„Die Lehrkräftebildung benötigt Angebote, die auch Emotionen und Motivation der angehenden Lehrkräfte berücksichtigen.“

Digitalisierung und Organisationsentwicklung im Bildungssektor „Lehrerbildung“ (2/5)

Im zweiten Teil der Podcast-Reihe zum Thema „Digitalisierung und Organisationsentwicklung“ schauen wir auf die Lehrerbildung. Professor Rudolf Kammerl von der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg und Verbundkoordinator des Projekts P3Dig geht im Interview der Frage nach, mit welchen Angeboten Lehramtsstudierende auf das Unterrichten mit digitalen Medien vorbereitet werden können und berichtet von den Herausforderungen bei der Umgestaltung der Curricula.

Lesefassung

Hallo und herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren – dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Mein Name ist Michaela Achenbach. In der heutigen Folge in der Reihe „Digitalisierung und Organisationsentwicklung“ soll es u.a. darum gehen, wie digitales Lernen und Lehren an Grundschulen gelingen kann. Wir schauen außerdem auf die Herausforderungen für der Lehrkräftebildung an den Hochschulen und die Umgestaltung der Curricular im Zuge des digitalen Wandels.
Dazu habe ich mir einen Experten eingeladen: Professor Rudolf Kammerl von der Friedrich Alexander Universität Erlangen Nürnberg. Er ist Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls Pädagogik mit Schwerpunkt Medienpädagogik und außerdem Verbundkoordinator des Projekts P3Dig, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmenprogramm Empirische Bildungsforschung gefördert und vom Metavorhaben „Digitalisierung im Bildungsbereich“ begleitet wird.

Herzlich willkommen Herr Professor Kammerl, schön, dass Sie da sind.

Hallo Frau Achenbach.

Herr Professor Kammerl, Ihr Projekt P3DiG befasst sich mit Grundsatzfragen in der Professionalisierung des pädagogischen Personals für Kinder im Grundschulalter. Was genau ist das Ziel Ihres Forschungsvorhabens und welche zentralen Fragestellungen bearbeiten Sie?

In den Strategien des BMBF und der KMK wird betont, dass bei der Digitalisierung im Bildungsbereich das Primat der Pädagogik gilt; „sie muss den Einsatz digitaler Technik bestimmen, nicht umgekehrt“ (BMBF, 2016, S. 3). Unser Projekt untersucht, wie in der Professionalisierung von Lehrpersonen und außerschulischen Pädagogen für Kinder das Primat des Pädagogischen in der Digitalen Grundbildung adaptiert wird bzw. werden kann.
Dazu erfassen wir Positionen und Konzeptionen für eine „digitale Grundbildung“ des mittleren Kindheitsalters. Sowohl für den schulischen wie den außerschulischen Bereich haben wir Bildungsanforderungen und strukturellen Rahmenbedingungen ihrer Umsetzbarkeit analysiert und empirisch geprüft welche Bedingungskonstellationen in der Professionalisierung von pädagogischen Akteuren (am Beispiel von Lehramtsanwärtern und außerschulischen Fachkräften) zur Entwicklung der Kompetenzen und Einstellungen beitragen.

In Ihrem Projekt untersuchen Sie auch die Gelingensbedingungen. Aus Ihrer Sicht, wie kann digitales Lehren und Lernen an Grundschulen gelingen?

Um das Primat des Pädagogischen zu berücksichtigen, sollten Kinder einfach digital belehrt werden. Es geht vielmehr darum, die Perspektiven und Interessen der Kinder zu berücksichtigen und die Fragen zu beantworten, die diese an digitale Medien und andere digitale Geräte stellen. Es geht darum, entsprechend dem Entwicklungsstand der Kinder und ausgehend von deren Lebenswelten ein Lernen über und mit Medien zu ermöglichen.

In einer von Ihnen initiierten Onlineumfrage konnten sich Grundschullehramtsstudierende und Referendar*innen und Referendare dazu äußern, wie sie Ihre Qualifizierung im Bereich der Digitalen Grundbildung erleben. Gibt es hier schon Ergebnisse?

Ja. Insbesondere in der ersten Phase der Lehrkräftebildung gibt es insgesamt noch zu wenig Verankerung medienpädagogische, mediendidaktischer und informatikdidaktischer Aspekte. Unsere Befunde zeigen auch, dass es Angebote benötigt, welche auch Emotionen und Motivation der angehenden Grundschullehrkräfte berücksichtigen.

