Wichtige Themen 2020 – unser Podcast zum Jahreswechsel

Persönliche Jahresrückblicke von sechs Redakteurinnen des Deutschen Bildungsservers.

Wie schon im vergangenen Jahr haben wir auch 2020 die Kolleginnen vom Redaktionsteam des Deutschen Bildungsservers gefragt, ob Sie Lust und Zeit haben zum Jahreswechsel einen Rückblick auf Themen und Diskussionen zu wagen, die sie persönlich am wichtigsten fanden. Sechs Kolleginnen haben bei unserem Jahresrückblick mitgemacht, wir stellen ihre persönlichen Einschätzungen in diesem Podcast vor. Wie immer haben wir die Linktipps aus den Themenbereichen nochmal extra aufgeführt, und wir haben auch die Textversion des Podcasts veröffentlicht.

Links zu den jeweiligen Rückblicken

Themenbereich Schule

Redakteurin: Dr. Caroline Hartmann

Offene Bildungsinhalte / Open Educational Resources (OER)

Redakteurin: Michaela Achenbach

Themenbereich Bildung weltweit

Redakteurin: Nadia Cohen

Themenbereich Berufsbildung

Redakteurin: Renate Tilgner

bildungsserverBlog

Redakteurin: Christine Schumann

Themenbereich Erwachsenen-/Weiterbildung

Redakteurin: Doris Hirschmann


Der Jahresendpodcast 2020 in Textversion

„2020 war ein schreckliches Jahr – ich wollte noch nie so gerne wieder in die Schule gehen!“ (O-Ton 1)

„Also, das einzig Gute an den Schulschließungen war, dass ich nicht so früh aufstehen musste!“ (O-Ton 2)

„2020 war ein schreckliches Jahr – ich wollte noch nie so gerne wieder in die Schule gehen!“ „Also, das einzig Gute an den Schulschließungen war, dass ich nicht so früh aufstehen musste!“ So urteilen meine Kinder. Ich selbst muss gestehen, dass ich während der Schulschließungen wirklich an meine Grenzen gestoßen bin. 

Von einem Tag auf den anderen waren Schulen gezwungen, mit bewährten Mustern zu brechen und ganz neue Ideen zum Lehren und Lernen zu entwickeln. Lassen wir zunächst einmal ein paar Zahlen für sich sprechen. Ich kann Ihnen hierfür insbesondere das „Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise“ ans Herz legen. Bei der repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT wurden Lehrkräfte während der Schulschließungen gefragt, wie sie die neuen Aufgaben bewältigten und welche Konsequenzen sie für die eigene Arbeit und die Weiterentwicklung ihrer Schule sähen.

28 Prozent der Befragten nannten den Mangel an digitaler Ausstattung der Schüler als die größte Herausforderung angesichts der Schulschließungen. Gleich an zweiter Stelle der am häufigsten genannten Probleme folgte die fehlende Erfahrung der Lehrkräfte beim Erstellen digitaler Unterrichtsinhalte. Eine große Mehrheit von 86 Prozent meinte zudem, dass sich durch die Schulschließung die Auswirkungen der sozialen Ungleichheiten noch verstärkt hätten.

Heinz-Elmar Tenorth, ehemals Professor am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität, geht in seiner Analyse sogar noch weiter: Ihm zufolge habe Corona nahezu Bildungsverhältnisse der Vormoderne neu erzeugt, als Unterricht Recht und Pflicht der Eltern war, die sich den Hauslehrer oder die private Betreuung leisten konnten.

Doch ist die Digitalisierung der Schulen die Antwort auf alle Probleme? Im Interview mit dem „Deutschen Schulportal“ erklärt Prof. Dr. Dieter Spanhel, dass selbst mit einer guten Medienausstattung der Schulen, einem verstärkten Medieneinsatz und einer fundierten Medienbildung das gegenwärtige Problem unserer Schulen nicht zu lösen sei.

