„Ich wünsche mir, dass die etwas angestaubte Bildungspolitik entstaubt wird.“

Julia Friedmann über ihr Engagement als eine der jüngsten Teilnehmerinnen beim Bürgerrat Bildung und Lernen

Der Bürgerrat Bildung und Lernen ist ein Projekt der Montag Stiftung Denkwerkstatt. In insgesamt drei Durchläufen bringen die Organisatoren Menschen zusammen, um gemeinsam Lösungen und Ideen für eine zukunftsfähige Bildungspolitik zu entwickeln. Der erste Durchlauf hat im Herbst 2020 begonnen, die Rückmeldungen aus Online-Dialog und Vorbereitungsworkshop werden beim zweitägigen Bürger- und Jugendforum am 28. und 29. Mai 2021 diskutiert.

Porträt Julia Friedmann

Foto: privat. CC BY-NC-ND

FRAGEN AN Julia Friedmann aus München, die beim Bürgerrat Bildung und Lernen eine der jüngsten Teilnehmerinnen war. Sie hat im Sommer 2020 Abitur gemacht, ist 19 Jahre alt und gerade in der Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau. Im Bürgerrat  setzte sie sich vor allem dafür ein, dass Lehrkräfte flexibler und motivierter im Einsatz von digitalen Medien im Unterricht werden und auch Themen wie Demokratiebildung in den Fokus rücken. Am meisten beeindruckt hat sie dabei, dass alle auf Augenhöhe miteinander gesprochen haben.

Frau Friedmann, wie sind Sie zum Bürgerrat Bildung gekommen?

Anfang März wurde ich von einer netten Frau angerufen, die mich nach meinem Beruf und meinem Alter gefragt hat und ob ich politisch interessiert sei. Ich bin neugierig geworden und habe mir ausführlichere Informationen zuschicken lassen – bis dahin hatte ich noch nie von einem Bürgerrat gehört. Ich fand es spannend, als normaler Mensch ein bisschen Politik zu machen. Also habe ich zugesagt und wurde zum Vorbereitungsworkshop am 20. März eingeladen.

Der Bürgerrat Bildung und Lernen wurde von der Montag Stiftung Denkwerkstatt in Bonn ins Leben gerufen.

Waren Sie vorher schon politisch aktiv?

Nein, ich war politisch bisher nicht engagiert, auch nicht als Schulsprecherin oder ähnliches. Das hat mich nie gereizt. Aber als ich so konkret angesprochen wurde, dachte ich: Wenn ich das nicht mache, wer macht es dann? Es war eine einmalige Chance, selbst aktiv zu werden und ein bisschen Einfluss zu nehmen. Und obwohl ich aus dem Thema Schulbildung fast raus bin, habe ich doch einen ganz anderen Blickwinkel als jemand, der seit 30 Jahren keine Schule mehr von innen gesehen hat.

„Wenn ich das nicht mache, wer macht es dann?“

Erzählen Sie uns vom Vorbereitungsworkshop.

Noch bevor die eigentlichen Workshops anfingen, wurden über einen Online-Aufruf Themen und Ideen für den Bürgerrat Bildung gesammelt und eingereicht. Diese bildeten den Input für den Vorbereitungsworkshop mit rund 20 zufällig ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern. Dort haben wir die Vorschläge zusammen mit unseren eigenen Fragen diskutiert. Aus dem Online-Dialog haben wir zum Beispiel gleich das Thema Chancengleichheit übernommen. In einem nächsten Schritt sollten wir aus unserer Diskussion acht Themen herausfiltern und mithilfe von Leitfragen konkretisieren. Diese sollen im großen Bürger- und Jugendforum, das am 28. und 29. Mai 2021 mit über 500 Teilnehmenden stattfindet, als Denkanstoß dienen; dort werden dann konkrete Beschlüsse diskutiert und Vorschläge ausgearbeitet.

Wie war der Workshop organisiert?

Zu Anfang gab es einen Denkanstoß, bei dem zwei Wissenschaftlerinnen ihre Sicht auf das Thema Hochschulbildung / universitäre Ausbildung und das Thema Schule geschildert haben. Dann wurden wir in Kleingruppen, so genannte Themenausschüsse, von drei bis fünf Leuten aufgeteilt. In denen haben wir die Themen, die uns persönlich interessierten, diskutiert und für das gemeinsame Plenum kurz zusammengefasst. Da waren Fragen zur Schulbildung, zur Erwachsenenbildung und auch zur besonderen Förderung dabei. Über eine interaktive Plattform haben wir im Plenum über die Themen abgestimmt und die Schulbildung war dann das größte gemeinsame Interessenfeld.