Schauen wir einmal auf die Herausforderungen der Lehrkräftebildung an den Hochschulen. Im November 2021 ja ist der zweite Critical Review Band des Metavorhabens Digitalisierung im Bildungsbereich erschienen. Er befasst sich mit der Organisationsentwicklung in Bildungseinrichtungen in Zeiten des digitalen Wandels. Das Critical Review des Autors Marcel Capparozza vom Leibniz-Institut für Wissensmedien thematisiert die Rahmenbedingungen für die curriculare Verankerung mediendidaktischer Kompetenzen im Lehramtsstudium und sucht in der Forschungsliteratur die Antwort auf die Frage „Wie können Hochschulen Curricula umgestalten, damit Lehramtsstudierende auf das Unterrichten mit digitalen Medien vorbereitet werden?“ Welche Rolle spielen personelle und finanzielle Ressourcen für die Umgestaltung an Ihrer Hochschule?

In Bayern wurden in der Lehramtsprüfungsordnung LPO I die Prüfungsanforderungen entsprechend geändert und an alle lehrkräftebildenden Universitäten DigiLLabs eingerichtet. Diese Labore für digitales Lehren und Lernen und die damit verbundenen Ressourcen bieten die notwendigen infrastrukturellen und personellen Grundlagen die erforderlich sind, allen Lehramtsstudierenden Angebote zur Bildung in einer digitalen Welt zu machen.

Welche Angebote bieten Sie Lehramtsstudierenden, um sie auf das Unterrichten mit digitalen Medien vorzubereiten?

An der FAU sind wird dabei, medienpädagogische und mediendidaktische Grundlagen für alle obligatorisch zu verankern und darüber hinaus Profilierungsmöglichkeiten in Form eines Zertifikats und mit den Erweiterungsfächern Medienpädagogik und Informatik auszubauen. Darüber hinaus bieten wir auch zusätzlich Angebote, um die eigene Medienkompetenz auszubauen.

Wie können Theorie und Praxis im Lehramtsstudium verbunden werden?

Da gibt es viele Möglichkeiten. Neben angeleiteten Praktika, Exkursionen und dem Einbezug von Fallbeispielen in der Lehre spielt bei uns auch das didaktische Doppeldeckerprinzip eine Rolle. Wir haben eine technische und digitale Infrastruktur eingerichtet, mit denen wir Tablet-, Notebookklassen und BYOD nachbilden können, wie sie in Schulen auffindbar sind. Damit können die Studierenden auch in Seminaren, in denen Theorie und Forschung im Mittelpunkt stehen praktische Aspekte bei der Gestaltung von digitalen Lernumgebungen erlernen.

Welche Rolle spielt die Heterogenität (z.B. in Bezug auf Kompetenzen und Einstellungen) unter Lehramtsstudierenden für die Umgestaltung der Curricula?

Es ist absolut bedeutsam, den unterschiedlichen Ausgangständen Rechnung zu tragen. Leider bringen nicht alle Studienanfänger die grundlegende Medienkompetenz mit auf der die weitere Professionalisierung aufbauen musst. Über verpflichtenden Module hinaus sind deshalb optionale Angebote nötig um hier nachholen zu können. Einige Lehramtsstudierende zeigen auch Ängste und Vorbehalte. Es ist deshalb wichtig, sie hier abzuholen und Lernmöglichkeiten zu bieten, bei denen Spaß, die originelle Umsetzung einer didaktischen Idee und schnelle Erfolgserlebnisse ermöglicht werden.

Als Ausblick: Welche Schritte werden zukünftig noch gegangen, um das Curriculum an Ihrer Hochschule umzugestalten?

Wir besetzen derzeit eine Professur für Schulpädagogik mit Schwerpunkt Digitalisierung im Unterricht und werden uns Angebot im Profilbereich Digitale Bildung weiter ausbauen. Auch ein neuen Masterstudienangebot ist geplant.

Lieber Herr Professor Kammerl, ich danke Ihnen herzlich für dieses interessante Gespräch und den Einblick in Ihre Forschung und Praxis, sage allen Zuhörerinnen und Zuhörern danke für Ihre Zeit und Ihr Interesse und bis zum nächsten Mal bei „Bildung auf die Ohren“.


Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Michaela Achenbach für Deutscher Bildungsserver



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