Bereits ein Jahr vor der Corona-Krise mahnte auch Prof. Dr. Klaus Zierer von der Universität Augsburg bei einem Vortrag beim Leibniz-Institut [für Bildungsforschung und Bildungsinformation], dass das Potential von digitalen Medien nicht ausgeschöpft werde, wenn diese nur als Ersatz für traditionelle Medien genützt würden. Lernen mit digitalen Medien müsse vielmehr heißen, neue Formen der Interaktion, des Gesprächs und der Zusammenarbeit in Lehr-Lern-Prozesse zu integrieren.

Ich kann Prof. Spanhel und Prof. Zierer nur Recht geben. Selbstbestimmtes Lernen setzt Autonomie voraus. Diese muss den Schülerinnen und Schülern erst nähergebracht werden. Doch es gibt Hoffnung: Immerhin gaben bei dem „Deutschen Schulbarometer Spezial“ 67 Prozent der Lehrerkräfte an, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler künftig stärker dazu befähigen würden, mehr Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess zu übernehmen. Ob ihnen dies gelingen wird, das wird sich erst noch zeigen.

Was nehmen wir also für die Zukunft mit? Mein Sohn sieht das so: „Es macht schon Spaß, auf dem Tablett Aufgaben zu machen, aber am liebsten höre ich eigentlich meiner Lehrerin zu.“ Dies zu vereinen, das wird wohl die zukünftige Aufgabe der Schule sein. Ja, wir müssen die Digitalisierung der Schulen in jeder Hinsicht weiter vorantreiben, aber wirklich gelingen kann sie nur dann, wenn wir es schaffen, eine neue Lern- und Arbeitskultur an den Schulen zu etablieren, die über den Einsatz von digitalen Medien noch weit hinausgeht.

Open Educational Resources – Informationsstelle OER

Offene und frei lizenzierte Bildungsmaterialien, auch Open Educational Resources (OER) genannt, werden für alle Bildungsbereiche immer wichtiger. Dieser Trend wird aktuell durch die Corona-Pandemie noch verstärkt. Nach vier Jahren Projektlaufzeit endete im Oktober 2020 die zweite Förderphase von OERinfo – der Informationsstelle für freie Bildungsmaterialien. In ihrer frei verfügbaren Abschlussdokumentation ziehen die Projektpartner Bilanz und formulieren Empfehlungen für die Zukunft. Neben dem Blick zurück, wagen sie also auch einen Blick nach vorn. Das Wissen um OER muss weiterhin in die Breite getragen werden, digitale Bildung braucht Open Educational Resources, so das Fazit. OER eignen sich für das Homeschooling, den digitalen Unterricht und die digitale Lehre, denn sie sind in allen digitalen Lehr-und Lernumgebungen einsetzbar – kostenlos, frei verfügbar und an jeweilige Bedürfnisse anpassbar. Das umfangreiche Informationsangebot des Online-Portals OERinfo, das die Informationsstelle seit 2016 aufgebaut hat, bleibt auch über die Projektlaufzeit hinaus für Interessierte verfügbar. Schauen Sie doch mal rein.

Sie benötigen Praxiswissen rund um offene Lehr-/Lernmaterialien? Dieses finden Sie z.B. in der zweiten Staffel der OERcamp-Webtalks. Hier vermitteln die OERCampCoaches (bekannt aus den berühmten OERCamps) Hilfreiches rund um offene Lehr-/Lernmaterialien. Bis Ende Januar 2021 finden an Werktagen täglich Webtalks zu den fünf Oberthemen

  • freie Unterrichtsmaterialien für Lehrkräfte
  • Open-Source Alternativen für die eigene Infrastruktur
  • digitales Making
  • H5P für Fortgeschrittene sowie
  • kollaboratives Online-Lernen

statt. Die Teilnahme an den OER-Webinaren ist unverbindlich, kostenfrei und ohne Anmeldung möglich.

