„Für eine gelingende Lernortkooperation ist das vertrauensvolle Miteinander genauso wichtig wie digitale Tools.“

Digitalisierung und Organisationsentwicklung im Bildungssektor „Berufliche Bildung“ (4/5)

Im vierten Teil der Podcast-Reihe „Digitalisierung und Organisationsentwicklung“ beschäftigt sich Michaela Achenbach mit der beruflichen Bildung und der Frage „Wie verändern sich Lernortkooperationen unter den Bedingungen der Digitalisierung?“. Dazu spricht sie mit Professor Thomas Freiling von der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) und Thomas Schley vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb), die uns ihr Verbundprojekt LoK-DiBB und ihre Forschungsergebnisse zur Lernortkooperation in der dualen Ausbildung näher vorstellen.

Lesefassung

Hallo und herzlich willkommen bei Bildung auf die Ohren – dem Podcast des Deutschen Bildungsservers. Mein Name ist Michaela Achenbach. In dieser vierten Folge in der Reihe „Digitalisierung und Organisationsentwicklung“ schauen wir auf die berufliche Bildung und das Thema Lernortkooperation. Wie verändern sich Lernortkooperationen unter den Bedingungen der Digitalisierung? Darüber spreche ich mit Professor Thomas Freiling von der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit und Thomas Schley vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung. Sie forschen beide im Verbundvorhaben Lok-DiBB, welches durch das BMBF-Metavorhaben „Digitalisierung im Bildungsbereich“ begleitet wird.

Hallo Herr Freiling, hallo Herr Schley, ich grüße Sie. Schön, dass Sie heute da sind.

TF: Ich grüße Sie, Frau Achenbach.
TS: Hallo zusammen.

Ihr Verbundvorhaben LoK-DiBB erforscht die Bedingungen gelingender Lernortkooperationen im Kontext der Digitalisierung in der beruflichen Bildung. Was ist das Ziel ihres Forschungsvorhabens?

TF: Im Grunde geht es um die Identifizierung von Faktoren und Bedingungen, die dazu beitragen, die bisherige Zusammenarbeit der Lernorte beruflicher Bildung, also von Berufsbildenden Schulen, Ausbildungsbetrieben und auch den überbetrieblichen Bildungseinrichtungen insbesondere auf inhaltlicher Ebene im Ausbildungsalltag zu intensivieren. Bislang stehen organisatorisch-probleminduzierte Anlässe im Vordergrund, beispielsweise wenn es um einen Austausch zum Leistungsstand von Auszubildenden zwischen Ausbildungsbetrieb und Berufsschule geht.

Insbesondere die Veränderungen der Arbeitswelt durch digitale Transformationsprozesse bringen neuartige Anforderungen an die Ausbildung mit sich, die über eine Intensivierung der Zusammenarbeit (Kooperation) eher zu bewältigen sind und für die beteiligten Lernorte Synergieeffekte schaffen können, z.B. in der gemeinsamen Nutzung technologischer Ressourcen.

Welche Tools haben Sie für die betriebliche Praxis entwickelt?

TS: In erster Linie ging es im Forschungsprojekt darum, zentrale Faktoren zu identifizieren, die zu einer gelingenden Lernortkooperation beitragen oder diese beleben können. Die Erkenntnisse fließen zum einen in einen projekteigenen Sammelband ein, der Beispiele unterschiedlicher Netzwerke illustriert und die zentralen Ergebnisse für die interessierte Öffentlichkeit aufbereitet. Ferner wurde ein Tool zur Einordnung und Weiterentwicklung von Lernortkooperationen – der LoK-DiBB-Online-Selbstcheck entwickelt. Mit dessen Hilfe kann der Stand zur LOK im eigenen Berufsbildungsnetzwerk ermitteln und reflektiert werden. Die Ergebnisse geben Anhaltspunkte und Empfehlungen für mögliche Entwicklungsbedarfe der eigenen LOK-Aktivitäten. Ein kostenfrei verfügbare Handlungsleitfaden für die Bildungspraxis ergänzt den LoK-DiBB-Selbstcheck.

Warum erfüllen Lernortkooperationen oft nicht die Erwartungen, die Betriebe, Schulen und Auszubildende an sie haben?

TS: Es zeigt sich aus den durchgeführten qualitativen Interviews mit Akteuren beruflicher Bildung an den Lernorten und auch aus der bundesweit durchgeführten quantitativen Befragung, dass die Zusammenarbeit zwischen den Lernorten eher zu organisatorischen Aspekten erfolgt und es zumeist nicht zur Bearbeitung vertieft inhaltlich-konzeptioneller Themen kommt. LOK kommt häufig zum Tagesgeschehen „on top“ und deshalb nicht selten das Nachsehen. Es gibt einige Hürden, die einer elaborierten Lernortkooperation im Weg stehen: technische und/oder personelle Ressourcen stehen nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung, es bestehen sehr unterschiedliche Interessen unterschiedlicher Akteure (z.B. ökonomische versus didaktisch-methodisch orientierte), die Stringenz in der Organisation der Kooperation ist zu wenig erkennbar (z. B. fehlende verbindliche Arbeitstreffen) oder inhaltliche Aspekte wie z. B. Abstimmungen zu neueren Ausbildungsinhalten in Schule und Betrieb erscheinen zu komplex.

