Niedrigschwellig und ergebnisoffen: Aufsuchende Beratung in Alphabetisierung und Grundbildung

Bildungsberatung (3)

In Deutschland gibt es mehr als sieben Millionen Erwachsene, die so geringe Lese- und Schreibkenntnisse haben, dass sie kaum Texte lesen und schreiben können. Und weil diese hohe Zahl funktionaler Analphabeten vielen nicht bekannt ist, macht das Projekt „ALFA-Mobil“ mit seinen beiden Standorten Münster und Berlin in ganz Deutschland Werbung für Lese- und Schreibkurse. Gemeinsam mit Kursanbietern vor Ort beraten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ALFA-Mobils betroffene Erwachsene und informieren die Öffentlichkeit über Alphabetisierung und Grundbildung. Finanziert werden die beiden Alfa-Mobile vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ 2016 bis 2026. Wir sprechen mit Tim Henning, Projektleiter am Standort Münster über die Arbeit des ALFA-Mobils.

Tim Henning, Projektleiter des ALFAMobils

Herr Henning, was sind die zentralen Aufgaben des ALFA-Mobils?

Information und Aufklärung, Beratung und Kursvermittlung, Ansprache von Mulitplikatoren und Vernetzung von Kursleitenden im Bereich Alphabetisierung und Grundbildung! Ich erkläre das aber gerne auch ausführlicher (lacht): Funktionaler Analphabetismus ist in Deutschland noch immer ein Tabu-Thema. Wir gehen deshalb in Städte und Gemeinden, versuchen mit den Bürgerinnen und Bürgern direkt ins Gespräch zu kommen und darüber zu informieren. Dabei versuchen wir Betroffene direkt anzusprechen, Stichwort „aufsuchende Beratung“, und ihnen – wenn sie denn wollen – vor Ort einen passenden Kurs zu vermitteln.

„Mit unserer Arbeit wenden wir uns an die Öffentlichkeit, an Betroffene, an Multiplikatoren im alltäglichen Umfeld und an Kursleiterinnen und Kursleiter.“

Logo des ALFA-Mobils

Von großer Bedeutung für uns ist der Kontakt und das Gespräch mit Multiplikatoren. Leute also, die viel Kontakt zum Bürger haben und Kunden mit Lese- und Schreibschwierigkeiten erkennen könnten also Mitarbeiter in Jobcentern, Apotheken oder der kommunalen Verwaltung. Eine weitere Aufgabe ist es, die Kursleitenden zu vernetzen. Sie arbeiten ja oft auf Honorarbasis und haben meist wenig Möglichkeit sich zu vernetzen, sich auszutauschen oder sich neue Unterrichtsmaterialien zu besorgen. Auch diese Gelegenheiten schaffen wir mit dem Alfa-Mobil.

Kann man sich das ALFA-Mobil einfach in die eigene Stadt bestellen?

Ja! Wir haben im Moment 160 ALFA-Mobil-Aktionen im Jahr, jedes Alfa-Mobil also 80 Einsätze im Jahr. Die Einsätze sind nachfrageorientiert – wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aber es gibt auch Regionen, aus denen uns noch keine Anfrage erreicht hat. Um die nicht zu vernachlässigen planen wir für nächstes Jahr zum Beispiel eine große Mecklenburg-Vorpommern-Tour. Ansonsten fahren wir dorthin, wo wir für die Öffentlichkeitsarbeit gebraucht werden: Zu Volkshochschulen, die auf ihre Lese- und Schreibkurse aufmerksam machen wollen, zu Alphabetisierungs- und Grundbildungsprojekten des BMBF, zu Partnern der Alpha-Dekade oder auch zu den vom BMFSFJ geförderten Mehrgenerationenhäuser; sie erhalten seit Jahresbeginn für Projekte zur Förderung der Lese- Schreib- und Rechenkompetenzen von erwachsenen Menschengerade zusätzliche Gelder. Auch das Kultusministerium in Stuttgart hat das ALFA-Mobil mal für eine ganze Woche eingeladen.