Wie hoch ist die Bereitschaft an berufsbildenden Schulen, Lehr-/Lernmaterialien im Sinne von Open Educational Resources zu teilen? Dieser Frage stellt sich das Bundesinstitut für Berufsbildung und veröffentlicht die Ergebnisse einer Umfrage in einem Diskussionspapier. Rund ein Drittel der Befragten gibt an, den Begriff OER zu kennen und steht diesem im Allgemeinen positiv gegenüber. Bereits rege praktiziert wird der Austausch von Bildungsmaterialien im Kreis der Kolleginnen und Kollegen. Sie aber einem größerem Nutzerkreis zur Verfügung zu stellen, beispielsweise auf Plattformen, dazu ist die Mehrheit nicht bereit.

Last but not least möchte ich Sie noch auf zwei neue Bildungspattformen hinweisen, die auch offene Bildungsmaterialien enthalten und im 2. Halbjahr 2020 online gingen: „Mundo“ – das gemeinsame Bildungsportal aller 16 Bundesländer und „Wir lernen online“ – die Suchmaschine zu OER.

Angesichts des kurzfristigen Bedarfs an digitalen Unterrichtsmaterialien für die Schule aufgrund der Corona-Pandemie hat das Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) das ländergemeinsame Medienportal MUNDO konzipiert. Das Portal wurde aus Mitteln des DigitalPakts Schule finanziert. Es bietet allen pädagogischen Fachkräften, Schülerinnen und Schülern sowie Erziehungsberechtigten qualitativ und lizenzrechtlich geprüfte Unterrichtsmedien verschiedener Quellen frei zugänglich zur Verfügung.

Den gleichen Nutzerkreis sprechen die Macher von „Wir lernen online – Freie Bildung zum Mitmachen“ an. Inhalte, Methoden und Tools zum Lehren und Lernen sollen mit Hilfe des Portals und der integrierten Suchmaschine schnell und einfach auffindbar sein. Es ist ebenfalls möglich eigene Materialien zu teilen. Das Motto lautet: Am besten gemeinsam. Zahlreiche Mitmachaktionen laden Nutzerinnen und Nutzer zur Beteiligung ein.

Bildung Weltweit

Erinnern Sie sich noch an das Thema Inklusion? Als im Jahr 2014 unsere Kolleginnen und Kollegen hier am DIPF den Deutschen Bildungsbericht mit dem Schwerpunkt „Menschen mit Behinderung“ herausgaben, entschlossen wir uns beim Deutschen Bildungsserver, ein begleitendes Dossier zum Thema Inklusion zu erstellen. Im Zuge dessen begann ich, das Thema Inklusion sowohl international, als auch regional auf verschiedenen Kontinenten und in einzelnen Ländern zu beleuchten. Dann kamen jedoch schon bald wieder neue Themen, Bildung für Flüchtlinge, Bildung in Brexit-Zeiten, oder auch Bildung im Zusammenhang mit Wahlen in verschiedenen Ländern. Und für die Inklusion blieb nur noch wenig Zeit.

Seit einigen Monaten ist das Thema Inklusion jedoch wieder in meinen Fokus gerückt. Das hat zwei Gründe: Zum einen arbeite ich seit kurzem in einem Netzwerk mit, das sich mit Inklusionsforschung im internationalen Bereich beschäftigt. Dafür habe ich meine Arbeit an den Webdossiers zu Inklusion wieder aufgenommen und habe es dieses Jahr endlich geschafft, mir einen weiteren Kontinenten dazu anzusehen: Südamerika. Und was mir schon bei der Arbeit an den anderen Webdossiers zu Inklusion im internationalen Raum aufgefallen war, hat sich mit Südamerika noch einmal bestätigt: Inklusion wird hier nicht nur als Inklusion von Menschen mit Behinderung verstanden. Vielmehr wird das Thema oft in einem Zuge mit dem Thema Bildungsgerechtigkeit und sozialer Inklusion verhandelt.