Wodurch zeichnet sich eine gelungene Lernortkooperation aus?

TF: Die relevanten Akteure arbeiten regelmäßig zu interessierenden Themen (organisatorisch, curricular, methodisch) und in Richtung gemeinsam abgestimmter Ziele in vertrauensvoller Atmosphäre auf Augenhöhe (Beziehungsgeflecht) zusammen. Sie informieren sich zu wichtigen Belangen, unterstützen sich gegenseitig und kennen die Bedingungen am anderen Lernort. Die Organisation und das Management der Zusammenarbeit sind geregelt (Steuerung) und die Ressourcen erlauben eine Regelmäßigkeit in der Kooperation und die Bearbeitung der gesetzten Themen.

Im zweiten Reviewband des Metavorhabens „Digitalisierung im Bildungsbereich“ beleuchten die Autor*innen Katharina Hähn und Annika Niehoff vom Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen die digital gestützte Zusammenarbeit von Organisationen in der beruflichen Bildung. Für die Lernortkooperation haben sie zwei Thesen formuliert: „Digitale Tools verbessern nicht automatisch die Qualität von Lernortkooperation.“ „Potenziale für eine Stärkung der Zusammenarbeit werden weiterhin erst durch soziale Austauschprozesse nutzbar gemacht, so dass insbesondere bereits bestehende gelungene LOK weiter gestärkt werden können.“   Stützt Ihre Forschung diese Thesen?

TF: In der Tat bestehen auffällige Parallelen: Es wird deutlich, dass digitale Tools eine wichtige Voraussetzung sind, die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten zu systematisieren und teilweise auch zu erleichtern. Aber es sind keine hinreichenden Voraussetzungen. Entsprechend unseres Modells bestehen fünf Dimensionen, die das Gelingen einer Zusammenarbeit beeinflussen: Die Akteure, das Beziehungsgeflecht, relevante Themen, die Ressourcen und die Steuerung von Netzwerken zur Lernortkooperation. Qualität hat somit mehrere Facetten. Auch sollte die Frage der Tools nicht zu weit im Vordergrund stehen, da netzwerktheoretisch die Akteure und das vertrauensvolle Miteinander wichtige Voraussetzungen für das Gelingen einer Kooperation darstellen. Aber es sind sehr hilfreiche Instrumente, um die Kommunikation und die Zusammenarbeit – denken wir an Netzwerke im ländlichen Raum – zu unterstützen. In manchen Regionen bekommen daher auch Lernmanagementsysteme oder netzbasierte Dokumentenablagesysteme eine wichtige Funktion zugewiesen.

TS: Ich denke, mit diesem Fokus lässt sich auch die zweite These kommentieren. Das persönliche Kennenlernen und der Austausch in Präsenz haben weiterhin einen hohen Stellenwert bei allen Beteiligten – insbesondere was den Aufbau eines Kooperationsnetzwerkes angeht: Das notwendige Vertrauen baut sich besser von Person zu Person auf. Ein paralleles oder späteres ausweichen auf digitale Tools fällt leichter, wenn bereits eine Beziehung untereinander existiert. Die Intensivierung der Zusammenarbeit ist damit nicht wirklich von Tools abhängig, sondern von vertrauensvollen und ergiebigen Kontakten im Netzwerk. Digitale Tools erleichtern natürlich die Zusammenarbeit insbesondere über Distanzen hinweg. Eine gemeinsame Lernplattform kann beispielsweise den Grundstein für gemeinsame didaktische Überlegungen legen und die Kenntnis der Arbeit der anderen Lernorte befördern. Das hilft allerdings erst dann weiter, wenn die Bereitschaft zur beiderseitigen inhaltlichen Zusammenarbeit vorhanden ist.

Was ist für eine erfolgreiche Anwendung digitaler Tools zur Stärkung der Lernortkooperation notwendig? 

TF: Zunächst einmal die technische Infrastruktur: Diese ist deutschlandweit extrem unterschiedlich aufgestellt: von bestehenden Lernfabriken 4.0 in Berufsschulen bis hin zu Klassenzimmern ohne jegliche W-LAN Anbindung. Es fehlen nach wie vor adäquate Anbindungslösungen für die Schulen in der Breite. Auch Datenschutzfragen sind auch nach langer Zeit nicht gelöst. Zudem ist die Kompetenz des Bildungspersonals aller Lernorte zu adressieren, um die methodisch-didaktische Variationsbreite auch nutzen zu können. Auch bedarf es eines Motivationslevels, das die Kooperationsaktivitäten bereichert und durch das Maß an Engagement die Netzwerkarbeit voranbringt. Der LOK sollte auch dergestalt Bedeutung beigemessen werden, dass engagierten Lehrkräften und Ausbilder*innen zeitliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, Kooperationsbeziehungen aktiv zu gestalten.

Lieber Herr Freiling, lieber Herr Schley, ich danke Ihnen sehr herzlich für dieses informative Gespräch. Sage allen Zuhörerinnen und Zuhörern danke für Ihr Interesse und Ihre Zeit und bis zum nächsten Mal bei „Bildung auf die Ohren“.


Dieser Podcast steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Michaela Achenbach für Deutscher Bildungsserver



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