Wie kann ich mir den Besuch des ALFA-Mobils vorstellen?

Besuch des ALFA-Mobils in Gütersloh

In der Regel ist bereits vor der Ankunft des ALFA-Mobils viel Vorbereitung gelaufen: Die lokale Tageszeitung hat den Besuch zwei, drei Tage vorher angekündigt, in kleinen Orten erscheint ein Artikel groß auf der Titelseite, in großen Städten muss man um die Aufmerksamkeit kämpfen. Im Idealfall erreichen wir auch das Radio – für Betroffene ein sehr wichtiges Medium. Nach Ankunft und Aufbau wird gemeinsam mit der lokalen Politprominenz, dem Landrat, der Bürgermeisterin, der Bildungsdezernentin und den Bildungsanbietern, die uns eingeladen haben, der Stand im Beisein der Presse feierlich eröffnet. Die erste Stunde dient also der für uns sehr wichtigen Öffentlichkeitsarbeit, erst danach findet die eigentliche Beratung statt. Nach dem ganzen Trubel kommen dann die Leute zum ALFA-Mobil und suchen das Gespräch mit uns.

Wer sind die Berater? Ist das Team besonders zusammengesetzt?

Idealerweise haben wir ein Vierergespann: Zwei Beraterinnen des ALFA-Mobils, die Fachbereichsleiterin oder der Kursleiter der örtlichen Volkshochschule und eine Betroffene. Die Betroffenen sind sehr wertvoll, zum einen weil sie die Situation aus eigener Erfahrung kennen und selbst viele Probleme im Alltag hatten; sie möchten das anderen gerne ersparen und freuen sich, wenn sie helfen können. Zum anderen haben viele Menschen mit Schreib- und Leseschwierigkeiten meist noch nie mit Leidensgenossen gesprochen. Das persönliche Gespräch hilft Hemmungen abzubauen!

Mit welchen Fragen oder Problemen kommen die Menschen zum ALFA-Mobil?

Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal kommen hauptsächlich die so genannten „professionellen Mitwisser“. Sie arbeiten in der kommunalen Verwaltung oder im Gesundheitsbereich – etwa bei einer Krankenkasse – und bemerken, dass manche Klienten Lese- und Schreibschwierigkeiten haben. Ihnen erklären wir, worauf sie achten müssen, wenn sie sie diesbezüglich ansprechen möchten. Andere, das „mitwissende Umfeld“, erkundigen sich für einen Nachbarn, eine Freundin oder Ehepartner.

„Jeder funktionale Analphabet hat in der Regel ein oder zwei Mitwisser, die man über die regionale Tageszeitungen erreichen kann.“

Und manchmal stellt sich beim Gespräch auch heraus, dass die Rat suchende Person sich ein Stellvertreter-Ich gesucht hat, um die Schamgrenze zu wahren, also eigentlich selbst betroffen ist. Das respektieren wir selbstverständlich und beraten wie man dem Freund helfen könnte.

Wie viele Menschen erreichen Sie mit einem Einsatz?

Stand des ALFA-Mobils

Meist sind wir einen halben Tag vor Ort, also ungefähr vier Stunden. Von den rund 200 Flyern, die wir mitnehmen, werden wir in der Regel 100 los – meist an Leute über vierzig, etwa zu gleichen Teilen Männer und Frauen, manche mit und manche ohne Migrationshintergrund. Die Anzahl der Besucher variiert und: Wenn’s zu heiß oder total verregnet ist, kommen natürlich nicht so viele (lacht). Aber über unser Glücksrad oder die Tombola versuchen wir, die Aufmerksamkeit der Passanten auf uns zu ziehen. Oft ist dann richtig was los am Stand, wir kommen mit einzelnen ins Gespräch, versuchen das Tabu-Thema Analphabetismus aufzubrechen und das Wissen darüber zu erweitern.