Und das führt mich zu dem zweiten Grund, aus dem für mich das Thema Inklusion dieses Jahr wieder in den Fokus gerückt ist: Sie haben es vielleicht schon erraten, es geht um die Corona-Pandemie. Dieses Thema hat uns beim Bildungsserver natürlich auch beschäftigt, und da in Deutschland die Diskussion um Bildung in Pandemiezeiten einher ging mit einer Diskussion um Digitale Bildung, haben wir uns natürlich verstärkt auch um dieses Thema bemüht. Jedoch – die Themen Digitale Bildung und Bildung in Coronazeiten wurden stets auch begleitet von einer Diskussion um Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe. Und es hat sich leider gezeigt, dass wieder einmal die, die es sowieso schon nicht einfach haben, also Kinder mit Behinderungen, Kinder mit Migrationshintergrund, Kinder aus armen Familien, durch die Coronapandemie am härtesten getroffen wurden. Seien es nicht vorhandene digitale Endgeräte, Platzmangel oder auch wegbrechende Kontakte zu Inklusionshelfern, Förderlehrern und Ähnlichem aufgrund von Kontaktbeschränkungen: Inklusion, oder wir könnten auch sagen, das Credo „Bildung für alle“, wurde durch die Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Maßnahmen wie Schulschließungen, den eben erwähnten Kontaktbeschränkungen oder die Umstellung auf digitalen Fernunterricht auf eine harte Probe gestellt.

Wenn man das Ganze außerdem im internationalen Vergleich betrachtet, muss man feststellen, dass die Situation für Kinder und Jugendliche in vielen sogenannten Ländern mit mittlerem und geringem Einkommen durch die Corona-Pandemie noch viel schwieriger geworden ist, als sie es vielleicht sowieso schon war. So sind laut einer Erhebung der Weltbank Mitte November in 59 Ländern weltweit immer noch alle Schulen landesweit geschlossen, in weiteren 98 Ländern sind die Schulen nur mit Beschränkungen offen. Und selbst wenn Schulen mit Beschränkungen offen sind, heißt das leider noch lange nicht, dass alle Schüler wieder dorthin gehen bzw. am Unterricht teilhaben können. Beschränkungen wie das Maske-Tragen oder ein Wechsel zwischen Präsenz- und Digitalunterricht können für Kinder und Jugendliche, die z.B. gesundheitliche, finanzielle oder sprachliche Schwierigkeiten haben, immer noch zu Benachteiligungen führen.

Daher halte ich das Thema Inklusion, im Sinne einer echten Teilhabe für alle an Bildung, für ein weiterhin nicht nur sehr wichtiges, sondern geradezu zentrales Thema, wann immer über Bildung nachgedacht, diskutiert oder entschieden wird.

Die neu(est)en IT-Berufe

IT-Berufe? Die gibt es doch, mögen sich manche gedacht haben, als im Sommer die Sprache auf „die neuen IT-Berufe“ kam. Mit dem Wachstum der Branche in den neunziger Jahren wurden 1997 die IT-Ausbildungsberufe eingeführt und gehören nun mit zu den beliebtesten Ausbildungsberufen. Neu also? Na ja, fast; denn zum neuen Ausbildungsjahr, das im August 2020 begann, wurden neue Ausbildungsordnungen beschlossen, ferner übergreifende Neuerungen für alle IT- Berufe. Was hat es damit auf sich?

2015 erhielt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) den Auftrag, einen eventuellen Novellierungsbedarf für die IT-Ausbildungsberufe zu prüfen. Schwerpunkte der Untersuchung betrafen die Anforderungsprofile und die Struktur der Berufe, die Gestaltung der Prüfung sowie Schnittstellen zwischen Ausbildung, Fortbildung und Hochschule. Die Ergebnisse der Studie flossen in die Neuordnungsarbeit ein.

Zum 1. August 2020 sind die neuen Ausbildungsordnungen für die IT-Ausbildungsberufe in Kraft getreten. Was hat sich geändert? Für alle Berufe gilt übergreifend: IT-Sicherheit und Datenschutz werden ausgebaut, personale und soziale Kompetenzen werden gestärkt. Außerdem  wurde eine gestreckte Abschlussprüfung eingeführt, die in zwei zeitlich voneinander getrennten Teilen stattfindet.

