstsemester sind nunmehr über fünf Jahre begleitet; viele Forschungsprojekte befassen sich hier mit Studienwechsel, Studienabbruch und dem Leben nach einem Studium. Und wir sollten nicht die Neugeborenen unserer Startkohorte 1 vergessen. Diese bieten Forschenden eine meines Wissens nach weltweit einmalige Datenbasis zur frühkindlichen Entwicklung.

Und wer sind die Nutzerinnen und Nutzer? Aus welchen Disziplinen kommen sie?

Auf einen Blick: Das FDZ des LIfBI

Datenbestand

Eine Vielzahl von Erhebungswellen des Nationalen Bildungspanels (NEPS),
die sich auf zwei abgeschlossene Schulreformstudien und auf sechs Startkohorten verteilen: Neugeborene, Kindergarten, Klasse 5, Klasse 9, Studierende, Erwachsene. 

Sammelschwerpunkt

Derzeit ausschließlich Daten, die seit 2009 im Rahmen des Nationalen Bildungspanels erhoben werden. Zukünftig auch Daten weiterer Längsschnittstudien, die am LIfBi durchgeführt werden.

Service

Regelmäßige Nutzerschulungen und Workshops, jährliche NEPS-Konferenz,
aktuelle Informationen über Webseite und Newsletter, Online-Diskussionsforum,
Telefon- und E-Mail-Hotline. 

Wer nutzt die Daten

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland mit Schwerpunkten in Empirischer Bildungsforschung, Soziologie, Psychologie, Erziehungswissenschaft, Pädagogik, Ökonomie, Demographie, Statistik etc.

Bis Ende 2017 hatten sich über 1.600 Forschende als NEPS-Datennutzende mit mehr als 1.100 Projekten registriert. Und die Tendenz ist steigend, da die Daten immer reichhaltiger werden! Allein 2017 wurden 255 neue Forschungsprojekte beantragt; von Studierenden, Promovierenden und Postdocs bis hin zu emeritierten Professorinnen und Professoren. Die heterogene Zusammensetzung spiegelt sich auch in den Disziplinen wider: Soziologie, Psychologie, Erziehungswissenschaften, Pädagogik, Ökonomie, Politikwissenschaften; aber beispielsweise auch Demografie und Statistik.

Was sind aus Ihrer Sicht die derzeit bedeutenden Entwicklungen im Umgang mit Forschungsdaten?

Die Nutzerfreundlichkeit wird weiter wichtig bleiben. Neben unserem Online-Forum und den klassischen Schulungen wollen wir zukünftig auch Webinare anbieten. Ein wichtiger Punkt hierbei ist die Vernetzung: Im Verbund Forschungsdaten Bildung, dem wir uns kooperativ angeschlossen haben, arbeiten wir mit anderen Partnern an einem gemeinsamen Metadaten-Portal. Damit sollen sich Interessierte schnell und einfach einen Überblick über verfügbare Datenbestände verschaffen können. Wenn ein Forscher zum Beispiel etwas zu Mathematik-Kompetenzen sucht, muss er wissen, dass es Daten dazu nicht nur beim IQB in Berlin gibt, sondern eben auch beim NEPS. Single Point of Information ist hier das Stichwort.

Für mich sind drei Themen wichtig: Nutzerfreundlichkeit, Vernetzung und Datenverknüpfung.

Ein dickes Brett ist sicherlich noch bei der Datenverknüpfung zu bohren! Über die Anreicherung der NEPS-Daten um Regionalinformationen oder Daten der Schulstatistik oder administrative Daten ließe sich das Analysepotenzial noch erheblich steigern. Für die Startkohorte 6 existiert eine solche Verknüpfung bereits – mit detaillierten Informationen zum Erwerbsverlauf aus den vom FDZ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bereitgestellten Daten der Bundesagentur für Arbeit. Hochsensibel, aber auch hochspannend! Und man kann sich noch viel mehr vorstellen: Zum Beispiel die Harmonisierung internationaler Bildungsstudien. Nicht nur für Forschende sind internationale Vergleiche immer enorm attraktiv!

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Herr Fuß!


Das LIfBi wurde zum 1. Januar 2014 in Bamberg gegründet. Von den ca. 170 Beschäftigten dieses sehr jungen Instituts sind derzeit 14 im FDZ tätig. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Datenspezialisten, eine Teamassistenz und eine selbst ausgebildete Fachangestellte für Markt- und Sozialforschung bereiten die einzelnen Datensätze und -bestände nicht nur auf, sondern dokumentieren sie auch umfassend in deutscher und englischer Sprache, stellen sie über verschiedene Wege der Scientific Community zur Verfügung und gewährleisten einen umfangreichen Nutzerservice.


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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