In noch einmal anders zusammengesetzten Kleingruppen haben wir die Themen konkretisiert und über gute Leitfragen nachgedacht. Es wurde lange darüber diskutiert, wie man sie so formulieren kann, dass auch Außenstehende sie verstehen und sich in unsere dahinterliegenden Gedankengänge einfühlen können.

Der Bürgerrat Bildung und Lernen

Der Bürgerrat Bildung und Lernen startete mit einem offenen Online-Forum zum Austausch von Ideen vom 13. Oktober 2020 bis Ende Februar 2021. Am 19. und 20. März 2021 fand ein Vorbereitungsworkshop statt, in den die Themen und Ideen aus den Online-Dialogen eingeflossen sind. Aus diesen entwickeln zufällig ausgewählte Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Bürger- und Jugendforum und im Bürgerrat konkrete Empfehlungen für die Bildungspolitik. Diese Empfehlungen werden auf einem Bürgergipfel mit Verantwortlichen aus Bund, Ländern und Kommunen diskutiert.
Um die Perspektiven junger Menschen im Bürgerrat zu repräsentieren, findet im Rahmen des Bürger- und Jugendforums über die Beteiligung junger Menschen in den altersgemischten Gruppen hinaus ein Jugendforum statt. Es ist jungen Menschen ab 16 vorbehalten. Für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren sind eigene Werkstätten vorgesehen.

Es ging also nur um das Lernen in der Schule?

Nicht nur. Am Ende standen ziemlich viele Themen fest – zum Beispiel Chancengleichheit, Digitalisierung und Demokratieförderung, aber auch Aspekte wie Ressourcen und Ausstattung, Lehrkräfte und Erzieher*innen, individuelles, ganzheitliches Lernen und Lernkultur oder die Frage, wie man das Bildungssystem harmonisieren und vernetzen kann. Das war für einen einzelnen Workshop natürlich ein breites Feld, dennoch finde ich die Themenauswahl sehr reduziert. Es gibt so viel mehr Themen, die man noch ansprechen könnte! Hoffentlich bietet sich das im Diskurs beim nächsten Treffen an. Das würde ich mir zumindest wünschen.

Welches Thema hat Sie besonders interessiert?

Ich fand und finde die Demokratieförderung in Bildungseinrichtungen, vor allem in Schulen wichtig. Das Thema ist vielleicht ein bisschen abstrakt, aber es ist – stellvertretend für alle anderen ausgewählten Themen – ein gutes Beispiel dafür, wie wir diskutiert haben. Unsere erste Frage in der Gruppe war: Was bedeutet Demokratie eigentlich für uns? Was gehört alles zu diesem Thema? Welche unterschiedlichen Vorstellungen gibt es dazu – und müssen wir die ausarbeiten? Welche Richtung wollen wir einschlagen? Was kann man realistisch einfordern, was nicht? Meine Kleingruppe bestand fast nur aus ehemaligen Lehrern, die alle natürlich sehr genaue Vorstellungen hatten und auch Erfahrungen aus ihrem eigenen Unterricht mitbrachten. Letztlich stand dann die Frage, wie man Schüler, egal welchen Alters, dazu bringt darüber (über Demokratie) nachzudenken im Mittelpunkt: Wir haben also überlegt, wie oder mit welchen Materialien man das Nachdenken darüber unterstützen kann und auch wie das Lehrpersonal geschult werden muss.

Wie war das für Sie – mit so vielen Lehrern in einer Gruppe?

