Offene Bildungsmedien erfolgreich nutzen

Open Educational Resources (5)

Wie das DIPF einen zentralen Bereich der digitalen Bildung langfristig unterstützt

Prof. Dr. Marc Rittberger, Stellvertretender Geschäftsführender Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und Direktor des „Informationszentrums Bildung“

DAS WORT HAT Professor Dr. Marc Rittberger (Beitrag aus DIPF informiert Nr.26)

Am Anfang stand ein Beschluss der Kultusministerien der Länder, der eigentlich in eine ganz andere Richtung zielte. Sie hatten sich Ende des Jahres 2011 vertraglich dazu verpflichtet, Schulrechner systematisch nach urheberrechtswidrig erstellten Kopien von Produkten der Schulbuchverlage durchsuchen zu lassen: mit sogenannten Schultrojanern. Auch wenn dieser Plan nach heftigen Protesten bereits im April 2012 wieder aufgegeben wurde, setzte er doch nachhaltig eine neue Entwicklung in Gang, von der unsere Gesellschaft heute sehr profitiert. Denn als Reaktion formierte sich eine Bewegung mit der Motivation, eigene Lehr-Lern-Materialien zu erstellen, zu nutzen und diese Materialien Dritten möglichst frei zur Verfügung zu stellen. Heute bilden diese „Open Educational Resources“ (OER) einen zentralen Aspekt der Digitalisierung von Bildung. Den Weg dahin haben das DIPF und der vom Institut koordinierte Deutsche Bildungsserver von Anfang an begleitet – und sie unterstützen die Entwicklung weiterhin an vielen Stellen.

Die Anfänge in Deutschland

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Auf der bildungspolitischen Agenda waren OER 2012 allerdings noch nicht angekommen. Das belegt eine Studie der „Organisation for Economic Co-operation and Development“ von damals, demnach Deutschland als einziges von 28 Ländern nicht davon ausging, dass OER ein politisches Thema in der nahen Zukunft wird. In der pädagogischen Praxis schritt  die Entwicklung aber weiter voran. So entstanden bis 2015 – auch unter Mitarbeit des Deutschen Bildungsservers – drei überblicksartige Whitepaper zu OER: für die Schule, für die Hochschule und für die Weiter-/Erwachsenenbildung. In der Folgezeit zeigte sich die politische Landschaft deutlich verändert. Im Oktober 2016 veröffentlichte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Strategie „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“. OER sind darin als ein wichtiges Instrument für die Vermittlung digitaler Bildung genannt. Zwei Monate später folgte die Kultusministerkonferenz  mit ihrer Strategie „Bildung in der digitalen Welt“. Diese stellt das Lernen mit offenen Inhalten in den Mittelpunkt. In Bezug auf OER sowie auf offene und digitale Bildung im Allgemeinen markieren beide Grundsatzpapiere nicht weniger als einen Wendepunkt der deutschen Bildungspolitik.

„Es ist klar, dass digitale, möglichst freie Bildungsmedien wesentlich dazu beitragen können, Bildungsinhalte zu verbreiten, und auch didaktisch ganz neue Möglichkeiten eröffnen.“

Der Deutsche Bildungsserver am DIPF war an diesen Prozessen kontinuierlich beteiligt. Das verantwortliche Team baut seit mehr als 20 Jahren umfangreiche Expertise im Umgang mit digitalen Medien auf. Kennzeichnend hierfür ist die enge sowohl technische als auch redaktionelle Kooperation mit dem „FWU Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht“ und mit den Landesbildungsservern. Einen maßgeblichen Bereich bildeten hierbei stets die digitalen Lehr-Lern-Objekte sowie die Unterstützungsinstrumente für die Schul- und Bildungspraxis. Auf dieses Know-how griff man zurück, als der Deutsche Bildungsserver im Jahr 2016 vom BMBF mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt wurde. Sie nahm in den Blick, was für den Aufbau und den Betrieb von überregionalen OER-Infrastrukturen in Deutschland nötig ist, und ermittelte auch die jeweiligen Anforderungen in den unterschiedlichen Bildungsbereichen. Eine der zentralen Empfehlungen der Machbarkeitsstudie war, einen Service zum Austausch von Metadaten (übergreifende, beschreibende Informationen) über die Bildungsmedien aufzubauen. Ziel sollte es sein, die dezentralen OER-Bestände auf Basis von Austauschformaten und konkordanten Daten gebündelt nachzuweisen und die Suche nach ihnen – sowohl bereichsspezifisch als auch übergreifend – zu erleichtern.