Was ist das Besondere an der Beratung beim ALFA-Mobil?

Man muss sehr viel Flexibilität mitbringen! Wenn wir vor einem ganz normalen Bürger stehen, der sagt, dass das Angebot bestimmt nur für Ausländer sei, betreiben wir klassische Aufklärungsarbeit. Beim nächsten müssen wir vielleicht ganz schnell umswitchen und erkennen: Oh, ich hab‘ hier den Angehörigen eines Betroffenen oder einen Betroffenen. Hier geht’s dann darum zu motivieren und zu beraten, wo der nächste Lese- und Schreibkurs ist, und wie der überhaupt aussieht.

„Die Leute haben ja oft sehr negative Schulerfahrung hinter sich gebracht.“

Wir vermitteln ihnen dann, dass die Volkshochschule eine Einrichtung der Erwachsenenbildung ist und ganz wenig mit Schule zu tun hat, die Unterrichtskonzepte dort also ganz anders sind, als sie sich das vielleicht vorstellen. Und wenn man mit Politikern spricht, muss man wieder umschalten. Dann geht es meist um die Einrichtung vor Ort, die finanzielle Unterstützung braucht.

Woran merken Sie, ob Ihr Einsatz erfolgreich war?

Wenn uns Kursleiterinnen einige Zeit nach unserer Aktion erzählen, dass sie neue Leute im Kurs haben – was übrigens häufig passiert. Was wir aber nicht erfahren: Ob die Menschen aufgrund unserer direkten Beratung oder vermittelt über die lokale Berichterstattung in Radio und Tageszeitung zum Kursbesuch motiviert worden sind. Der Idealfall einer geglückten Beratung für uns ist, wenn sich der oder die Betroffene gleich mit dem anwesenden Kursleiter der örtlichen Volkshochschule in ein Café oder auf eine Bank zu einem Einstiegsgespräch zurückziehen kann. Dann waren wir in unserer Rolle als Vermittler erfolgreich!

„Wir sind Vermittler: Unsere Aufgabe ist es den Erstkontakt herzustellen.“

Die Hürde für die Einstiegsberatungen, die die Volkshochschulen über ihre Fachbereichsleitungen anbieten, ist oft noch zu hoch: Man muss einen Termin vereinbaren, in die Volkshochschule gehen, das Büro im vielleicht verschachtelten Gebäude finden. Diese Schwelle wollen wir senken. Bei uns steht der Fachbereichsleiter einfach auf dem Marktplatz. Man kann zufällig mal vorbei schlendern, mit einem Eis in der Hand, ohne Termin und ohne bürokratischen Aufwand.

Gibt es Erfahrungen oder Erkenntnisse, die Sie an Kolleginnen und Kollegen in der Alphabetisierungsberatung weitergeben möchten?

Immer ergebnisoffen beraten und nicht in Richtung Kursteilnahme! Denn oft benötigen die Menschen erst mal konkrete Hilfestellung für ein Problem und überlegen später, ob sie nicht doch Hilfe in Anspruch nehmen wollen. Auch ganz wichtig: Die Schwelle so niedrig wie möglich halten! Also, direkt im Kiez oder im Stadtteil stehen, ansprechbar sein. Wir erleben es am Stand immer wieder, dass Betroffene bereits mehrere Male vor der VHS gestanden haben, sich am Ende aber doch nicht getraut haben ‚reinzugehen.


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


Weitere Beiträge in der Reihe „Bildungsberatung“

1 Kommentare

  1. Für diese wichtige Arbeit haben wir hilfreiche Materialien entwickelt, die wir zu Prüfzwecken auch gerne kostenlos an Multiplikatoren versenden: Dr. Dorothea Thomé, Institut für sprachliche Bildung (Bildungsforschung und Fachverlag), Oldenburg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.