„Wir gehen da mit einem weißen Blatt Papier rein!“

Wie man die Themenfelder für das große Bürger- und Jugendforum des Bürgerrats Bildung findet.

FRAGEN AN Andreas Kleinsteuber, der im Bürgerrat Bildung und Lernen als Moderator beim Vorbereitungsworkshop und beim großen Bürger- und Jugendforum des Bürgerrats Bildung und Lernen aktiv dabei ist. Auf der großen Online-Konferenz am 28./29. Mai diskutieren 500 zufällig ausgeloste Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Frage, wie ein besseres Schul- und Bildungssystem aussehen könnte. Entlang der acht im Vorbereitungsworkshop identifizierten Themenfelder erarbeiten die Bürgerinnen und Bürger Empfehlungen, die im Herbst im Bürgerrat vertieft und an verantwortliche Stellen der Politik in Bund, Ländern und Kommunen übergeben werden.

Herr Kleinsteuber, wie lief der Vorbereitungsworkshop für das große Forum des Bürgerrats Bildung aus Ihrer Sicht?

Kernaufgabe des Vorbereitungsworkshops war es, für unser Bürgerforum sechs bis acht Themenfelder festzulegen. Dazu gab es zur Anregung ein paar Stimmen aus der Bildungswissenschaft, Plenarphasen mit Umfragen zur Bildungspolitik und Kleingruppenphasen, um sich gegenseitig kennen zu lernen – eine Form von Speed-Dating im Internet. Dazu haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Leitfragen mit auf den Weg bekommen; ihre inhaltlichen Eindrücke konnten sie danach in Wortwolken wiedergeben. Zum Beispiel an welchen Orten sie am liebsten lernen, oder was sie am Bildungssystem in Deutschland nervt. Oder was sie ändern würden, wenn sie zwei Wünsche frei hätten. Die Rückmeldung von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern war sehr positiv: Im Schnitt gab’s eine 1,5 von allen Teilnehmern – auch wenn Schulnoten nicht immer gern gesehen sind (lacht).

Der Bürgerrat Bildung und Lernen wurde von der Montag Stiftung Denkwerkstatt in Bonn ins Leben gerufen.

Wie war der Workshop zusammengesetzt?

Wir hatten insgesamt 27 Teilnehmende und waren angesichts der Beteiligung sehr zufrieden. Unsere Erfahrung zeigt nämlich, dass es bei digitalen Veranstaltungen immer mehr Absagen gibt als bei Präsenzveranstaltungen. Unser ursprüngliches Ziel mit 20 Teilnehmenden haben wir also um fast ein Drittel übertroffen. Was die Altersdurchmischung angeht, hatten wir beim Vorbereitungsworkshop einen stärkeren Überhang von Menschen ab 50; das lag daran, dass wir hier mit Zufallsstichproben über Telefone gearbeitet haben. Beim großen Bürgerforum hingegen bekommen wir zusätzlich von den Einwohnermeldeämtern aus 14 Städten zufällig gezogene Adressen, also Registerstichproben, von denen wir nur das Geschlecht und die Altersgruppe kennen. Das ist der Weg die mittlere Generation der 31- bis 55-Jährigen stärker reinzubekommen, neben den 16- bis 27-Jährigen, die mit dem Jugendforum eine eigene zusätzliche Plattform bekommen.

„Wir hatten eine relativ große Spannbreite unterschiedlicher Berufe.“

Wir haben nicht alle Berufsfelder abgedeckt, aber es war keine schlechte Mischung: Auszubildende, Studenten, ein Marineoffizier und Elektroingenieure waren dabei; auch jemand, der nicht erwerbsfähig war. Klar hatten wir auch ein paar Ruheständler im Vorbereitungsworkshop, und nicht alle outen ihren Beruf. Und natürlich auch ein paar Lehrer – was einem beim Thema Bildung ja nicht wirklich wundert.

Kamen aus Ihrer Sicht alle Teilnehmenden gleichermaßen zu Wort?