Die notwendigen Werkzeuge und Strukturen

Inzwischen sind OER aus der Diskussion um die Digitalisierung in der Bildung nicht mehr wegzudenken. Es ist klar, dass digitale, möglichst freie Bildungsmedien wesentlich dazu beitragen können, Bildungsinhalte zu verbreiten, und auch didaktisch ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Daher setzt sich das DIPF auf unterschiedlichen Ebenen mit der Frage auseinander, welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, um sie besonders erfolgreich nutzen zu können. Leitgedanke sollte sein, sich an den FAIR-Prinzipien zu orientieren, die auch auf Forschungsdaten angewendet werden. Demnach müssen OER auffindbar (Findable), zugänglich (Accessible), wechselseitig kompatibel (Interoperable) und wiederverwendbar (Re-usable) sein. Und hierfür kommt es auf möglichst aussagekräftige Metadaten an.

Sie spielen unter anderem auf der Ebene des individuellen Informationsmanagements eine entscheidende Rolle. Ein Beispiel: Lehrkräfte brauchen einen Zugang zu Informationen über OER, der ihren persönlichen Bedarfen entspricht. Wie hier die Metadaten ins Spiel kommen, zeigt das vom DIPF angebotene Social-Bookmarking-Werkzeug „Edutags“. Mit ihm kann man Informationen über online verfügbare digitale Medien sammeln, strukturieren und mit anderen teilen. Das geschieht, indem die einzelnen Nachweise mit Tags (Schlagworten) ausgezeichnet werden, um das Objekt zu beschreiben. So entsteht eine sortierte und geordnete Menge von Lesezeichen für den Einzelnen, die aber in ihrer Gesamtheit für alle verfügbar sind. Edutags bringt den Vorteil mit sich, dass es sich auf Bildungsmedien fokussiert und dass man mit dem Tool OER eine Creative-Commons-Lizenz zuordnen kann. Sie informiert direkt darüber, ob und wie die Materialien genutzt, verändert oder weitergegeben werden dürfen, Diese Information ist die Basis für einen offenen und rechtssicheren Umgang mit den Materialien.

Bildungsmedien müssen aber nicht nur für den persönlichen Gebrauch organisiert werden. Es bedarf darüber hinaus einer übergreifenden Struktur, die (freie) Bildungsmedien in sogenannten Repositorien nachweist und zugänglich macht. Hierfür bauen der Deutsche Bildungsserver und die Landebildungsserver seit 2007 einen gemeinsamer Ressourcenpool für Lehr-/Lernmaterialien auf: Elixier. Das Angebot ist insbesondere für den Schulunterricht gedacht und umfasst etwa 50.000 redaktionell ausgewählte und auf Qualität geprüfte Medien, die über eine integrierte Suche einfach recherchiert werden können. Die Inhalte reichen von Texten wie Arbeitsblättern oder Unterrichtseinheiten über Bilder, Audio- und Videomaterial, bis hin zu Selbstlernmaterialien wie Webquests und Schulsoftware zum Download. Über die von den Fachredaktionen der Bildungsserver erstellten Inhalte hinaus weist Elixier zunehmend auch qualitativ hochwertige Bildungsmedien weiterer Anbieter nach – darunter von Lehrer-Online, Planet Schule, der Siemens-Stiftung oder der Selbstlernplattform Mauswiesel des Hessischen Bildungsservers. Ein wesentlicher Aspekt dieser Kooperation ist es, eine möglichst große Anzahl an Ressourcen mit freien Lizenzen anzubieten, die in Elixier gesondert ausgewiesen werden. Stichwort Metadaten: Diesbezüglich wurde ein besonderer Fokus auf ein für das Schulwesen in Deutschland abgestimmtes Schema gelegt. In Nutzerstudien hat es sich bereits als besonders zielführend für Lehrkräfte erwiesen.


„Digitale Bildung – Impulse aus der Wissenschaft“

Die Beiträge zum Schwerpunkt im Magazin DIPF informiert (Nr. 26)

  • „Neue Technologien können die Bildung bereichern“.
    Interview mit Professor Dr. Hendrik Drachsler, DIPF-Experte für Educational Technologies und Learning Analytics, über die Herausforderungen und Perspektiven der digitalen Bildung
  • Wie Tests am Computer die Möglichkeiten im Klassenraum erweitern.
    Eine Einordnung von Ausgangslage und Möglichkeiten von Professor Dr. Frank Goldhammer
  • Forum zieht Zwischenbilanz der digitalen Bildung in Deutschland.
    Impulse vom Bildungspolitischen Forum des Leibniz-Forschungsverbunds Bildungspotenziale, das am 5. Oktober 2017 in Berlin zum Thema „Bildungspotenziale in Zeiten digitalen Wandels“ stattfand. Von Professor Dr. Dr. Friedrich W. Hesse
  • Eine neue Lernsoftware soll Motivationslücken entgegenwirken.
    Können Computer mit Körpersensoren motivationsbedingte Lernblockaden erkennen und die Lerninhalte entsprechend anpassen? Ein Blick in die Zukunft entlang des BMBF-Projekts „Sensorische Erfassung von Motivationsindikatoren zur Steuerung von adaptiven Lerninhalten“ im Rahmen des Schwerpunktes „Erfahrbares Lernen“. Von Philip Stirm