Für einzelne Berufe gilt im Folgenden:
Den Ausbildungsberuf Fachinformatiker/-in gab es bisher in den zwei Fachrichtungen Systemintegration und Anwendungsentwicklung. Er wird nun um zwei neue Fachrichtungen ergänzt. Erstens Daten- und Prozessanalyse, diese beinhaltet Aufgaben wie die Analyse von Arbeits- und Geschäftsprozessen. Zweitens Digitale Vernetzung, diese dient der Planung von Systemen zur Vernetzung von Prozessen und Produkten. Die beiden neuen Fachrichtungen kommen Anforderungen in den Bereichen Big Data und Industrie 4.0 entgegen. Die bereits bisher getrennten Berufsprofile werden weiter differenziert.

IT-System-Elektroniker/innen werden in verschiedenen Einsatzgebieten ausgebildet. Zu ihren Aufgaben gehören die Installierung von IT-Systemen, Service- und Instandsetzungsarbeiten an Geräten und -systemen. Ein Ausbildungsschwerpunkt sind elektrotechnische Inhalte, die einer Modernisierung unterzogen wurden. Informatik-Kaufleute wurden zu Kaufleuten für Digitalisierungsmanagement, sie betreiben die Digitalisierung von Geschäftsprozessen auf operativer Ebene. Der IT-System-Kaufmann und die IT-System-Kauffrau wurden zu Kaufleuten für IT-System-Management. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeiten liegt auf Service und Systembetreuung, Vertrieb, Marketing und Dienstleistungen.

Das Prinzip der Kern- und Fachqualifikation ist beibehalten worden, alle IT-Ausbildungsberufe haben im ersten Ausbildungsjahr die gleichen Lernfelder. Eine Ausdifferenzierung findet im weiteren Verlauf der Ausbildung statt.

Die Neuordnung könnte auch einen Anstoß zur weiteren Professionalisierung der Lehrkräfteausbildung geben und den berufsbildenden Schulen die Möglichkeit geben, die IT-Ausbildungsarbeit neu zu gestalten. Wie sich die Novellierung in der Praxis bewährt, werden die folgenden Ausbildungsjahre zeigen. Eine Modernisierung des Systems der IT-Weiterbildungsberufe steht im Raum.

bildungsserverBlog

Was mich als Social-Media-Redakteurin dieses Jahr besonders beschäftigt hat? Fragen der Demokratiebildung! Natürlich neben der Diskussion um „Digitale Bildung“ oder zeitgemäße Bildung, die wegen der Corona-Pandemie endlich richtig in Schwung kam und bei Twitter täglich rauf und runter diskutiert wurde. Und ja: Hier gibt es noch einigen Handlungsbedarf!

Doch jetzt zum Thema Demokratiebildung. Die Kolleginnen beim Deutschen Bildungsserver haben dazu ein gutes und umfangreiches Dossier mit Hinweisen erarbeitet, wie Demokratie und Partizipation gelernt und gelebt werden kann. Im bildungsserverBlog haben wir in einer begleitenden Reihe mit Interviews und Gesprächen versucht herauszufinden, wie demokratische Regeln in den verschiedenen Bildungsbereichen eingeübt werden können – und pädagogische Fachkräfte Partizipation ganz praktisch umsetzen können.

Anlass für das Dossier waren die schrecklichen rassistischen und antisemitischen Anschläge 2019 und das Erstarken und immer offensivere Zurschaustellen rechtsradikaler Positionen. Auch ist bei vielen der Eindruck gewachsen, dass die Demokratie als Staatsform wenn nicht angegriffen, so doch zumindest durch populistische und verzerrende Überzeichnungen und Verdrehungen bedroht zu sein scheint. 2020 kam mit den Querdenker-Demos und den abstrusen Verschwörungsmythen eine neue Dimension der Faktenleugnung dazu. Ob eine verstärkte Demokratiebildung in der Schule und anderen Bildungseinrichtungen hilft, diesen Entwicklungen ausreichend entgegenzutreten? Das bleibt zu hoffen!

