„Erzieherinnen dürfen die Lebenswelt der Kinder nicht ausklammern“

In der Elementarpädagogik werden Fortbildungen zur Medienpädagogik dringend benötigt.

In Folge zwei unserer Reihe zur Förderung von Medienkompetenz erklärt Kathrin Demmler vom JFF-Institut für Medienpädagogik, welche Kompetenzen und welche Ausstattung in der Kita für eine gute Medienpädagogik notwendig sind.

Porträt Kathrin DemmlerINTERVIEW mit Kathrin Demmler vom JFF- Institut für Medienpädagogik, die Inhouse-Fortbildungen für Kita-Teams, eine angemessene Ausstattung mit digitalen Geräten und individuelle medienpädagogische Fortbildungen für Erzieherinnen zu speziellen Themen wie Trickfilm oder Sprachförderung fordert. Erkenntnis und Interesse seien da, trotz eines oft erdrückenden Arbeitsalltags, mangelnder Ausstattung und Personalproblemen, sagt die Direktorin des JFF- Institut für Medienpädagogik.

Frau Demmler, der Einsatz von Smartphones und Tablets war in der Kita lange Zeit tabu. Hat sich hier durch Corona etwas verändert?

Medien haben auf Kinder schon immer eine große Faszination ausgeübt. Auch für die heutige Elterngeneration waren Medien im Aufwachsen prägend und faszinierend. Die Kita war aber lange ein Schonraum, in dem man mit Medien nichts zu tun haben wollte. Aus unserer Sicht ein Fehler, denn die Auseinandersetzung mit Medien ist wichtig! Als dann Tablets und Smartphones in großer Breite in die Familien kamen, hatten auch die Kinder damit zu tun – ob wir es wollten oder nicht. Das führte dazu, dass viele der Meinung waren,  die Geräte in den Familien okay sind, die Kita aber ein Schonraum bleiben sollte. Einige waren aber auch der Meinung, wenn digitale Medien in den Familien so präsent sind, müssen sie auch in den Kitas Eingang finden. Der Corona-Lockdown verstärkte diese Meinung, da der Kontakt mit den Kindern nur noch via Internet möglich war. Das hat nicht nur was in der Wahrnehmung der Eltern verändert, sondern auch bei den Erzieherinnen und Erziehern. Die Kitas haben sich also auf den Weg gemacht und überlegt, wie sie den Kontakt zu den Kindern aufrechterhalten können und eingesehen, dass sie sich mit den Geräten auseinandersetzen müssen.

Es gibt zwei wichtige Entwicklungslinien: Die hohe Präsenz mobiler Endgeräte in Familien und die Kontakteinschränkungen durch Corona.

Bis auf zwei Wochen, in denen sie geschlossen waren, mussten die Kitas ja eine Notbetreuung gewährleisten. Das heißt, ein Teil der Erzieherinnen war in der Einrichtung und hat meist mit einem privaten Tablet oder Smartphone mit den verbleibenden Kindern den kleinen Morgenkreis mithilfe einer privaten Zoomlizenz via Internet übertragen. Man hat halt versucht zu machen, was möglich ist – mit einer mangelhaften Ausstattung, mangelhaften Fortbildungen und mangelhafter Unterstützung. Sie haben zum Teil wirklich rührende Youtubeclips mit Bastelanleitungen und -es war ja Ostern – Anleitungen zum Färben von Ostereiern erstellt.

Wo sehen Sie denn die Chancen beim Einsatz von digitalen Medien in Kitas?

Die zentrale Aufgabe für Kitas aus meiner Sicht ist es, Kinder kompetent zu begleiten. Dies kann auf unterschiedliche Art und Weise geschehen. Digitale Medien ermöglichen Reflexion in der Gemeinschaft, also zu sehen: Was hat mir Angst gemacht? Was macht mir Freude? Wo habe ich Spaß? Wo kann ich gemeinsam lachen? Wo kann ich Informationen finden? Gerade kleinen Kindern bieten sie wunderbare Möglichkeiten auf Entdeckungsreise zu gehen. Es gibt zum Beispiel tolle digitale Mikroskope, mit denen ich mir ganz genau ein Blatt anschauen kann. Medien können und sollen ein ganz normales Werkzeug im Jahresreigen der Kita sein: Wenn ein Ausflug in eine Bäckerei angesagt ist, können die Kinder Fotos machen und anderen Kindern oder den Eltern zeigen. Medien eignen sich also zur Reflexion, zur Information und für Entdeckungen, aber auch für Elternteilhabe am Kita-Alltag. Auch in der Sprachförderung mit Medien liegen große Potenziale, zum Beispiel, wenn Kinder kleine Geschichten erzählen. Und nicht zuletzt können digitale Medien auch den Erzieherinnen den Arbeitsalltag erleichtern. Es gibt wunderbare Tools mit denen sie ihre Dokumentationsaufgaben tabletgestützt erledigen können und dann mehr Zeit für die Kinder haben.

