Die Teilnahme an der diesjährigen Learntec 2009 als Aussteller und Besucher der dreitägigen Fachmesse und des Kongresses für Bildungs- und Informationstechnologie bietet Gelegenheit hier über einige Eindrücke von der Karlsruher Messe zu berichten. Die Online-Angebote der Learntec selbst vermitteln bereits eine Fülle von Informationen. Zu finden sind dort der Schlussbericht der Learntec 2009 und viele interessante Momentaufnahmen des Messegeschehens in Form des Blogs oder von Podcasts und Vodcasts. Die Karlsruher Messe- und Kongress-GmbH konzediert zwar einen moderaten Besucher- und Ausstellerrückgang, der aber auch etwas mit gekürzten Reise- und Messebudgets zu tun haben mag. Jedenfalls sieht sich die Learntec in ihrem Selbstverständnis weiterhin als “Leitmesse der Branche”. Allerdings soll die Learntec 2010 auch “nicht technologiebasierten Bildungsangebote” wie Studienberatung und Führungskräftetraining im Angebot haben. (Interessant ist hier im übrigen der Artikel “Was wird aus der LearnTEC?” im eLearning-Journal 02/08, Suchwort “Learntec”, dann gibt’s den Text als Suchergebnis an 2. Stelle auch online, leider ohne Direktlink.)
Im Rahmen der LEARNTEC Abendveranstaltung wurde der D-ELINA 2009 verliehen, der “Deutsche E-learning-innovations- und Nachwuchs-Award”, dessen Nominierungen in den Kategorien „Studierende“, „junge Berufstätige u. junge Wissenschaftler“ sowie “etablierte Anbieter u. Anwender” hier vorgestellt werden. Besonders interessant in unserem Kontext sind hier die beiden Einreichungen MyPaed, eine umfassende persönliche Studienumgebung, die speziell auf die Bedürfnisse von Pädagogikstudierenden zugeschnitten ist, und das Projekt “Begleitstudium Problemlösungskompetenz 2.0″ (Gewinner der 2. Kategorie), das Wege aufzeigt, um außercurriculares Lernen, z.B. selbstorganisierte Communities, im formalen Hochschulstudium zu verankern, und dazu u.a. E-Portfolios nutzt.
Der Vortrag von Andrea Back, Professorin am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität
St. Gallen, machte mit einer interessanten Form der Online-Diskussion bekannt: dem Blog-Carnival, laut Wikipedia “eine Blog-Veranstaltung, bei der ein Blog-Betreiber als Veranstalter ein bestimmtes Thema festlegt …, dieses als Blog-Beitrag veröffentlicht und die lesenden Blogger dazu auffordert, innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums (üblich ist ein Zeitraum von 1-4 Wochen) einen Artikel zu diesem Thema im jeweils eigenen Blog zu veröffentlichen und den Veranstalter entsprechend über die Veröffentlichung zu benachrichtigen.“. Die erste von ihr in ihrem Blog WissensWert veranstaltete Diskussionsrunde versammelt Antworten auf die Frage “Ist Wissensarbeit 2.0 traumhaft oder traumatisch?” Bisher Beitragende wie beispielsweise Gabi Reinmann, Jochen Robes oder Joachim Wedekind sind sicher keine Unbekannten in diesem Diskussionszusammenhang.
Vor dem Hintergrund seines konstruktivistischen Ansatzes ging Peter Baumgartner der Frage nach: “Ist Content wirklich king oder sind Anbieter, Anwender und Entscheider auf einem didaktischen Irrweg?” Aufgrund des die Auflösung schon nahelegenden Titels und natürlich seiner Ausführungen reicht die Produktion von bloßen Lerninhalten für den Erwerb von anwendbarem Wissen und Kompetenzen bei weitem nicht aus. Um Baumgartner aus seinem Blog zu zitieren: “Wenn wir Werkzeuge des Web 2.0 konsequent für E-Learning nutzen wollen, dann wird es zu einem Paradigmenwechsel kommen, dann wird Context der King.” Nach seiner Auffassung wird der Kontext auch eher durch Netzwerke von Personen gebildet als durch Verknüpfung von Inhalten. (IMHO werden die Relationen zwischen Artefakten nicht durch Relationen zwischen Personen bzw. Lernsubjekten abgelöst, sondern ergänzt, Inhalte erhalten durch die vielfältigen semantischen und intersubjektiven Verknüpfungen erst Relevanz für die Lernenden, Information (Content) wird dann zu bedeutsamem Wissen. Zu diesem Komplex der “significance” durch soziale Web-Anwendungen sei nochmals auf Michael Wesch’s Vorlesung “A Portal to Media Literacy” verwiesen.)
Im Zusammenhang des Moodle-Workshops wurde ein interessantes Lernangebot – natürlich auf Moodle-Basis – von der DLGI, der Dienstleistungsgesellschaft für Informatik, vorgestellt: das ECDL-Moodle. Hier gibt es nach der Registrierung frei zugängliche Lernmaterialen und Übungstests zu allen Modulen des “Europäischen Computerführerscheins” (ECDL). In Zusammenarbeit mit klicksafe.de, der Initiative für mehr Sicherheit im Netz, sind weitere 10 Kurse zum Thema Internetsicherheit entwickelt und in das ECDL-Moodle übernommen worden. Seit dem Online-Gang im Herbst 2008 gibt es mittlerweile ca. 19.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer, die das Moodle zum Selbstlernen oder in Ihrem Unterricht einsetzen. Das ursprüngliche Konzept sieht vor, dass viele Nutzer, im Sinne von User Generated Content, Lernmaterialien zum Moodle beitragen sollten. Letztlich hat nur eine (zu 19.000!) wackere Lehrerin nahezu den gesamten Content dieser Plattform unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Für alle Schätze, die in den Schubladen und auf den Festplatten von Lehrenden schlummern, Unterichtsentwürfe, Materialien und Hinweise für deren Einsatz im Unterricht stehen zu den Themen “Weltliteratur” und “Klimawandel” zwei Wikis zum Teilen, Verbreiten und vermehrten Nutzen für die “teaching community” beim Deutschen Bildungsserver bereit.
Die Wiki-Angebote des Bildungsservers waren auch Thema des Vortrags von Anke Reinhold im Forum Corporate Expertise, hier allerdings unter der informations-wissenschaftlichen Perspektive des Testens und der Verbesserung der Usability von Wikis. Die Ausführungen zur Wiki-Usability (hier die Vortragsfolien), die vom Auditorium sehr interessiert aufgenommen wurden, werden im Tagungsband zum diesjärigen ISI (Internationales Symposium für Informationswissenschaft) nochmals nachzulesen sein. Überhaupt wurde das Thema Open Source und Social Software für die Zusammenarbeit, das Wissensmanagement und das organisationale Lernen auch in diesem Jahr wieder stark nachgefragt. Wie die Gespräche am Messestand zeigten, gibt es hier offenbar einigen Bedarf an “Wiki-Consulting” bzw. Beratung zur effektiven Verwendung von Web 2.0-Werkzeugen. Auch wenn das Web 2.0 noch nicht die Massen aktiviert hat, ist sicher von diesem Thema noch einiges im Bereich e-Learning und Bildungstechnologie zu erwarten. Wir sind gespannt auf die Learntec 2010