Zwei Schüler eines Frankfurter Gymnasiums können jedenfalls von sehr positiven Beispielen aus ihrer Schullaufbahn berichten. Kollege Luca Mollenhauer hat in einer Podcastfolge über ihre Erfahrungen und Eindrücke bei der Vermittlung von Demokratie im Schulunterricht gesprochen und auch über Möglichkeiten der demokratischen Partizipation im Schulsystem wie die SMVs, die Schülermitvertretungen.

Solche repräsentativen Mitbestimmungsmodelle hält Annedore Prengel in der Kita allerdings nicht für angemessen. Ihr ist es viel wichtiger, sich darum zu bemühen, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen. Sie lenkt den Blick auf die Bedeutung von pädagogischen Interaktionen – für sie ein zentraler Faktor zur demokratischen Sozialisation von Kindern. Gemeinsam mit einem Expertenkreis hat die emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaft 10 Leitlinien entwickelt, die dabei unterstützen sollen, pädagogische Beziehungen menschenwürdig zu gestalten: Die 2017 veröffentlichten „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“.

Dass Pädagoginnen und Pädagogen sich stärker auf ihre Rolle als Experten für Interaktionen besinnen müssen und an ihren sozialen Kompetenzen wie Kritikfähigkeit, Fähigkeit zum Perspektivwechsel und Empathie arbeiten sollen, findet auch Wilfried Schubarth. Der Professor für Erziehungs- und Sozialisationstheorie plädiert dafür, Biografiearbeit in die Lehramtsausbildung zu integrieren. Und zwar ganz einfach deshalb, weil man an den eigenen Erlebnissen am besten erkennen könne, wo Probleme entstehen und was passiert, wenn sie nicht aufgearbeitet werden. Außerdem empfiehlt er das Thema Demokratiepädagogik als ein pädagogisches Handlungsfeld in das Studium aufzunehmen – im Rahmen einer der Praxisphasen.

Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit hält auch Marina Weisband für einen ganz wichtigen Faktor, um ein demokratisches Miteinander zu lernen. Das geht ihrer Erfahrung nach am besten, wenn jeder und jede einzelne sich aktiv an demokratischen Prozessen beteiligt und sich so als handelndes Subjekt erleben kann. Die Psychologin hat gemeinsam mit anderen ein Instrument der Demokratiebildung für die Schule geschaffen, die digitale Beteiligungsplattform „aula“. Mit ihr lernen Schülerinnen und Schüler, wie man gute und umsetzbare Vorschläge ausarbeitet, Mehrheiten organisiert und mit Engagement und Verantwortung den eigenen Lebensraum gestalten kann. Und das alles mithilfe einer digitalen Plattform. Und jetzt bin ich doch wieder beim Thema „Bildung in der digitalen Welt“ gelandet. Aber ich bin sicher: Beide Themen werden uns auch 2021 noch sehr beschäftigen!

Erwachsenenbildung und Weiterbildung

Natürlich hat auch im Bereich der Erwachsenenbildung und Weiterbildung das Jahr 2020 einen starken Schub in Richtung Digitalisierung mit sich gebracht. Es gab beim Deutschen Bildungsserver zahlreiche Informationsmodule dazu, die auch weiterhin kostenfrei erreichbar sind und laufend aktualisiert werden. Darüber hinaus wurden im Jahr 2020 in der Erwachsenenbildung/Weiterbildung interessante Vorhaben auf den Weg gebracht, die in 2021 ihre Fortsetzung finden werden und deren weiterer Entwicklung ich mit Spannung entgegen sehe.

