Was verstehen wir unter Bildungsgerechtigkeit?

Ein Überblick über Ungerechtigkeiten in früher Bildung und Schule, beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Studium und in der Weiterbildung.

Mit der Corona-Pandemie, den Schulschließungen und dem digitalen Fernunterricht ist das Thema Bildungsgerechtigkeit mit Wucht in die öffentliche bildungspolitische Diskussion zurückgekehrt. Doch was genau meint eigentlich Bildungsgerechtigkeit? Im ersten Beitrag unserer Podcast-Reihe zu Bildungsgerechtigkeit hat Christine Schumann fünf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefragt, wo sie in der frühen Bildung, in der Schule, beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Studium und in der Weiterbildung Ungerechtigkeiten identifiziert haben. Und mit welchen Ansätzen man ihnen entgegenwirken kann.

Linkempfehlungen zum Beitrag

Elementarbildung

Schule

Berufliche Bildung

Hochschulbildung

Weiterbildung

Fachliteratur


Lesefassung des Podcasts

Bildungsgerechtigkeit – wie nähert man sich diesem Thema, das spätestens mit der Corona-Pandemie, den Schulschließungen und dem digitalen Fernunterricht mit Wucht in die öffentliche bildungspolitische Diskussion zurückgekehrt ist? Über eine grundlegende Definition oder Erklärung, was darunter genau zu verstehen ist? Über die Betrachtung von Gruppen, denen Bildungschancen verwehrt bleiben – zum Beispiel von Kindern mit schwierigem sozio-ökonomischen Hintergrund oder Kindern aus geflüchteten Familien?
Man könnte sich auch fragen, wie Geschlechterzugehörigkeit, Sprachvermögen oder auch geistige und körperliche Beeinträchtigungen den Bildungs- und Lebensverlauf eines Menschen prägen – und welche Ungerechtigkeiten damit einhergehen.

Guten Tag und herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren, dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Mein Name ist Christine Schumann. Im ersten Podcast unserer Reihe zu Bildungsgerechtigkeit habe ich mich auf die Suche gemacht, wo sich in den einzelnen Bildungsbereichen Ungerechtigkeiten zeigen.

Das Thema ist unübersichtlich und – ja, in gewisser Weise auch überfrachtet. Bildung, so sagt es Heinz-Elmar Tenorth im Interview mit der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ vom März 2021, werde überschätzt – sie erzeuge immer Differenz und löse auch kein gesellschaftliches Problem, auch nicht den Umbau der Sozialstruktur. Schon linke Sozialdemokraten vor hundert Jahren hätten vor einem „Bildungswahn“ gewarnt, der darin bestehe, die politisch-ökonomische Herstellung einer gerechten Nation zu versäumen und alle Hoffnung in die Bildung zu setzen, sagt der Bildungshistoriker.

Wenn an Bildung seit jeher so hohe Ansprüche gestellt werden, verwundert es auch nicht, dass Bildungsgerechtigkeit ein so schwer einzugrenzendes Thema ist.

Also, was tun, wenn man in der Redaktion des Deutschen Bildungsservers beschlossen hat, eine Podcast-Reihe zum Thema Bildungsgerechtigkeit zu produzieren? Nach einer ersten Recherche habe ich fünf Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftler gefragt, wo sie in der frühen Bildung, in der Schule, beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Studium und in der Weiterbildung Ungerechtigkeiten identifiziert haben. Und mit welchen Ansätzen man ihnen entgegenwirken kann. Beginnen will ich mit Hans Anand Pant, dem Direktor der Deutschen Schulakademie. Er erläutert den Begriff der „Bildungsgerechtigkeit“ und unterscheidet seine verschiedenen Ebenen aus erziehungswissenschaftlicher Sicht.

O-Ton Prof. Dr. Hans Anand Pant (3.45min)

„Was bedeutet eigentlich Bildungsgerechtigkeit?“ Ausschnitt aus einer Liveübertragung eines Vortrags von Prof. Dr. Hans Anand Pant in der Reihe „Digitale Impulse für Schulentwicklung“ (26. Mai 2020) der Deutschen Schulakademie. (CC BY 4.0-Lizenz)

Tja, was meinen wir eigentlich mit Gerechtigkeit? Teilhabegerechtigkeit? Leistungsgerechtigkeit? Anerkennungsgerechtigkeit? Tanja Betz,Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Kindheitsforschung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, unterscheidet im Bereich der frühen Bildung mehrere Faktoren, die zu einer Ungleichbehandlung von Kindern führen; wenn man so will, kann man die von ihr angeführten Aspekte vor allem der Teilhabegerechtigkeit zuordnen, denn vor allem der Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Kindertagesbetreuung ist vielen Eltern verwehrt. Aber auch die Qualität der Beziehungen zwischen Erzieherinnen, Kindern und Eltern spielen für die Kindheitsforscherin eine wichtige Rolle – genauso wie die Auswahl und Qualifizierung des pädagogischen Personals.

O-Ton Prof. Dr. Tanja Betz

Gibt es erfolgversprechende Ansätze, diesen ungleichen und letztlich ungerechten Rahmenbedingungen und Verhaltensweisen entgegenzuwirken?

O-Ton Prof. Dr. Tanja Betz

Weiß man denn schon was über die Wirksamkeit solcher Fortbildungen?

O-Ton Prof. Dr. Tanja Betz

Grundsätzlich empfiehlt Frau Betz, beim Thema Bildungsgerechtigkeit im Elementarbereich den Blick zu weiten und nicht nur die Kindertagesbetreuung, sondern das gesamte Umfeld des Kindes anzuschauen. Also die familiäre Situation, die sozialen Strukturen und das politische Gefüge.