Von der Methodik her versuchen wir Einfluss darauf zu nehmen, dass möglichst alle Menschen sich beteiligen können und vor allem miteinander ins Gespräch kommen. Das funktioniert über Umfragen, über gemeinsam kreierte Wortwolken, aber vor allem über die ständig wechselnden Kleingruppen von fünf Personen, die von uns nicht moderiert wurden; das wäre auch nicht sinnvoll. Natürlich können wir so nicht ausschließen, dass eine Person die Gruppe dominiert oder sich zum Fürsprecher erklärt. Aber die Wechsel verhindern, dass sich eventuell entstehende starke Asymmetrien oder eine Eigendynamik innerhalb einer Gruppe verfestigen. Bei einem Gruppenwechsel kann diese Person es dann erneut versuchen, aber es wird ihr vielleicht nicht erlaubt. Und natürlich neigen introvertierte Menschen eher dazu, sich im Plenum weniger zu beteiligen, aber im Interview mit Frau Friedmann wird ja deutlich, dass das für sie wichtige Thema Demokratiebildung am Ende auch ein Themenfeld geworden ist.

Die Themenfelder für das Bürger- und Jugendforum

Im Zentrum der Diskussionen im Vorbereitungsworkshop stand das Schulsystem. Diese Themenbereiche haben die Teilnehmenden als Leitthemen für das Bürgerforum definiert:

  • Chancengleichheit
  • Ressourcen und Ausstattung
  • Digitalisierung
  • Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher im Fokus
  • Demokratieförderung
  • Bildungssystem – Harmonisierung und Vernetzung
  • Individuelles, ganzheitliches Lernen und Lernkultur
  • Stärkung der Bildungsakteure und ihrer Zusammenarbeit

Wie sind denn die Themenfelder letztlich entstanden?

Das war ein komplett offener Prozess. Wir haben die Interessen und Ideen zu unseren Leitfragen aus dem Speed-Dating am ersten Tag in Wortwolken gesammelt und im Plenum dargestellt. Auf der Grundlage dieser ersten Eindrücke – da waren Begriffe wie Chancengleichheit oder Inklusion dabei – wurde dann in immer neu zusammengesetzten Kleingruppen diskutiert, welche Herausforderungen sich daraus für das Bildungssystem ergeben und welche Themen dem Plenum vorschlagen werden sollten. Aus der Zusammenschau und Bündelung der Ergebnisse kristallisierten sich am Ende acht Themenfelder heraus – ohne große Kontroversen, aber es wurde durchaus diskutiert, ob und wo Präzisierungen oder Erweiterungen notwendig sind.

„Unsere Absicht war: Wir gehen da mit einem weißen Blatt Papier rein!“

Dabei hat es uns nicht wirklich gewundert, dass aus dem Begriff Chancengleichheit, der bereits im Online-Dialog von vielen genannt wurde, am Ende auch ein eigenes Themenfeld gebildet wurde.

Wie ist Ihr persönlicher Eindruck vom Bürgerrat Bildung?

Ich bin sehr zufrieden mit dem, was wir bisher gemeinsam machen konnten – und sehr optimistisch, dass das Bürgerforum am Wochenende gut läuft. Jetzt haben wir die Themenfelder und am Wochenende werden zu jedem einzelnen Themenfeld eine ganze Reihe von Bürgervorschlägen kommen. Dann kann die eigentliche Arbeit des Bürgerrates beginnen: Aus dem Material werden tiefergehende Bürgerempfehlungen im Bürgerrat von 100 „Zufallsbürgern“ im September erarbeitet und entschieden, die im Herbst in die Bildungspolitik von Bund und Ländern eingebracht werden sollen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kleinsteuber.


Andreas Kleinsteuber ist Berater und Moderator bei der Agentur iku – die Dialoggestalter, die seit 30 Jahren Kommunikationsstrategien für Unternehmen, Behörden, Verbände, Stiftungen und Ministerien aus ganz Deutschland schwerpunktmäßig in Prozessen mit Bürgerbeteiligung entwickelt und durchführt.


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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