Da ist zuerst mal der auch in vorherigen Podcasts schon erwähnte Innovationswettbewerb INVITE zur Entwicklung einer „Digitalen Plattform für berufliche Weiterbildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Bis zum 15.09.2020 konnten Projektskizzen eingereicht werden und diese werden nun gesichtet und bei positiver Begutachtung erfolgt eine Aufforderung zur Einreichung eines Förderantrags. Die Ideen kreisen in dem Wettbewerb darum, vielfältigen Weiterbildungsinteressen mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz besser entgegen zu kommen. Ziele sind u.a. passgenauere Angebote auf Suchanfragen oder auch Verbesserungen bei der individuellen Zusammenstellung von Weiterbildungsmodulen.

Die nächste interessante Entwicklung, die ich zum Jahresende vorstelle, ist das Projekt Integrierte Weiterbildungsberichterstattung (iWBBe). Ziel des im Juni 2020 gestarteten Projektes ist eine stringente und systematische Darstellung von Erkenntnissen und Ergebnissen zur beruflichen Weiterbildung. Hierzu soll kein neues Berichtssystem aufgebaut werden; vielmehr geht es darum, die bislang eher punktuellen und partiellen Daten und Ergebnisse aus den bestehenden Berichtssystemen zu einem Gesamtbild zusammenzuführen sowie besser mit der allgemeinen Bildungsberichterstattung zu verbinden. Mit Blick auf die Nationale Weiterbildungsstrategie (NWS) liegt der Schwerpunkt dabei auf der beruflichen Weiterbildung. Das Projekt wird ebenfalls vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Neben diesen interessanten Entwicklungen möchte ich in meinem Rückblick auf das Thema Podcasts etwas eingehen. Podcasts sind selbstverständlich kein neues Phänomen, aber 2020 war für mich persönlich das Jahr der Entdeckung von Podcasts und ich habe mich erstmals richtig damit befasst und dabei nicht nur eine ganze Reihe sehr interessanter Podcasts mit hohem Unterhaltungswert kennengelernt und eine Podcast-Weiterbildung bei dem sehr guten Dozenten Daniel Meßner absolviert, sondern ich habe selbst Podcasts erstellt und vor allem entstanden im Bildungssektor ein paar neue Podcast-Reihen.

Da ist erst mal die Podcastreihe des Deutschen Bildungsservers „Bildung auf die Ohren“, die Ihr grade hört, außerdem veröffentlicht das DIPF | Leibniz Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation Podcast-Beiträge in seinem Blog und das Portal für Lehrende und Dozenten in der Weiterbildung wb-web.de hat die Podcast-Reihe potenziaLL ins Leben gerufen, in der interessante Gespräche von Expertinnen und Akteuren in der Erwachsenenbildung zu hören sind.

Soviel zu den Dingen die in 2020 entstanden sind – was wird 2021 kommen? Nun, wir können auf einige interessante Veranstaltungen hoffen und auf deren digitale Präsentation gespannt sein, so wird der Deutsche Weiterbildungstag am 24.03.2021 stattfinden und es ist eine Didacta zu erwarten, die möglicherweise ebenfalls einen starken digitalen Anteil haben wird.

Was würde ich mir fürs kommende Jahr wünschen? Dass zusätzlich zu den ganzen genannten positiven Entwicklungen im digitalen Lernen der soziale Aspekt des Lernens nicht ganz aus dem Blick gerät, sondern in 2021 wieder mehr über die positiven Seiten des gemeinsamen Lernens in einem realen Raum nachgedacht und zu hören bzw. zu lesen sein wird.

Gute Anfänge gibt es hier schon: Über das Weitergeben von Wissen nach einer Onlinefortbildung schreibt Nele Hirsch in einem aktuellen Beitrag auf dem Portal wb-web.de. Sie wirbt hierbei u.a. dafür, das erworbene Wissen gemeinsam praktisch auszuprobieren – kurz: Wissen nicht einfach sammeln und horten, sondern weiter geben und anwenden, also lebendig damit umgehen.

Und sonst? Hoffen wir auf die Impfung, darauf dass sogenannte Querdenker ihren Verstand und ihre Menschlichkeit wiederfinden und einfach auf bessere Zeiten. Auf Wiederhören.


Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Das Redaktionsteam des Deutschen Bildungsservers


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