Auch im Bereich der beruflichen Ausbildung sind es mehr Faktoren als soziale Herkunft, Migrationshintergrund und Geschlecht, die zu Bildungsungerechtigkeiten führen. Da gibt es das Sprachvermögen, die Ambitionen, das regionale Arbeitsplatzangebot und viele wechselseitige Abhängigkeiten. Warum die Sache mit dem Übergang von der Schule zur Ausbildung so komplex ist, erklärt Dr. Katharina Wessling, Forschungskoordinatorin beim BIBB:

O-Ton Dr. Katharina Wessling

Das ist sind ja recht viele Faktoren, die einen gelungenen Übergang von der Schule zur Berufsausbildung markieren. Wie kann man denn angesichts einer so komplexen Situation, mit konkreten Maßnahmen entgegensteuern?

O-Ton Dr. Katharina Wessling

Also, Kinder, deren Eltern eine Berufsausbildung absolviert haben, haben bessere Chancen, weil ihnen das System der berufsbildenden Ausbildung vertraut ist und sie mehr Berufe kennen. Migrantin oder migrantischer Herkunft zu sein ist kein Faktor, der zwangsläufig zu Ungerechtigkeit bei der Ausbildungssuche führt – es ist die niedrigere soziale Herkunft, die für Probleme sorgt und oft auch mit Informationsdefiziten und schlechterer Sprachbeherrschung einhergeht. Und es sind Umfeldmerkmale wie soziale Beziehungen, der Wohnort, die Schule oder der Ausbildungsmarkt in der Region, die zu Bildungsungerechtigkeiten führen.

Für Prof. Axel Plünnecke vom IW Köln beginnt die eigentliche Bildungsungerechtigkeit schon viel früher – in der frühkindlichen Bildung und in der Schule. Bevor man an eine Hochschule oder Universität gelangt, hat ja bereits ein Ausleseprozess stattgefunden. Beim Übergang von der Schule oder vom Beruf in eine Hochschule fallen ihm vor allem die unterschiedlichen Kompetenzen der Studienanfänger auf. Um den Wissensstand anzugleichen, empfiehlt Axel Plünnecke deshalb, Mentoringprogramme einzusetzen und Brückenkurse für diejenigen zu konzipieren, die aus einem Beruf heraus ein Studium beginnen. Für ihn sind das die wichtigsten Maßnahmen, um die Durchlässigkeit zwischen Schule und Hochschule und zwischen Beruf und Hochschule zu kompensieren.

O-Ton Prof. Dr. Axel Plünnecke

Was können oder müssen solche Mentoring-Programme leisten?

O-Ton Prof. Dr. Axel Plünnecke

Studiengebühren als Bildungshürde haben wir in Deutschland ja nicht. Aber ist nicht dennoch die Frage der Studienfinanzierung im Hinblick auf Bildungsgerechtigkeit wichtig?

O-Ton Prof. Dr. Axel Plünnecke

Und wie sieht es mit den Ungerechtigkeiten in der Weiterbildung aus? Das habe ich Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (fibs) gefragt. Er geht das Thema von einer anderen Seite an und nimmt vor allem die Menschen in den Blick, die man bislang mit Weiterbildung nicht erreichen konnte, für die sie aber besonders wichtig wäre. Nämlich die Geringqualifizierten. Wenn man diese Gruppe zum Weiterlernen motivieren will, darf man Weiterbildungsangebote nicht schulähnlich aufbauen, sagt er. Der Direktor des Forschungsinstituts geht davon aus, dass Geringqualifizierte schon früh die Erfahrung gemacht haben, dass Schule eben nichts für sie sei – und sie deshalb auch keinen oder einen schlechten Schulabschluss gemacht haben. Dazu kommen noch einige weitere Hürden – darunter auch bürokratische.

O-Ton Dr. Dieter Dohmen, Direktor fibs

Das war ein sehr kompakter Strauß von Hürden, den Herr Dohmen da präsentiert hat. Wie kann man sie abbauen? Indem man den Zugang zu Weiterbildung grundsätzlich niedrigschwellig hält, also Anträge verständlicher und weniger bürokratisch formuliert. Und indem man den Einzelnen mit seinen Lerninteressen, seiner Motivation und seinen Kapazitäten in den Blick nimmt und Lehrende in der Weiterbildung eher zu Lernbegleitern ausbildet. Auch Gamification-Ansätze können helfen und – ganz wichtig – eine höhere Wertschätzung niedrig qualifizierter Menschen und deren Arbeit in Form von großzügigen Weiterbildungsangeboten.

Zugegeben: Das war jetzt wirklich ein Parforceritt durch das Thema Bildungsgerechtigkeit. Aber die Gespräche mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben gezeigt, dass es viele Ansätze gibt, für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen. Viele Ungerechtigkeiten allerdings sind dem berühmten sozio-ökonomischen Hintergrund geschuldet. Und ob es allein mit Bildung getan ist, ihnen entgegenzuwirken – oder es nicht doch eher eine Überfrachtung ist?

Vielleicht geben die weiteren Folgen unserer Podcast-Reihe zur Bildungsgerechtigkeit mehr Aufschluss. Mit ihnen wollen wir nämlich tiefer in die einzelnen Bildungsbereiche eintauchen und nach vielversprechenden Ansätzen für mehr Gerechtigkeit suchen.

Wir freuen uns, wenn Sie dabei bleiben! Und: Vielen Dank für‘s Zuhören!


Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.