„Die pädagogische Arbeit mit Medien hat nur Vorteile.“

Was macht gute Medienpädagogik in der Kita aus?

Der Einsatz von digitalen Medien darf nicht dem Zufall überlassen werden, sondern sollte geplant sein! Es muss nicht gleich der große Masterplan sein. Wir tendieren dazu – und das prägt ja unsere gesamte Bildungslandschaft – einen ganz großen Wurf machen zu wollen. Das führt dazu, dass wir viel zu spät oder gar nicht erst starten. Für eine Einrichtung sind deshalb die zentralen Fragen erst mal: Was will ich mit den digitalen Geräten? Wie will ich sie integrieren? Will ich allen Kindern gleichzeitig Zugang bieten – also neben der Lego-Ecke eben eine Medien-Ecke einrichten? Soll es eher Projekttage geben, oder will ich eine Medien AG? Ich muss also die Form des Medieneinsatzes geklärt haben und dann nach der zentralen Zielsetzung fragen: Was will ich erreichen? Dabei geht es um die Förderung von Medienkompetenz und was das genau bedeutet. Man sollte sich drei Dimensionen der Medienkompetenz vergegenwärtigen. Erstens „Reflexion“: Was mache ich als Erzieherin oder Erzieher mit digitalen Medien? Was kenne ich schon? Was bringe ich mit in die Kita? Um herauszufinden, was die Kinder an Know-how und Wissen über Medien mitbringen, gibt es so wunderbare Möglichkeiten wie die „Helden-Wäscheleine“ – da bringen Kinder aus Magazinen ausgeschnittene Medienfiguren mit und hängen sie für alle sichtbar auf. Zweitens „Wissen“: dazu gehört bei Kindern erst mal dazu, dass sie die Medien nehmen und wieder weglegen, dass sie sie anschalten und wieder ausschalten; auch wie man mit den Geräten umgeht und dass man gemeinsam etwas damit machen kann. Man fängt also ganz basal an, bevor man selbst ins Handeln kommt und die Kinder selbst Fotos machen oder eine Geschichte erzählen lässt. Dieser kreative Umgang mit Medien, also das „Gestalten“ ist die dritte Dimension der Medienkompetenz.

„Gute Medienpädagogik in der Kita ist geplant und zielgerichtet.“

Am besten ist Medienpädagogik in der Kita, wenn sie sinnvoll in den Alltag integriert ist. Im Oktober steht vielleicht der Herbst im Mittelpunkt. Das Kita-Team könnte also die Hecke zum Thema machen, sie gemeinsam mit den Kindern genau anschauen, Fotos davon machen und dann ausdrucken. Oder die Kinder machen eine Entdeckungstour durch die eigene Einrichtung und zeigen sie den neuen Kindern am Anfang des nächsten Kindergartenjahres. Ein ganz zentraler Aspekt dabei ist, den Mehrwert von Medien und digitalen Geräten für die Einrichtung zu erkennen und zu definieren.

Welche medienpädagogischen Kompetenzen benötigen Erzieherinnen und Erzieher dafür?

Wir erleben immer noch, dass die Fachkräfte in dem Bereich sehr stark unterscheiden zwischen dem, was sie privat mit Medien machen und dem, wie sie Medien beruflich einsetzen. Oft wird die private Nutzung nicht in den direkten Bezug zum Berufsalltag gesetzt. Das heißt zu schauen, was bringe ich schon mit, was macht mir Spaß? Für viele junge Erzieherinnen und Erzieher ist es völlig selbstverständlich Fotos zu machen und sie zu bearbeiten. Aber dies auch gemeinsam oder im Umgang mit den Kindern einzusetzen, dafür ist die Diskrepanz oft zu groß. Darum ist es sehr wichtig, sich klar zu machen, was ich als Erzieherin, als Erzieher kann und können will. Diese Erkenntnis sollte idealerweise vor einer Fortbildung stehen.