Als es darum ging, dass vielleicht auch an der Lehrerbildung gearbeitet werden müsste, habe ich mich schon in die Defensive gedrängt gefühlt. Mir wurde erwidert, dass Lehrkräfte bereits sehr viele Werkzeuge an der Hand hätten, um demokratisches Bewusstsein zu fördern; problematisch seien eher die mangelnde Zeit oder fehlende finanzielle Mittel. Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt oder nicht – ich kenne ja nur die Schülerperspektive. Da stand ich schon ziemlich alleine da … klar war jeder auch selbst in der Schule oder hat Kinder oder Enkelkinder … aber die Sichtweise der Schülerinnen und Schüler war wirklich kaum vertreten. Die meisten Teilnehmer waren meiner Einschätzung nach bereits 50plus. Ich war in meiner Gruppe mit Abstand die Jüngste – die Zweitjüngste, mit der ich zu tun hatte, war Mitte 30. Unsere Gemeinsamkeit war vor allem die reibungslose Schullaufbahn. Einmal habe ich auch darauf hingewiesen, dass wir zum Großteil ohne akademische Stolpersteine oder irgendwelche Benachteiligungen aufgewachsen sind und deshalb aufpassen sollten, nicht zu einseitig zu diskutieren; ich finde es schwierig über Forderungen oder Förderungen zu sprechen, ohne je selbst auf Unterstützung angewiesen gewesen zu sein. Deshalb hatte ich auch Bedenken, dass am Ende die Perspektive der Lehrer dominieren würde, die ja fast alle einen akademischen Werdegang haben. Zum Glück haben die Moderatoren aufgepasst, dass es nicht zu extrem wurde (lacht).

„Ich hatte Bedenken, dass am Ende die Perspektive der Lehrer dominieren würde.“

Die Themenfindung

In einem ersten Schritt wurden die rund 100 Ideen von mehr als 200 Teilnehmenden aus dem Online-Dialog zu „Top-Themen“ wie Inklusion, Digitales Lernen und Chancengleichheit geclustert. Diese Themen wurden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Vorbereitungsworkshops in so genannten „Themenausschüssen“ weiter diskutiert. Die dabei formulierten Leitfragen bilden die Grundlage für das digitale zweitägige Bürger- und Jugendforum am 28. und 29. Mai 2021.

Was hat Sie besonders bewegt?

Mich hat tatsächlich beeindruckt, dass wir auf Augenhöhe miteinander gesprochen haben! Normalerweise bin ich nicht der Mensch, der mit fremden Leuten offene Diskussionen führt. Aber wir hatten ein gemeinsames Thema und ein gemeinsames Ziel. Mein Eindruck war, dass es den meisten egal war, dass ich erst 19 bin und nicht drei Minuten brauche, um meinen Werdegang in Worte zu fassen (lacht). Natürlich gab es auch Menschen, die mir das Gefühl gaben, mir fehle die Lebenserfahrung oder ich sähe etwas zu einseitig. Das möchte ich auch gar nicht abstreiten, aber ich habe meine Erfahrung eben als Schülerin und nicht als Lehrerin gemacht!

Würden Sie am Ablauf etwas ändern wollen?

Ich finde, dass in Zukunft das Auswahlsystem geändert werden könnte: Diejenigen, die für den Jugendrat eine Einladung erhalten, sollten auch automatisch bei der Vorbereitung zum Bürgerrat dabei sein. Einfach wegen der besseren Altersdurchmischung. Auch das Auswahlverfahren per Telefon halte ich für schwierig, weil viele Leute halt um fünf Uhr nachmittags noch arbeiten und einfach nicht ans Telefon gehen können. Ich hatte in der Woche zum Glück Schule, sonst hätte ich den Anruf verpasst. Insgesamt ist alles aber sehr gut organisiert gewesen.

Was versprechen Sie sich vom Bürgerrat Bildung?

Dass die etwas angestaubte Bildungspolitik entstaubt wird und ein paar unserer Beschlüsse umgesetzt werden. Zum Beispiel die Demokratieförderung an Schulen. In meinem Gymnasium beispielsweise war das mit dem Politikunterricht 2018 schon schwierig – unser Schulbuch war damals von 2008! Ich wünsche mir also, dass Lehrer sich weiterbilden, sie flexibler werden und auch von sich aus Spaß entwickeln mit aktuelleren Medien zu arbeiten. Und dass Beschlüsse, die schon länger in der Schublade liegen, wieder aufgegriffen werden und es nicht wieder heißt: Langsam, langsam, wir haben vorher noch drei andere wichtige Themen zu erledigen. Einiges kann man sicher auch parallel angehen – zum Beispiel die Digitalisierung oder eben die Demokratiebildung. Wenn die Politik unsere Beschlüsse als Denkanstöße annehmen würde, wäre ich schon zufrieden!

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Friedmann!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


 

1 Kommentare

  1. Toller Beitrag! Man kann das Thema nicht oft genug ansprechen! Zeigt die aktuelle Lage mehr denn je! Vllt. ist das alles auch ein Anstoß. Es wäre den nächsten Generationen zu wünschen!

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