Zum Magazin DIPF informiert (Nr. 26) Schwerpunkt „Digitale Bildung – Impulse aus der Wissenschaft“ (pdf)

 Weitere Schritte und Perspektiven

Viele weitere Schritte sind dagegen noch notwendig, um die in der Machbarkeitsstudie angesprochene Instanz zum Austausch von Metadaten zu realisieren. Für eine solche nationale oder sogar internationale Informationsinfrastruktur gilt es, den Zugang zu den bereits zahlreich vorhandenen, jedoch verteilt vorliegenden OER-Repositorien und den Zugriff auf die Materialien zu bündeln. Auch hier arbeitet das DIPF an Lösungen. Ein Beispiel ist ein gemeinsam mit der Universität Duisburg-Essen, der Universität Oldenburg und dem „ZBW – Leibniz Informationszentrum Wirtschaft“ durchgeführtes Forschungsprojekt. Es befasst sich damit, wie sich die entsprechenden Metadaten identifizieren, lokalisieren und automatisiert austauschen lassen. Hierfür wollen die Partnerorganisationen übergreifende Strukturen modellieren und erstellen. Im Ergebnis soll ein offenes informationelles Ökosystem entstehen, dass es den Nutzerinnen und Nutzern erlaubt, die Angebote zu finden, zu erreichen, miteinander zu kombinieren und letztlich zu nutzen. Im Kern geht es also darum, die FAIR-Prinzipien im OER-Bereich zu etablieren. Klar ist aber auch: Das Vorliegen umfangreicher Bestände an digitalen Medien allein reicht nicht, will man ihre Potenziale für den Unterricht und die Didaktik im Allgemeinen ausschöpfen. Lehr-Lern-Ressourcen müssen rechtssicher, auf ihre Qualität kontrolliert und pädagogisch eingeordnet vorliegen – ein grundlegendes Prinzip im gesamten Bildungsbereich. Für die Akzeptanz freier Bildungsmaterialien spielt daher auch dies eine große Rolle.

Das DIPF wird diese Fragen nicht nur im Zuge der genannten Forschungs-, Entwicklungs- und Transferaktivitäten weiter verfolgen. Es ergeben sich auch viele Ansatzpunkte, die OER-Projekte mit wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich von digitalen Assessments und von Learning Analytics zu verknüpfen. Den Rahmen für weitere Impulse bildet zudem die am DIPF verortete Informationsstelle OERInfo. Sie wurde Ende 2016 gemeinsam mit sechs Kooperationspartnern als zentrale Informationsquelle und Anlaufstelle in diesem Themenfeld eingerichtet. Ihre Kernaufgabe ist es, OER in Deutschland nachhaltig bekannt zu machen. Zugleich soll sie eine Plattform für die im Entstehen begriffene Forschungscommunity bieten.

„Es soll ein offenes informationelles Ökosystem entstehen, dass es erlaubt, die OER-Angebote zu finden, zu erreichen, miteinander zu kombinieren und letztlich zu nutzen.“

Ein kurzes Fazit: Offene Bildungsmedien bilden eine maßgebliche Grundlage für die digitale Bildung, sie stellen daher ein sehr wichtiges Handlungsfeld dar. Es ist aber nicht allein damit getan, analoge Medien in digitale umzuwandeln. Erst mit den neuen Organisations- und Strukturierungsmöglichkeiten, wie sie in diesem Beitrag vorgestellt wurden, sowie den kommunikativen Chancen, die die Digitalisierung bietet, lassen sich ihre Potenziale wirklich ausschöpfen. Der Deutsche Bildungsserver wird sich auf jeden Fall auf zahlreichen Wegen miteinbringen, damit dieses Ziel Wirklichkeit wird.


Dieser Text stammt aus „DIPF informiert (Nr. 26): Digitale Bildung – Impulse aus der Wissenschaft“, Juni 2018. Url:  https://www.dipf.de/de/forschung/publikationen/pdf-publikationen/dipf-informiert/dipf-informiert-nr-26.
Er steht unter CC BY 4.0-Lizenz; der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Prof. Dr. Marc Rittberger, Stellvertretender Geschäftsführender Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und Direktor des „Informationszentrums Bildung“.


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