„Erzieherinnen und Erzieher haben die Kompetenz: Sie wissen was, die Kinder können und bringen auf dem Gebiet ganz viel mit.“

Was empfehlen Sie Einrichtungen der Kindertagesbetreuung, wenn Sie nach Fortbildungen gefragt werden?

Dass sich das Team als Ganzes klar macht, wie es zu den digitalen Medien steht. Medienbildung kann nicht die Aufgabe einer einzelnen Erzieherin sein, ich muss als Team eine Haltung dazu haben. Erst wenn die Einzelnen sich Gedanken gemacht haben, das Team dann eine grobe Linie festgelegt hat, erst dann sollte man sich fragen, welche Fortbildung man braucht.

„Wir brauchen dringend mehr Fortbildungen – vor allem im Bereich der Medienpädagogik.“

Aus medienpädagogischer Sicht sind Inhouse-Fortbildungen für das ganze Team das Nonplusultra! Beispielweise kann an einem Weiterbildungstag jemand in die Kita kommen und dort eine auf die Bedürfnisse des ganzen Teams maßgeschneiderte Fortbildung anbieten. Das hat den Vorteil, dass man am Ende als Team gemeinsam feststellen kann, was alle zusammen gelernt haben, was sie mitnehmen können, und wie sie etwas umsetzen wollen. Das ist möglich, muss aber in der Breite auch gewollt und finanziert werden. Solche Fortbildungen helfen viel bei der Reflexion über Medien und beim Erarbeiten eines Konzepts für die Einrichtung. Um sinnvoll medienpädagogisch arbeiten zu können, brauchen Kitas aber auch die passenden Geräte. Und eben an dieser Ausstattung hapert es. Da haben wir es mit einem ganz großen Mangel zu tun und auch mit einer mangelnden Bereitschaft vieler Träger. Aber diese Ausstattung mit digitalen Endgeräten gehört für Kitas heute dazu. Das muss nicht immer der ganz große Fuhrpark sein, aber je nachdem, ob es sich um eine kleine Initiativ-Kita oder eine große Einrichtung mit 300 Kindern handelt, ist eine vernünftige Anzahl an Tablets und ein Beamer notwendig – um Videos und Fotos anschauen zu können, auch Lautsprecher, damit der Ton ordentlich zu hören ist und vielleicht noch zwei, drei nette Dinge wie eben dieses digitale Mikroskop, das es schon für 30 € gibt. Das muss im Etat drin sein. Also: Inhouse-Fortbildungen, eine angemessene Ausstattung mit digitalen Geräten und darüber hinaus die Möglichkeit für einzelne Erzieherinnen eine Spezialfortbildung beispielsweise zu Trickfilmarbeit oder zum Thema Sprachförderung zu besuchen.

Bietet denn das JFF Weiterbildungen an?

Ja, wir bieten Inhouse-Fortbildungen an, aber nicht bundesweit und auch nicht in aller Breite. In Bayern arbeiten wir beispielweise mit dem Staatsinstitut für Frühpädagogik zusammen, das im Rahmen der Kampagne „Startchance Kita digital“ versucht, Kitas in Bayern medienpädagogisch fortzubilden. Auch mit anderen Einrichtungen oder Trägern aus dem Bundesgebiet, die einen Schritt weitergehen wollen, arbeiten wir immer mal wieder modellhaft zusammen und entwickeln gemeinsam Konzepte, die dann auch in der Breite zu den einzelnen Einrichtungen gelangen. Es gibt ja einen riesigen Nachholbedarf, dem müssen wir jetzt nachkommen! Diese Vorsicht und Haltung, dass Kita ein Schonraum bleiben soll, verkennt die Realität. Natürlich soll es so viele Schonräume geben wie irgend möglich, aber das bedeutet nicht, die Lebenswelt auszuklammern.

„Erzieherinnen dürfen die Lebenswelt der Kinder nicht ausklammern.“

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Demmler!


Kathrin Demmler ist studierte Grundschullehrerin, seit 2010 Direktorin des JFF- Institut für Medienpädagogik und seit Mai 2017 Mitherausgeberin von merz | medien+erziehung und der Zeitschrift für Medienpädagogik.


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver.

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